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Weltentraeumerin

vor 3 Monaten

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Inhalt:

Als Milou aus Paris von ihrem Onkel zu ihrer Großmutter nach Venedig zurückkehrt, kehrt sie damit gleichzeitig auch ein Stück in die Träume ihrer Kindheit zurück, die sie hier verbracht hat, bevor ihre Eltern starben. Die Geschichten und Geheimnisse werden wieder wach, doch auf einmal sieht sich Milou auch mit einer fremden Gefahr konfrontiert: Feindlicher Nebel zieht durch die Gassen, Kinder werden entführt, Menschen verlieren ihre Erinnerung. Milou will sie retten und wird dadurch nur umso hineingezogen - in eine andere Welt, die Welt der Scherben, der Träume und verlorenen Erinnerungen. Doch sie ist nicht allein, denn der Rabenwandler Nív unterstützt und beschützt sie - vor einer Welt, in der dunkle Gefahren lauern und die Milou alles nehmen könnte, was sie ausmacht ...

Meine Meinung:

Wenn man die Geschichte auf ihr Grundkonstrukt reduzieren würde, wäre dieses vermutlich nicht wirklich neu, und auch einige Entwicklungen waren durchaus vorhersehbar. Aber es ist nicht leicht, eine neue Geschichte zu schaffen und die Hintergründe von dieser sind doch durchaus originell und anders. Und sie schafft es, allein durch ihren außergewöhnlichen Stil und ihre lebensechten Charaktere diese Schwächen vergessen zu machen.
Zugegeben, am Anfang gab es ein, zwei kleine Logikfehler. Milou stopft sich Wachs in die Ohren, um das Flüstern des Nebels nicht zu hören, spricht dann aber ganz normal mit einer Frau. Allerdings lässt sich darüber hinwegsehen, das wäre jetzt schon Meckern auf hohem Niveau.

Denn tatsächlich habe ich mich mit jeder Seite ein bisschen mehr in diesen Stil verliebt. Dazu muss man sagen, dass dieser durchaus speziell ist und ich mir auch vorstellen kann, dass es Leute gibt, die damit nicht klarkommen, aber da empfiehlt es sich wie immer, einen Blick in die Leseprobe zu werfen. Der Schreibstil ist außergewöhnlich, erschafft schillernde Bilder, düstere Spiegelungen, auf eine äußerst bildliche und metaphorische Weise, dass ich am liebsten jedes Wort einzeln auf der Zunge ausgekostet hätte.
Damit erfasst der Stil die Scherbenwelt in ihrem Wesen, sodass der Leser sich gemeinsam mit Milou in dieser fremden Welt der Träume, Erinnerungen und Geschichten wiederfindet, die ebenso zauberhaft und wundersam wie düster und grausam sein kann, die in dunklen, schillernden Facetten schimmert, voll ist von Illusionen und Schein und doch für ihre Bewohner auf eine unwirkliche Weise wirklich ist. Diese ganze Atmosphäre wird mehr als gelungen vermittelt, als Leserin fiel ich gemeinsam mit Milou auf die Täuschungen rein, staunte über die Wunder, zuckte zusammen angesichts der Kälte des Bösen, spürte den bedrohlichen Hauch des Nebels auf mir und so viel mehr. Der Schreibstil spiegelt im Prinzip die Scherbenwelt wieder und erfasst sie so, lässt sie lebendig werden vor den Augen des Lesers.
Doch gleichzeitig fängt die Autorin auch die Magie des echten Venedigs ein, sodass ich die Bilder dieser geheimnisvollen Stadt mit ihren majestätischen, uralten Gebäuden, ihren verwinkelten Gassen, ihren Inseln und Gewässern vor mir sah.

Insgesamt wirkt das Buch oft wie eine Hommage an das Träumen, an Bücher, an Geschichten, deren Wert immer wieder betont und deren Macht demonstriert wird. Träume sind es, aus denen die Scherbenwelt besteht. Und gerade bei Milous Großmutter haben Geschichten und Bücher einen hohen Stellenrang.
Doch in der Scherbenwelt werden nicht nur die schönen Träume wahr - sondern auch die Albträume. Und so gibt es Szenen, die an Gruselgeschichten erinnern, Schauplätze mit verzerrtem Glück, einem geisterhaften Nachhall, das eine unheimliche Gefahr verbirgt - verlassene Häuser, Illusionen, Erinnerungen, die ein Eigenleben entwickelt haben.

