Gerlind Reinshagen

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Autor von Jäger am Rand der Nacht, Kaugummi ade! und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Gerlind Reinshagen

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Gerlind ReinshagenJäger am Rand der Nacht
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Jäger am Rand der Nacht
Jäger am Rand der Nacht
 (1)
Erschienen am 09.03.1993
Gerlind ReinshagenDie flüchtige Braut
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Die flüchtige Braut
Die flüchtige Braut
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Erschienen am 26.08.1984
Gerlind ReinshagenJoint Venture
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Joint Venture
Joint Venture
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Erschienen am 17.03.2003
Gerlind ReinshagenVom Feuer
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Vom Feuer
Vom Feuer
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Erschienen am 13.03.2006
Gerlind ReinshagenRovinato oder Die Seele des Geschäfts
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Rovinato oder Die Seele des Geschäfts
Rovinato oder Die Seele des Geschäfts
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Erschienen am 26.09.1981
Gerlind Reinshagennachts
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nachts
nachts
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Erschienen am 12.10.2011
Gerlind ReinshagenDie grüne Tür
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Die grüne Tür
Die grüne Tür
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Erschienen am 25.01.1999
Gerlind ReinshagenHimmel und Erde
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Himmel und Erde
Himmel und Erde
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Erschienen am 01.01.1985

Neue Rezensionen zu Gerlind Reinshagen

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Joachim_Tieles avatar

Rezension zu "Jäger am Rand der Nacht" von Gerlind Reinshagen

Notwendige späte Nachkriegsliteratur und eine (fast) verspätete Würdigung
Joachim_Tielevor 3 Jahren

"Jäger am Rand der Nacht" wurde bei seinem Erscheinen im Jahr 1993 weder literaturwissenschaftlich noch feuilletonistisch wirklich wahrgenommen. Allein im Archiv der "Zeit" findet man eine lieblose und fast desorientierende Besprechung von Barbara Sichtermann, der in den Achtziger und frühen Neunzigern des vorigen Jahrhunderts "Grande Dame" des feministischen Feuilletons. Alles, was dieser Rezensent an dem Buch besonders schätzt, wird von Frau Sichtermann in ihrer Rezension*) geradezu runtergemacht und nahezu zur Streichung empfohlen. Sie wünscht sich den Roman um alle Wirklichkeitsbezüge entschlackt. Sie malt sich aus, dass "Gerlind Reinshagen aus ihrer Gregor-Idee ein Poem oder eine historische Legende gemacht hätte anstatt einen Roman, der sich den topographischen, zeitlichen und kausalen Regeln einer Wirklichkeit zu fügen versucht, die ihn nicht regiert."

Der Protagonist des Romans ist Gregor, Abiturjahrgang 1975 und etwa fünfzehn Jahre später dabei, sich das Leben zu nehmen. Die Abiturjahrgänge um 1975 sind etwas Besonderes, da einige, die dann Abitur hätten machen sollen, dieses nicht erreicht haben, weil sie vorher Selbstmord begangen hatten (während der Oberstufenzeit des Rezensenten, selbst Abiturjahrgang 1975, hat dieser drei Mitschüler verloren, zwei durch absichtlichen Selbstmord und einen durch eine - vermutlich - versehentliche Überdosis; in vielen anderen Schulklassen in jener Zeit war es ähnlich). Gregor ist also zunächst ein - zumindest vorläufiger - Überlebender dieser Generation.

Sicherlich wird es 1993, dem Erscheinungsjahr  von "Jäger am Rand der Nacht", Selbstmorde unter Mittdreißigern gegeben haben, also denjenien aus den Abiturjahrgängen um 1975, die es bis dahin geschafft hatten, aber die Mehrheit war zu dieser Zeit - man studierte damals, zumindest in den Geisteswissenschaften deutlich länger als heutzutage nach der Bologna-Reform - dabei, sich in der ersten Karriere einzurichten oder an einer zweiten zu basteln. Zu diesem Zeitpunkt war diese Generation nach vorne orientiert, und das Buch von Gerlind Reinshagen lief auch an den Literaturorientierten von ihnen häufig vorbei. Dies kann einen Teil der nahezu unterbliebenen Rezeptionsgeschichte des Romans erklären, der nach wie vor in der gebundenen Erstausgabe erhältlich ist. Die mögliche "Zielgruppe" des Romans konnte ihn damals - wie der Rezensent,  der ihn seit kurz nach dem Erscheinen ungelesen im Regal stehen hatte - nicht auf sich selbst beziehen.

