Es gibt sie sehr selten: Bücher, die man ohne große Erwartungen beginnt und dann einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. „Bruchlinien“ ist so ein Buch.
Gernot Rainer zeigt mit beeindruckender Meisterschaft, wie aus unterschiedlichen Perspektiven Konflikte entstehen, sich verhärten und schließlich eskalieren. Dabei gelingt ihm etwas Seltenes: Jede Figur bleibt nachvollziehbar. Selbst dort, wo man widersprechen möchte, versteht man, warum jemand so denkt, fühlt und handelt.
Angesiedelt ist die Geschichte im Mikrokosmos einer Wiener Schule zur Zeit der Pandemie. Doch die Pandemie ist nicht Thema, sondern Brennglas. Vor diesem Hintergrund arbeitet Rainer die psychologischen Porträts seiner Figuren mit Präzision heraus. Gerade weil das Buch nie platt oder vordergründig wird, ist „Bruchlinien“ für mich eines der klügsten und berührendsten Dinge, die ich über diese Zeit gelesen habe.
„Bruchlinien“ beschreibt, wie unmöglich es in einer polarisierten Gesellschaft wird, eine moderate Perspektive einzunehmen und erklärt damit viel über unsere Gegenwart. Wer Milan Kundera oder Juli Zeh schätzt, wird Gernot Rainers Blick auf menschliche Motivationen lieben.
Immer wieder musste ich beim Lesen kurz innehalten, weil einzelne Sätze so treffend und präzise formuliert waren, dass sie nachwirken.
„Bruchlinien“ ist ein fantastisches Debüt: klug, intensiv, sprachlich stark und hochaktuell. Ich hoffe sehr, noch viel mehr von Gernot Rainer lesen zu können.


