Gerlind Reinshagen Jäger am Rand der Nacht

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Inhaltsangabe zu „Jäger am Rand der Nacht“ von Gerlind Reinshagen

Einer fällt aus dem sicheren Nest. Besser: er läßt sich herausfallen. Gregor, dem Studenten, macht das Leben kein Vergnügen mehr. So will er es so schnell wie möglich hinter sich bringen.Er ißt nicht mehr, beginnt zu trinken, entwischt der rettenden Behandlung. Das bringt die Gemüter seiner Umgebung in Wallung. Als würde alles radioaktiv, beginnt der Familien-Freundes-Kreis sich zu erhitzen, schließlich zu bröckeln.Jeder versucht nun auf eigene Faust den Entflohenen aufzuspüren. Doch Gregor ist gewitzter als sie.Freundinnen, Freunde und Verwandte jagen durch die Stadt. Während der Arbeit in Schneiderräumen, in der Heilanstalt oder beim Kundenbesuch erklären sie in langen Selbstgesprächen, warum es notwendig ist, hier und heute am Leben festzuhalten. Predigten werden gehalten, längst obsolet gewordene Tugenden evoziert. Doch gerade diese »inneren Dialoge« enthüllen, wie jeder von ihnen an seiner ganz speziellen Tugend gescheitert ist.Seltsamerweise ist es dieses Scheitern, das den lebensmüden Gregor fasziniert. In Amerika beginnt er, die Schicksale der Freunde und Verwandten aufzuschreiben. Er beschreibt sie mit ihren hörbaren und unhörbaren Stimmen, die sich zu übertragen scheinen. Das Verfolgen der Idee bringt ihn zurück ins Leben; die besessene Arbeit an diesem Abgesang auf die Tugend zehrt es wieder auf.

Leider eines der unterbewertesten Bücher der deutschen Literatur

— Joachim_Tiele
Joachim_Tiele

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    Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    Im Dritte Reich galt die Familie als die „Keimzelle des Volkes“. Sie wurde idealisiert, kontrolliert und indoktriniert. Aber was blieb von ihr übrig nach dem Zusammenbruch? Welche Spuren hinterließen die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft? Und wie lange wirkten diese Einflüsse fort? Vielleicht sogar bis in unsere heutige Zeit?Spannende Fragen, die in etlichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Werken, in unzähligen literarischen Texten und – in neuerer Zeit besonders beliebt – in bestimmten TV-Formaten diskutiert wurden und werden. Spannende Fragen, da sie zumindest die in den Vierziger bis Siebziger Jahren Geborenen direkt betreffen. Sind sie doch alle in Familien groß geworden, die von den Auswirkungen der Jahre 1933 bis 1945 (und gewiss etlicher Jahre davor und danach), geprägt wurden, sei es als Söhne und Töchter, sei es als Enkelkinder. Meist wurde in den Familien über diese Zeit zu wenig oder aber auch zu viel, aber das Falsche erzählt (die heldenhaften Kriegserlebnisse, augenfeuchte Bekenntnisse zur alten Kameradschaft oder die Mär vom gloriosen Autobahnbau). Aber in den Fotoalben begegneten wir ihnen, den schneidigen Soldaten in ihren Ausgehuniformen, die beim Weiterblättern auf den Fotos plötzlich fehlen oder aber kaum wiederzuerkennen, abgemagert, ausgemergelt, mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen uns entgegenblicken. Was passiert in den Familien mit solchen Leerstellen oder aber mit solch gebrochenen Menschen in ihrer Mitte.Dieser Frage versucht Florian Huber in seinem Buch „Hinter den Türen warten die Gespenster“ nachzugehen. Er tut das auf seine Art – er ist Historiker aber auch TV-Filmproduzent. Man kennt die Formate, in denen Zeitzeugen in Erinnerungsschnipseln, untermalt mit raunender Erzählerstimme und suggestiver Musik zusammengeschnitten werden zu einem „Zeitpanorama“. Hier geschieht das Gleiche in Textform. Verschiedene Familien werden anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Gesprächen vom Kriegsende bis in die Sechziger Jahre und darüber hinaus betrachtet.Schwerpunkte werden gelegt bei den Frauen, die den Alltag während des Krieges, das Überleben und die Versorgung der Kinder im Alleingang bewältigen mussten und auch den größten Teil des Wiederaufbaus schulterten; bei den Kindern, die ihre Väter kaum kannten, die durch die Übertragung verantwortungsvoller Aufgaben frühzeitig erwachsen und selbstständig wurden und oft zur Mutter eine besondere Beziehung aufbauten; und natürlich bei den Männern, durch die Kriegserlebnisse zu hohem Maße traumatisiert, enttäuscht und verbittert, in den Nachkriegsgegebenheiten völlig orientierungslos, umso mehr, je später sie heimkehrten, verunsichert in ihrer Rolle als Familienoberhaupt. Diese Gruppen trafen nun aufeinander und sollten eine „heile“ Familie bilden, gerade in Notzeiten Sehnsuchtsort für viele. In den meisten Fällen klappte das nicht so reibungslos, reagierten die Väter mit übertriebener Strenge, mit Aggressionen und oftmals Gewalt und entfremdeten sich so von Kindern und Ehefrauen. Die Scheidungsrate stieg dramatisch.Die Sachverhalte sind, wenn auch hinlänglich bekannt, sehr interessant. Zumindest zu Beginn gelingt es Florian Huber aber nicht, ein wirklich schlüssig aufgebautes Ganzes daraus herzustellen. Die herangezogenen Quellen wirken zu beliebig, die Konstruktion, wenn auch chronologisch aufgebaut, nicht ganz schlüssig und vor allem die (auch sprachliche) Darstellung zu boulevardesk. Ab der Mitte des Buches wird dies besser. Besonders gut ist der Autor, wenn er sich von den Einzelquellen etwas wegbewegt und Gesamtzusammenhänge herstellt. Da wird das Buch dann auch relevant. Das ist leider bei der Zitierung der Quellen oft nicht der Fall. Wenn er zum Beispiel Heinrich Bölls „Haus ohne Hüter“ heranzieht, wird deutlich, um wie viel aufschlussreicher die Lektüre des Originalwerks für die Thematik wäre. Ähnlich geht es mit Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ oder Angelika Senffts „ „. Huber hat den von ihm zusammengetragenen Zeitzeugnissen zu wenig zuzufügen. Und für eine bloße Zusammenfassung sind seine fast 350 Seiten zu viel. Da kommt es zu etlichen Redundanzen.Wie gesagt, das Buch steigert sich ab der Mitte deutlich und bietet dann auch einige spannende Aspekte. Insgesamt aber verspielt es leider ein wichtiges Thema und kommt über das Niveau einschlägiger TV-Formate nicht hinaus.

