Gerhard Birk Gefrorene Tränen - Blutiger Schnee

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Inhaltsangabe zu „Gefrorene Tränen - Blutiger Schnee“ von Gerhard Birk

Der Zweite Weltkrieg geht seinem Ende entgegen. Der Kriegsbrand, der von Hitlerdeutschland ausgegangen war, kehrt mit der gewaltigen Militärmacht der Alliierten aus allen Himmelsrichtungen in das Ausgangsland zurück. Die Bewohner im Osten des Deutschen Reiches ergreifen unter zumeist unbeschreiblichen Bedingungen mitten im tiefsten Winter die Flucht vor der herannahenden Front. Auch die Bewohner eines kleinen niederschlesischen Dorfes, durch das schon seit Wochen Flüchtlingstrecks zogen, bereiten sich auf die Flucht vor. Die Gastwirtsfamilie Eichbaum muss zusehen, wie der einstmals blühende Gasthof durch die Flüchtlingstrecks, durch die ausgehungerten und frierenden, zum Teil ausgeplünderten Flüchtlinge binnen kurzer Zeit verfällt und zu einer schmutzigen Spelunke verkommt. Überall bleiben Spuren des Zerfalls, der Zerstörung und des Zusammenbruchs zurück. Das, was der Familie bis dahin Heimat und Existenzgrundlage gewesen ist, wird von den durchrollenden Flüchtlingswellen und desillusionierten Angehörigen der Hitlerwehrmacht überrollt und gnadenlos hinweggerissen wie von einer Hochwasserflutwelle. Während der bereits im Ersten Weltkrieg zum Krüppel geschossene und deshalb kriegsuntaugliche Gastwirt Peter Eichbaum auf höheren Befehl hin mit einigen Jugendlichen und Greisen zur „Verteidigung“ des Heimatortes zurückbleiben muss, begibt sich der Rest der siebenköpfigen Familie – einschließlich des polnischen Kindermädchens – in langen, aus Pferdegespannen bestehenden Trecks auf die Flucht ins immer kleiner werdende und weithin zerstörte Deutsche Reich, das von der Hitlerclique leichtfertig aufs Spiel gesetzt und verspielt worden ist. Dieser Elendszug aus Niederschlesien strebt durch die hoch verschneite Heimatlandschaft dem zu diesem Zeitpunkt noch überquerbaren Oderstrom entgegen. Die heranrollende Front in Gestalt von fliehenden Wehrmachtsangehörigen und der ihnen auf dem Fuße folgenden Roten Armee kommt immer näher. Die Bedrohung nimmt alptraumhafte Ausmaße an. Die Flüchtlinge leiden unter dem starken Frost, unter Entbehrungen aller Art, aber auch unter deutschen wie auch polnischen Plünderern. Die Not und die Leiden erreichen unbeschreibliche Ausmaße. Immer mehr Menschen finden unter den entbehrungsreichen Bedingungen, die sich durch Luftangriffe der Amerikaner und Russen und ähnliche Katastrophen zuspitzen, den Tod. Die einen erfrieren, die anderen verhungern. Tote Menschen, darunter alte Leute, Kinder und Babys und von den ebenfalls fliehenden deutschen Soldaten fortgeworfenes und zurückgelassenes Kriegsgerät und Waffen säumen die Wegesränder. Nicht wenige Menschen ertragen die Qualen des grausamen Alltagslebens nicht mehr und wählen den Freitod. Der Autor macht am konkreten Beispiel seiner Familie anschaulich, was es heißt, die Geborgenheit der Heimat und damit alle Grundlagen der Existenz zu verlieren. Der Lebensraum der Flüchtlinge sind die Pferdewagen mit dahinschmelzendem Hab und Gut und immer knapper werdenden Lebensmitteln. Man hat keine Adresse mehr. Die Landstraße in einem vom Krieg zerstörten Lande ist ihr Zuhause. Keiner weiß, wohin es geht und wie es weitergehen wird. Die allgemeine Lage ist bedrückend und voller Verzweiflung. Die im Heimatort zurückgebliebene kleine Truppe, darunter der auf einem Auge blinde Gastwirt Peter Eichbaum, begibt sich, ohne einen Schuss abgegeben zu haben, beim Nähern einer sowjetischen Panzereinheit auf die Flucht. Peter Eichbaum und einige der Volkssturmleute verlassen mit einem bis dahin in der Scheune