Er hieß Wolfgang Uhle, wurde 1512 in Elterlein im Erzgebirge geboren, wo er auch aufwuchs. Gerne hätte er in Wittenberg bei Martin Luther studiert, doch das Geld reichte nur für ein Theologiestudium in Leipzig. Der Legende nach kam es in Clausnitz, wo er seine erste Pfarrstelle antrat, zwischen ihm und dem korrupten Clausnitzer Ortsrichter Georg Bieber zu Auseinandersetzungen, die 1563 eskalierten. Der seit seiner Jugend zu Jähzorn neigende Pfarrer erschlug danach den Richter und floh in die Wälder auf der böhmischen Seite des Erzgebirges. Angeblich lebte er dort fünf Jahre. Als dann in Annaberg die Pest wütete, nahm er dort die Stelle des Pestpfarrers an, was zu seiner Begnadigung führte. Mit 82 Jahren starb er nach einem erfüllten Leben in Breitenbrunn/Erzgebirge.
Gertrud Busch (1892-1970) schrieb seine Geschichte wie eine Autobiografie auf, die 1939 unter dem Titel Wahrhafte Geschichte des Magisters Wolfgang Uhle erschien und später den Titel Der Pestpfarrer von Annaberg erhielt.
Meine Ausgabe ist noch in altdeutscher Schrift und einer historischen Sprache gedruckt. Angereichert durch eine nette Liebesgeschichte ist ein Roman entstanden, der mich in eine andere Zeit hineinkatapultiert hat. Ich erfuhr, dass ein aus gutem Haus stammendes Mädchen, das er einst aus einem brennenden Haus gerettet hatte, gegen alle Widerstände daran festhalten wollte, ihn zu heiraten.
Besonders gefiel mir die Begeisterung, in der hier über die Schönheiten des Erzgebirges berichtet wird: „Das Erzgebirg ist als gar rauh verschrien, zu Unrecht, - wie denn die Leute leicht ein Geschrei erheben über Dinge, die sie nicht von eigenem Sehen und eigener Erfahrung kennen. Wohl kommet der Winter bei uns frühe und gehet spät. Es ist aber auch nicht ohne Lust, wenn die Sonne so hell auf den Schnee scheinet, die tiefer im Lande von den Dünsten verhüllet wird, und insonderheit die Jugend hat mannigfache Freuden im Winter. Aber wir haben auch holde Maien, wenn der Buchen junges Laub frisch vor den dunklen Nadelhölzern erglänzet, ...“
Später, als Wolfgang Uhle sich in den böhmischen Wäldern versteckt, gesteht er: „Furchtbar ist es, ferne den Mitmenschen, ausgestoßen aus der Menschenwelt, ein Gefährte der wilden Tiere zu sein. Wer von euch, die ihr den Wald preiset, kennt seine tiefe Einsamkeit, da das Unheimliche hockt, bereit, dein wehrloses Herz anzuspringen, wer die unendliche Fremdheit der Bäume, die dich umstellen, als solltest du ihnen niemals entkommen?“
Für mich war dieses Büchlein ein besonderes Leseerlebnis. Es hat mir gezeigt, dass es sich durchaus lohnt, nicht nur die bekannten Klassiker zu lesen, sondern auch solch unscheinbare Juwele auszugraben. Ich war jedenfalls von der Lektüre ausgesprochen entzückt.