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    • 3
  • Notwendige späte Nachkriegsliteratur und eine (fast) verspätete Würdigung

    Jäger am Rand der Nacht
    Joachim_Tiele

    Joachim_Tiele

    "Jäger am Rand der Nacht" wurde bei seinem Erscheinen im Jahr 1993 weder literaturwissenschaftlich noch feuilletonistisch wirklich wahrgenommen. Allein im Archiv der "Zeit" findet man eine lieblose und fast desorientierende Besprechung von Barbara Sichtermann, der in den Achtziger und frühen Neunzigern des vorigen Jahrhunderts "Grande Dame" des feministischen Feuilletons. Alles, was dieser Rezensent an dem Buch besonders schätzt, wird von Frau Sichtermann in ihrer Rezension*) geradezu runtergemacht und nahezu zur Streichung empfohlen. Sie wünscht sich den Roman um alle Wirklichkeitsbezüge entschlackt. Sie malt sich aus, dass "Gerlind Reinshagen aus ihrer Gregor-Idee ein Poem oder eine historische Legende gemacht hätte anstatt einen Roman, der sich den topographischen, zeitlichen und kausalen Regeln einer Wirklichkeit zu fügen versucht, die ihn nicht regiert."Der Protagonist des Romans ist Gregor, Abiturjahrgang 1975 und etwa fünfzehn Jahre später dabei, sich das Leben zu nehmen. Die Abiturjahrgänge um 1975 sind etwas Besonderes, da einige, die dann Abitur hätten machen sollen, dieses nicht erreicht haben, weil sie vorher Selbstmord begangen hatten (während der Oberstufenzeit des Rezensenten, selbst Abiturjahrgang 1975, hat dieser drei Mitschüler verloren, zwei durch absichtlichen Selbstmord und einen durch eine - vermutlich - versehentliche Überdosis; in vielen anderen Schulklassen in jener Zeit war es ähnlich). Gregor ist also zunächst ein - zumindest vorläufiger - Überlebender dieser Generation. Sicherlich wird es 1993, dem Erscheinungsjahr  von "Jäger am Rand der Nacht", Selbstmorde unter Mittdreißigern gegeben haben, also denjenien aus den Abiturjahrgängen um 1975, die es bis dahin geschafft hatten, aber die Mehrheit war zu dieser Zeit - man studierte damals, zumindest in den Geisteswissenschaften deutlich länger als heutzutage nach der Bologna-Reform - dabei, sich in der ersten Karriere einzurichten oder an einer zweiten zu basteln. Zu diesem Zeitpunkt war diese Generation nach vorne orientiert, und das Buch von Gerlind Reinshagen lief auch an den Literaturorientierten von ihnen häufig vorbei. Dies kann einen Teil der nahezu unterbliebenen Rezeptionsgeschichte des Romans erklären, der nach wie vor in der gebundenen Erstausgabe erhältlich ist. Die mögliche "Zielgruppe" des Romans konnte ihn damals - wie der Rezensent,  der ihn seit kurz nach dem Erscheinen ungelesen im Regal stehen hatte - nicht auf sich selbst beziehen.Um die Fünfzig herum passiert mit vielen Menschen etwas, das über den bisher gewohnten Alterungsprozess hinausgeht. Unabhängig von den realen Sterbestatistiken nimmt man für ein menschliches Leben inzwischen wohl hundert Jahre an, die es erreichen kann, und ab fünfzig geht es auch in dem Sinne "bergab", dass die Hoffnungen versiegen, aus dem noch etwas zu machen, was man als verpfuschtes Leben ansieht - natürlich nur, wenn man es als solches ansieht oder es einem die "Gedanken am Rande der Nacht" zuflüstern, die auch am Tage gelegentlich aufblitzen. Mit jedem weiteren Jahr nach den Fünfzig wird dies deutlicher, und bald verblasst auch das Licht, das man für sich und sein inneres Selbst um die fünfzig noch einmal angezündet hatte, sei es in Form einer neuen Liebe oder der beruflichen Selbständigkeit. Das Vertrauen, dass die Zeit die Wunden füherer Verletzungen würde heilen können, ist verschwunden.Personen aus Gregors Abiturjahrgang sind jetzt um die Sechzig, oder gehen mit jährlichen Riesenschritten darauf zu. Und ab