Doch auch die Charaktere sind lebendig, von Anfang an werden die Beziehungen zwischen ihnen in aller Deutlichkeit offengelegt, ohne ihnen ihren Zauber zu nehmen. Oft sind sie herzzerreißend, so voller Liebe und Hingabe, dass sie mein Herz mehr als berührten. Das gilt schon für Milou, ihre Großmutter und den befreundeten Buchhändler Federico.
Gleichzeitig sind die Charaktere unheimlich vielschichtig und tiefgründig. Sie verbergen ebenso helle wie dunkle Seiten, auch oder vielleicht ganz besonders der Antagonist. Alle von ihnen haben eine Vergangenheit, Menschen, die ihnen nahestehen, Hoffnungen und Ängste, und genau das macht sie gerade so lebendig.

Milou beschreibt sich selbst als pummelig, weil sie Bücher Sport vorzieht, ihr Leben ist erfüllt von Geschichten und in der rationalen Menschenwelt fühlt sie sich oft unverstanden. Sie ist entschlossen und mutig, selbst wenn sie oft an sich selbst verzweifelt, auch durch ihren Onkel, der ihre Träumerei immer wieder in Frage zieht.
Sie mag in gewisser Weise auch naiv sein, aber sie ist es auf eine so hoffende und unschuldige Art, dass es nicht nervig wirkt, sondern nur authentisch ist, für all die Gefahren, mit denen sie konfrontiert wird. Zumal ich ihr oft wenig misstrauisches Staunen gegenüber den Wundern und schillernden Bildern dieser magischen Welt nachvollziehen konnte.
Denn gleichzeitig ist sie offen und warmherzig, durchschaut andere manchmal sehr schnell und ist auf ihre offene, ehrliche und gleichzeitig entschlossene Art stark, gerade weil sie sich mit allen Mitteln für diejenigen einsetzt, die ihr nahestehen - und nicht nur.

Auch Nív ist ein vielschichtiger, lebendiger Charakter, den ich ins Herz schloss. Er ist zwar ein Fremder, ein Krieger mit dunklen Geheimnissen, und doch unterscheidet er sich grundsätzlich von Charakteren anderer Bücher in ähnlichen Stellungen dadurch, dass er Milou in gewisser Weise offen begegnet, sanft. Von Anfang an enthüllt er weiche Züge, verletzliche, ohne seine Stärke, seine dunkle Unerreichbarkeit direkt zu verlieren. Von Anfang an ist er lebendig, mit all seinen Facetten, seinen Sehnsüchten, seinen Wünschen, seinen Schwächen. Gerade dadurch, dass er einen gewissen Beschützerinstinkt besitzt, weiß sein Charakter auch das Herz des Lesers zu berühren.
Ich könnte an dieser Stelle noch andere Charaktere ebenso beschreiben, doch das würde den Rahmen sprengen, von daher denke ich, dass ihr sie einfach selbst kennenlernen solltet.

Die Liebesgeschichte entwickelt sich im Übrigen langsam und nachvollziehbar, gleichzeitig herzerwärmend und berührend, und dabei wenig klischeehaft.
Das Buch entführte mich zwischen diese Welten, wie in einen Traum voller düsterer und strahlender Bilder, Täuschungen und Gefahren, kleinen Wundern und schillernden Farben. Der Einzelband ist an keiner Stelle langweilig, ich wurde in seinen Bann gerissen und auch der Abschluss passte.

Fazit: Ein außergewöhnlicher, bildgewaltiger Stil entführt in eine andere Welt der Träume, Geschichten und Erinnerungen, die sowohl düstere Gefahren und Täuschungen als auch schillernde Wunder und in den Bann reißende Magie enthält - eine Geschichte für Träumer und Geschichtenliebende mit äußerst lebendigen, vielschichtigen Charakteren, eine Geschichte, die berührt, mitreißt, die Bilder vor dem eigenen Auge weckt und für einige Stunden wirklich werden lässt!

Autor: Gesa Schwartz
Buch: Herz aus Nacht und Scherben
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