versteckten PKW den Heimatort. Der Trupp verliert sich. Peter Eichbaum folgt den Spuren des Trecks und sucht verzweifelt nach seiner Familie. Bevor er die Oder erreicht, wird der inzwischen todkranke Mann wegen des Besitzes einer Pistole von den Russen gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager gebracht. Nach den Zerstörungen und den Verbrechen der Hitlerwehrmacht in der Sowjetunion ist mit keiner vom Humanismus bestimmten Verhaltensweise der vom Osten her unaufhaltsam vorrückenden Roten Armee zu rechnen. Familie Eichbaum als eine von Millionen Flüchtlingsfamilien muss alle Leiden der Flucht, die in der Regel kalte Ablehnung der Nichtvertriebenen und alle von der sowjetischen Siegermacht ausgehenden Erniedrigungen und Repressivmaßnahmen über sich ergehen lassen. Übergriffe, Plünderungen, Mord, Totschlag und Vergewaltigungen, aber auch der grenzenlose Hunger, die Obdachlosigkeit und eine unbeschreibliche materielle Not gehören fortan zum Alltag der Flüchtlingsmassen. Die meisten dieser bedauernswerten Menschen besitzen nur noch, was sie am Leibe tragen. Vor allem die Kinder haben furchtbar unter den Alltagsqualen zu leiden. Die traumatischen Erlebnisse sollten sie ein Leben lang begleiten. Aber auch die Tiere, vor allem die Pferde vor den Flüchtlingswagen, die Hunde usw. bleiben nicht von den Qualen und den Folgen der Massenflucht verschont. Der Autor macht in Exkursen auf Schicksale von Einzelpersonen, aber auch vom tragischen Leben und Ende des Hundes Seppel, der bei der Flucht zurückgelassen worden war und sich auf die Suche nach der Familie Eichbaum begibt, aufmerksam. Die Flucht der Familie Eichbaum endet, da ihnen die Soldaten der Siegermacht die Pferde weggenommen haben, irgendwo in Sachsen. Der Rest der heimatlichen Dorfgemeinschaft und die gesamte Verwandtschaft zogen weiter. Einige von ihnen gelangten nach Bayern, andere auf der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage in andere Teile der westlichen Besatzungszonen. Familien wurden auseinandergerissen. Ein Wiederfinden war auf lange Zeit hin unvorstellbar. Weder das Verkehrswesen noch die Post funktionierten. Der Krieg hatte alles zerstört. Manche der Flüchtlinge hofften noch recht lange auf eine Rückkehr in die Heimat und blieben, um sich nicht allzu sehr von der Heimat zu entfernen, in der östlichen, also in der sowjetischen Besatzungszone. Mit den – häufig nur vorübergehenden - Zielpunkten der Flucht war ohne das Zutun der Heimatvertriebenen schließlich unwiderruflich entschieden, ob sie künftig in Ost- oder in Westdeutschland und unter völlig unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen leben würden. Der Autor zeigt auf, wie die von den Einheimischen ungeliebten und abgelehnten Flüchtlinge als Lumpengesindel, als Habenichtse und als Diebesgesindel diffamiert und behandelt werden. Um zu überleben, sinkt auch die Familie Eichbaum immer tiefer. Die Kinder versuchen auf ihre Art, sich am Lebensunterhalt der Familie zu beteiligen und laufen Gefahr, dabei immer mehr auf die schiefe Bahn zu geraten. Die Kinder erlernen beizeiten das Tauschen, mehr und mehr aber auch das Stehlen. Sie alle machen die bittere Erfahrung, dass Hunger sehr schmerzhaft ist. Die Mutter beobachtet den rasanten sozialen Abstieg mit bangen Gefühlen und befürchtet, dass die Kinder nie wieder auf den rechten Weg zurückfinden könnten. Herta Eichbaum, die von den Qualen der Flucht und ihren schrecklichen Begleiterscheinungen am meisten betroffen ist, lebt schließlich nur noch von der Hoffnung auf die Rückkehr des Ehemannes und auf eine Rückkehr in die Heimat. Der Ehemann kommt zwar wieder, aber er ist todkrank. Die Hoffnung auf eine Rückkehr in die wenn auch