Sechzig, glaubt man entsprechenden Studien, nimmt die Zahl der sogenannten Bilanzselbstmorde zu. Das heißt, man zieht eine Bilanz des eigenen vorherigen Lebens, und diese kann bei Einzelnen so ausfallen, dass man seinem Leben ein Ende setzt. Aber auch wenn man nicht selbstmordgefährdet ist, gewinnen frühere Traumata - auch die überwunden geglaubten - wieder an Bedeutung. Und zu diesen Traumata gehören auch jene, die die eigenen Eltern im Krieg davon getragen, und die sie, bewusst oder nicht, an ihre Kinder weitergegeben, gewissermaßen "durchgereicht" haben. Aus diesem Grund kann es lohnend sein, Gerlind Reinshagens Buch noch einmal völlig neu zu betrachten, durch die Generation der sogenannten Babyboomer und die - inzwischen muss man den Plural nehmen - Generationen von deren Kindern."Jäger am Rande der Nacht" spielt, was die Person des Protagonisten Gregor angeht, in den späten achtziger  Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Berlin und New York. Auch "der Verlauf der Fronten im Kriegsjahr 1944" spielt eine Rolle, aber dieser und andere Ereignisse "in der banalen Realität" wirken auf die Rezensentin Barabara Sichtermann "deplaziert, verloren, allzu profan und unstimmig. Auf diese Dinge kommt es so wenig an, daß sie fast stören, wenn von ihnen die Rede ist." An anderer Stelle spricht Frau Sichtermann sogar von einer "Trivialisierung" der Geschichte durch ihre realistischen Bezüge in der (damaligen) Gegenwart. Ich denke aber, dass es auf diese Dinge eminent ankommt. Zugestanden ist, dass es befremdlich wirken konnte, dass in den frühen neunziger Jahren auf einmal ein Roman erschienen ist, den man über weite Strecken der unmittelbaren Nachkriegsliteratur hätte zuordnen können, der aber gleichzeitig bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreichte und dort einen Protagonisten Selbstmord begehen ließ, aus Gründen, die in die Kriegs- und Nachkriegszeit zurückreichten (alle Zitate in diesem Absatz aus Barbara Sichtermanns genannter Rezension). Der Klappentext ist auf der LovelyBooks-Seite zum Buch in voller Länge wiedergegeben, und er führt in die Grundzüge der Thematik des Romans und seine Handlung gut ein. Nicht aber wiedergegeben ist das Zitat auf dem Buchrücken, ein Zitat aus dem Buch selbst (dort S. 33): "In welchem Hinterzimmer du dich auch verkriechst - ich werde dich zu finden wissen! (...) Selbst wenn wir uns im Leben nicht mehr treffen sollten, du bist mir verpflichtet. (...) Du kommst mir in Ewigkeit nicht davon." Dies beschreibt die Unentrinnbarkeit einer fernen Zeit, fast einen Fluch, mit dem Gregors Generation belegt war und ist, so weit sie nicht, wie Gregor, Selbstmord begangen hat, Mitglieder einer Generation, die noch nicht geboren waren, als das Kriegsende schon fast zehn Jahre zurücklag. Hierin liegt der große Wert dieses Romans, der ihn, so bleibt zu hoffen und ihm zu wünschen, noch lange begleiten wird: Die Wahrheit über den Krieg und seine Generationen überspannenden Folgen, aus der Feder einer Frau der Generation, der die Mütter der Generation Gregors angehören. Jene haben über ihre Kriegserlebnisse häufig nicht gesprochen; Gerlind Reinshagen, Jahrgang 1926, tut dies stellvertretend für ihre Frauengeneration. Nun liegt es an uns, sie zu hören.Ich wünsche diesem Buch eine Renaissance. Dass Gerlind Reinshagen als große Theaterschriftstellerin erinnert werden wird, steht außer Zweifel. Zu wünschen ist ihr eine gleichwertige Rezeption und Würdigung als Romanautorin. Noch ist es nicht zu spät.Joachim Tiele_________________________*) Hier der Link zu Barbara Sichtermanns Rezension: http://www.zeit.de/1993/45/tote-stumme-und-verstocke/komplettansicht

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