Grüne Wälder, stille Bäche und das geheimnisvolle Schweigen einer isolierten Gemeinschaft.
In einem abgelegenen Tal lebt ein kleines Volk fernab von allen anderen. Ihre Existenz ist geprägt von uralten Ritualen, strengen Traditionen und einer tiefen Ehrfurcht vor den Göttern, denen sie in regelmäßigen Abständen Opfer darbringen. Meist handelt es sich dabei um einfache Essensgaben – symbolisch und rituell – doch hin und wieder sind die Opfer bedeutungsvoller. Jeder, ob jung oder alt, hat seinen Beitrag zu leisten. Auch die kleine Mári. Doch eines Tages passiert das Undenkbare: Mári vergisst ihr Opfer. Sie behält es für sich – eine Handlung, die nach den Gesetzen der Götter mit dem Tod bestraft wird. Aber nichts geschieht. Kein Donnerhall vom Himmel, kein strafender Blitz. Stattdessen beginnt sie zu glauben, sie sei etwas Besonderes. „Der Liebling der Götter“, denkt sie sich – ein Glaube, der ihr Selbstbewusstsein stärkt, ihre Neugier nährt und schließlich ihre Rolle innerhalb der starren Gemeinschaft grundlegend verändert.
Was zunächst wie ein klassisches Coming-of-Age-Märchen anmutet, entfaltet sich zunehmend als tiefgründige Parabel über religiöse Dogmen, soziale Kontrolle und den Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Schmidinger erzählt mit viel Feingefühl die Geschichte eines Mädchens, das zur Frau heranwächst, erste Erfahrungen mit Liebe macht und auf ein düsteres Geheimnis des Dorfpriesters stößt – ein Wissen, das nicht ans Licht gelangen darf. Denn: Die Götter sehen nicht, was unter der Erde geschieht. Mári jedoch bringt das Verborgene an die Oberfläche – mit dramatischen Folgen. Die Fassade jahrhundertealter Unterdrückung beginnt zu bröckeln, und eine neue Idee von Freiheit greift um sich. Doch die Strafe der Götter lässt nicht lange auf sich warten.
Parallel dazu tritt eine zweite Figur in Erscheinung: Anatok.
Ein empathisches, reflektiertes Wesen aus einer fernen Welt. Ein Alien, das sich auf die Suche nach den Wurzeln seiner eigenen Existenz begibt – nach Herkunft, Geschichte und Identität seines Volkes. Anatok steht im Kontrast zu Mári: Während sie von innen gegen die Zwänge ihrer kleinen Welt rebelliert, betrachtet er sein Universum mit Distanz und Weitblick. Schmidinger zeichnet hier das Bild einer fremden Spezies – mit eigenen Mythen, Normen und Zwängen. Technik, Raumschiffe oder futuristische Gadgets werden nur spärlich beschrieben; „Horizont der Götter“ ist Science-Fiction nur im weitesten Sinne. Es ist vielmehr eine soziologische Reflexion in einem anderen Gewand.
Was beide Figuren verbindet, ist der Wunsch nach Erkenntnis – und der Widerstand gegen starre Systeme. Doch genau darin liegt auch eine Schwäche des Romans: Die Gewichtung der Erzählstränge ist unausgewogen. Mári dominiert gut zwei Drittel des Buches, was über weite Strecken wie ein Jugendroman wirkt – inklusive unnötiger Szenen, die den Erzählfluss hemmen und mehr Figurentiefe als Plotentwicklung liefern. Ihre kindliche Naivität ist anfangs charmant, wirkt später jedoch zunehmend fehl am Platz. Auch Anatoks Erzählung bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Zwar bietet sie eine interessante Perspektive und stellt wichtige Fragen über Macht, Wahrheit und Erinnerung, doch die Einführung erfolgt spät und abrupt. Die Verbindung zwischen den beiden Handlungssträngen wirkt eher lose montiert als organisch verwoben – fast so, als habe man zwei eigenständige Geschichten lediglich nebeneinandergestellt, statt sie sinnvoll zu verknüpfen.
Fazit:
Horizont der Götter von Gerd Schmidinger wagt viel – erreicht jedoch nicht alles. Die Idee, religiöse Mythen mit außerirdischer Zivilisationskritik zu verknüpfen, ist originell und bietet reichlich Stoff zum Nachdenken. Doch in der Umsetzung fehlt es dem Werk an Balance. Zu sehr konzentriert sich der Autor auf Máris Werdegang, sodass das Sci-Fi-Elemente nur spärlich zur Geltung kommen. Die Revolte der Jugend gegen eine autoritäre Ordnung mag als Allegorie funktionieren, verliert jedoch durch inhaltliche Wiederholungen und dramaturgische Längen an Kraft. Für ein jüngeres Publikum mag die Geschichte inspirierend sein – ein Aufruf, das Bestehende zu hinterfragen und für Veränderung einzustehen. Für erfahrene Science-Fiction-Leserinnen und -Leser hingegen dürfte der Roman inhaltlich und erzählerisch zu konventionell ausfallen.