zerstörte Heimat und auf einen Neuanfang im weithin zerstörten Heimatort erfüllt sich nicht, sie sollte sich auch in der Zukunft nicht erfüllen. Herta Eichbaum stirbt ganz langsam dahin. Der Rest der Familie richtet sich in einem Staatsgebilde ein, das sie sich nicht ausgesucht hatte. Der Leser erfährt darüber hinaus etwas über das Verhältnis der deutschen Bevölkerung zu den Soldaten der Siegermächte, so den Amerikanern und den Russen. Ihm wird vor Augen geführt, wie die Flüchtlinge als ungeliebte Eindringlinge, die man wegen ihres ungewöhnlichen Dialektes und als Folgeerscheinung der Nazipropaganda auf die Stufe von Zwangsarbeitern und „Pollaken“ stellt und somit als „rassisch minderwertig“ betrachtet und behandelt, sich zu behaupten versuchen. Er erfährt aber auch, dass es vielen Flüchtlingen gelingt, sich durchzusetzen und wieder Fuß zu fassen. Und der Leser kann auch erkennen, wie sich die gewaltsam aus ihrer Heimat vertriebenen Menschenmassen trotz der ablehnenden Umwelt Schritt für Schritt und mit endloser Geduld und unbeschreiblichem Fleiß wieder so etwas wie Heimat schaffen. Ihr Anteil am Wiederaufbau des zerstörten, verstümmelten und kleiner gewordenen Vaterlandes war nicht gering. Der Tatbestand, dass die einen mit ihrem ganzen Fleiß und Erneuerungswillen zwangsläufig am Wirtschaftswunder und die anderen ebenso zwangsläufig und mit nicht geringerem Fleiß am Aufbau des Sozialismus beteiligt waren, ohne vorerst zu wissen, welches System überlebensfähig ist, liegt die Tragik der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dem Leser bleibt auch nicht verborgen, dass der Autor angesichts des durchlittenen Flüchtlingselends von einer grenzenlosen Friedenssehnsucht beseelt ist. Er lässt den von unmenschlichen Führungscliquen geschürten Hasstiraden und ihrer Fortsetzung im Kalten Krieg keinen Raum, sondern macht stets aufs neue darauf aufmerksam, dass sich die Angehörigen der am Krieg beteiligten Völker kaum voneinander unterscheiden und dass die absolute Mehrzahl von ihnen letztendlich nichts sehnlicher wünscht, als in Frieden miteinander zu leben. Peterwitz bringt anhand der auf schmerzlichen Erinnerungen basierenden Darstellungen zum Ausdruck, dass die sich für die Zukunft abzeichnende Globalisierung solche Begriffe wie Heimat nicht aufheben. Der moderne Heimatbegriff bedarf allerdings einer zeitgemäßen und vor allem verantwortungsbewussten Definition, die frei von Rache und Rassismus und frei vom Denken in den Kategorien des durch die Geschichte ad absurdum geführten Herrenmenschentums, das uns im Hitlerismus wie auch im Stalinismus begegnete, ist. Wer sich in Verkennung der welthistorischen Situation voller Arroganz zum Sieger der Geschichte erklärt, verteilt das Fell des Bären, ehe er ihn erlegt hat. Der Autor bemüht sich schließlich zu verdeutlichen, dass es unter den Menschen in den Siegerländern und den Menschen jener Länder, die im Krieg unterlagen und all jenen, die dazwischen standen, viel mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes gibt. Er richtet die Aufmerksamkeit seiner Leser auf ein noch viel zu wenig ausgeleuchtetes Kapitel der jüngeren Geschichte, um durch den Blick in diese düstere Vergangenheit ein besseres Verständnis für die Gegenwart, vor allem aber für die Zukunft hervorzurufen. Selbst Napoleon, der sich dereinst anschickte, sich Europa zu unterwerfen, gelangte zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass ein Kopf ohne Gedächtnis einer Festung ohne Besatzung gleicht. Peterwitz möchte seinen Lesern nicht zuletzt die Erkenntnis vermitteln, dass es zu einem im Frieden vereinigten Europa keine Alternative gibt.

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