Um die Fünfzig herum passiert mit vielen Menschen etwas, das über den bisher gewohnten Alterungsprozess hinausgeht. Unabhängig von den realen Sterbestatistiken nimmt man für ein menschliches Leben inzwischen wohl hundert Jahre an, die es erreichen kann, und ab fünfzig geht es auch in dem Sinne "bergab", dass die Hoffnungen versiegen, aus dem noch etwas zu machen, was man als verpfuschtes Leben ansieht - natürlich nur, wenn man es als solches ansieht oder es einem die "Gedanken am Rande der Nacht" zuflüstern, die auch am Tage gelegentlich aufblitzen. Mit jedem weiteren Jahr nach den Fünfzig wird dies deutlicher, und bald verblasst auch das Licht, das man für sich und sein inneres Selbst um die fünfzig noch einmal angezündet hatte, sei es in Form einer neuen Liebe oder der beruflichen Selbständigkeit. Das Vertrauen, dass die Zeit die Wunden füherer Verletzungen würde heilen können, ist verschwunden.

Personen aus Gregors Abiturjahrgang sind jetzt um die Sechzig, oder gehen mit jährlichen Riesenschritten darauf zu. Und ab Sechzig, glaubt man entsprechenden Studien, nimmt die Zahl der sogenannten Bilanzselbstmorde zu. Das heißt, man zieht eine Bilanz des eigenen vorherigen Lebens, und diese kann bei Einzelnen so ausfallen, dass man seinem Leben ein Ende setzt. Aber auch wenn man nicht selbstmordgefährdet ist, gewinnen frühere Traumata - auch die überwunden geglaubten - wieder an Bedeutung. Und zu diesen Traumata gehören auch jene, die die eigenen Eltern im Krieg davon getragen, und die sie, bewusst oder nicht, an ihre Kinder weitergegeben, gewissermaßen "durchgereicht" haben. Aus diesem Grund kann es lohnend sein, Gerlind Reinshagens Buch noch einmal völlig neu zu betrachten, durch die Generation der sogenannten Babyboomer und die - inzwischen muss man den Plural nehmen - Generationen von deren Kindern.

"Jäger am Rande der Nacht" spielt, was die Person des Protagonisten Gregor angeht, in den späten achtziger  Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Berlin und New York. Auch "der Verlauf der Fronten im Kriegsjahr 1944" spielt eine Rolle, aber dieser und andere Ereignisse "in der banalen Realität" wirken auf die Rezensentin Barabara Sichtermann "deplaziert, verloren, allzu profan und unstimmig. Auf diese Dinge kommt es so wenig an, daß sie fast stören, wenn von ihnen die Rede ist." An anderer Stelle spricht Frau Sichtermann sogar von einer "Trivialisierung" der Geschichte durch ihre realistischen Bezüge in der (damaligen) Gegenwart. Ich denke aber, dass es auf diese Dinge eminent ankommt. Zugestanden ist, dass es befremdlich wirken konnte, dass in den frühen neunziger Jahren auf einmal ein Roman erschienen ist, den man über weite Strecken der unmittelbaren Nachkriegsliteratur hätte zuordnen können, der aber gleichzeitig bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreichte und dort einen Protagonisten Selbstmord begehen ließ, aus Gründen, die in die Kriegs- und Nachkriegszeit zurückreichten (alle Zitate in diesem Absatz aus Barbara Sichtermanns genannter Rezension).

Der Klappentext ist auf der LovelyBooks-Seite zum Buch in voller Länge wiedergegeben, und er führt in die Grundzüge der Thematik des Romans und seine Handlung gut ein. Nicht aber wiedergegeben ist das Zitat auf dem Buchrücken, ein Zitat aus dem Buch selbst (dort S. 33): "In welchem Hinterzimmer du dich auch verkriechst - ich werde dich zu finden wissen! (...) Selbst wenn wir uns im Leben nicht mehr treffen sollten, du bist mir verpflichtet. (...) Du kommst mir in Ewigkeit nicht davon." Dies beschreibt die Unentrinnbarkeit einer fernen Zeit, fast einen Fluch, mit dem Gregors Generation belegt war und ist, so weit sie nicht, wie Gregor, Selbstmord begangen hat, Mitglieder einer Generation, die noch nicht geboren waren, als das Kriegsende schon fast zehn Jahre zurücklag. Hierin liegt der große Wert dieses Romans, der ihn, so bleibt zu hoffen und ihm zu wünschen, noch lange begleiten wird: Die Wahrheit über den Krieg und seine Generationen überspannenden Folgen, aus der Feder einer Frau der Generation, der die Mütter der Generation Gregors angehören. Jene haben über ihre Kriegserlebnisse häufig nicht gesprochen; Gerlind Reinshagen, Jahrgang 1926, tut dies stellvertretend für ihre Frauengeneration. Nun liegt es an uns, sie zu hören.

Ich wünsche diesem Buch eine Renaissance. Dass Gerlind Reinshagen als große Theaterschriftstellerin erinnert werden wird, steht außer Zweifel. Zu wünschen ist ihr eine gleichwertige Rezeption und Würdigung als Romanautorin. Noch ist es nicht zu spät.

Joachim Tiele

_________________________

*) Hier der Link zu Barbara Sichtermanns Rezension: http://www.zeit.de/1993/45/tote-stumme-und-verstocke/komplettansicht

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