Matthias Göbel
Autor: Gerd Schmidinger
Taschenbuch: 312 Seiten
Verlag: Books On Demand Verlag
Veröffentlichung: 21.10.2024
ISBN: 9783759765727
Gerd Schmidinger

Lebenslauf
Gerd Schmidinger wurde 1977 in Feldkirch/Österreich geboren. Er studierte Französisch und Geschichte und lebt als Autor und Lehrer in Baden-Württemberg. Schmidinger veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten (Salamander, Exklusive Paradiese, Das Portal) im c't Magazin. Im Buchhandel erhältlich sind der Science Fantasy-Roman "Horizont der Götter" sowie der Kurzgeschichtenband "Hiobsbotschaft".
Alle Bücher von Gerd Schmidinger
Tutesmangs Traum: Der Stein des Zauberers 1
Alte Steine
Hiobsbotschaft
Hiobsbotschaft (OneShots - Fantastic Stories 1)
Horizont der Götter
reduziert
Neue Rezensionen zu Gerd Schmidinger
Die Bevölkerung der Pelzträger wird von den Schlammschleichern überfallen. Kardemon, Ladslu und Solya überleben. Und als festgestellt wird, dass der Stein des Bären dabei gestohlen worden ist, machen sie sich auf den Weg, ihn wiederzubeschaffen. Dabei geraten sie in gefährliche Abenteuer. Währenddessen ist der Zauberer Tutesmang mit seinem Schüler Pacifer dabei, ein verstecktes altes Artefakt zu finden.
Eine Geschichte, die durchaus Potential hat, denn die Idee ist wirklich gut und hebt sich auch von anderen Fantasy-Geschichten heraus. Leider ist es alles noch nicht so ganz ausgereift, und die Story kann auch noch viel tiefgründiger gehen. Besonders die Charaktere sind unvollständig, bleiben ziemlich blass. Bei einigen Hauptcharakteren erkennt man aber schon durchaus gute Ansätze. Pacifer geht da voran und gefällt mir von seiner Art her ganz gut. Es gibt zwei Handlungsstränge, wobei man zu Beginn noch nicht ahnt, inwieweit sie miteinander verbunden sind. Aber sie werden letztlich schlüssig verknüpft. Obwohl noch Fragen für den nächsten Band offenbleiben, denn dies ist der erste Band einer Serie.
Inhalt:
"Als der Stein des Bären beim Angriff der Schlammschleicher gestohlen wird, ahnen die Pelzträger noch nicht, welch harte Prüfung auf sie zu kommt. Während Kardemon, Ladslu und Solya auf der Suche nach dem Stein zu einer abenteuerlichen Reise aufbrechen, versucht der Zauberer Tutesmang gemeinsam mit seinem Schüler Pacifer ein uraltes Artefakt zu finden, das seiner Welt eine neue Ära der Erleuchtung bringen soll. Werden die Pelzträger den Stein des Bären wiedererlangen und somit das Schicksal ihres Dorfes zum Guten wenden? Wird Tutesmang das mysteriöse Artefakt finden - und geht es ihm bei seiner Suche wirklich nur um Erkenntnis? Gerd Schmidinger, geboren und aufgewachsen in Feldkirch (Österreich), studierte in Innsbruck, Freiburg und Paris Geschichte und Französisch. Er lebt als Autor und Lehrer in Heilbronn (Baden-Württemberg). "Tutesmangs Traum" ist seine erste Romanveröffentlichung."
Meinung:
Der Einstieg in die Geschichte war schwierig, da man mitten im Geschehen war und sich eigentlich wenig auskannte. Nacheinander kamen immer mehr Figuren und Charaktere dazu, was die Sache nicht erleichterte.
Die Charaktere sind ein schwach ausgebildet, hier besteht Steigerungspotenial.
Ein Fantasyroman der für den Anfang zuviele Ereignisse enthält, da man fast nicht nachkommt die Geschichte zu verstehen weil die Ereignisse geradezu überschlagen. Für mich etwas zu viel des guten.
Die Idee der Geschichte ist grundsätzlich gut.
Fazit:
Leider nicht mein Fall, da es schwierig war in die Geschichte ienzusteigen, vielleicht wird es bei Bd. 2 besser.
Gespräche aus der Community
der Fantasyroman »Tutesmangs Traum« von Gerd Schmidinger ist vor kurzem erschienen und bildet den Auftakt für einen mehrbändigen Zyklus.
Wir würden uns freuen, wenn ihr es gemeinsam mit uns lesen und besprechen würdet.
Dafür verlosen wir 5 Print-Exemplare sowie 10 eBooks im epub- oder Kindle-Format. Bitte gebt bei der Bewerbung an, ob ihr euch für Print oder eBook bewerbt.
Der Autor Gerd Schmidinger sowie der Verleger des Beyond Affinity Verlags, André Boyens, werden diese Leserunde begleiten und stehen euch gerne für Fragen etc. zur Verfügung.
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