Gila Lustiger Erschütterung

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Inhaltsangabe zu „Erschütterung“ von Gila Lustiger

Für Paris und ganz Europa begann 2015 eine neue Zeit: Der brutale Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo sowie der Terror vom 13. November setzten den grausamen Rahmen für ein Jahr, das nicht nur in Frankreich von einer Vielzahl weiterer Übergriffe mit islamistischem Hintergrund, antisemitischen Attentaten und einem erschreckenden Zulauf für den Front National geprägt war. Die in Paris lebende Schriftstellerin Gila Lustiger hat bereits in ihrem Gesellschaftsroman »Die Schuld der anderen« hellsichtig Ursachen und Hintergründe beschrieben. Auch die jüngsten Terrorakte hat sie miterlebt, aus dieser Erfahrung ist ihr Essay entstanden. Der kluge Versuch, einer tief empfundenen Erschütterung mit Vernunft zu begegnen und vehement unsere freiheitlichen Werte zu verteidigen – als Pariserin, Mutter zweier Kinder, Jüdin, Europäerin.

Ein persönlicher Blick auf die Attentate vom 13. November 2015 in Paris.

— miss_mesmerized
miss_mesmerized

Lesenswertes Essay, welches allerdings keine Lösungen sondern nur Gedanken anbietet. Istanbul und Jakarta werden nicht thematisiert.

— Flamingo
Flamingo

Ein intensives und sehr informatives Essay

— rallus
rallus

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  • Gila Lustiger - Erschütterung

    Erschütterung
    miss_mesmerized

    miss_mesmerized

    25. September 2016 um 05:43

    Schon im Januar 2015 wurde Paris mit den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Hyper Cacher schwer getroffen. Aber die Attentate am 13. November gingen viel stärker noch in das Bewusstsein der Franzosen ein, denn dieses Mal traf es die normale Bevölkerung, Menschen, die sich am Freitagabend amüsieren wollten, die ein Konzert besuchten und in Bars saßen, Menschen, die keine Schuld auf sich geladen und doch den Zorn von Terroristen auf sich gezogen hatten. Die deutsche Autorin Gila Lustiger hat diesen Abend und die folgenden Tage miterlebt und ihre Erschütterung in einem Essay festgehalten. Dabei spielen auch die Jugendkrawalle aus dem Jahr 2005 eine wesentliche Rolle, waren diese doch Vorläufer dieser Attentate, ebenso wie die zunehmende Anzahl an antisemitisch motivierten Einzeltaten. Auf das Buch wurde ich durch eine Veranstaltung mit der Autorin aufmerksam, in der sie zum einen auszugsweise vorlas, zum anderen aber auch noch einmal spontan in Worte fasste, weshalb sie dieser Abend so sehr persönlich getroffen hat. Gewalt und Bedrohung im Alltag sind ihr nicht fremd, immerhin hat sie einige Zeit in Jerusalem gelebt und als Jüdin ist sie insbesondere mit den Facetten sublimer und offener Feindseligkeit vertraut. Man merkte ihr sowohl bei der Lesung wie auch im Buch an, dass die Tage im November sie persönlich stark berührt haben. Dieser sehr persönliche Ton, wie auch die offenen Beschreibungen ihrer Gefühle zwischen Verzweiflung, Unverständnis und Aktionswille, machen ganz wesentlich den Essay aus. Der Versuch als Außenstehende die französische Gesellschaft und die Problematik der Cités zu analysieren gelingt ihr meines Erachtens ebenfalls sehr gut, unter anderem weil sie auch eigene Erfahrungen mit der Frage von Assimilation und dem Recht der Bewahrung von Herkunftssprache und -kultur gemacht hat. Es ist nicht die große gesellschaftlich-politische Analyse, die umfassend alle Frage beantwortet, sondern ein sehr persönlicher Bericht und Blick auf die aktuelle Situation Frankreichs. Am Ende schafft sie auch einen ganz wesentlichen Schritt: nicht mehr viel über die Täter reden, sondern auch die Opfer in den Fokus rücken, diejenigen, die für die Fehler anderer bezahlen mussten.

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  • Das Ende der Demokratie?

    Erschütterung
    rallus

    rallus

    22. March 2016 um 10:37

    2015, zwei Anschläge haben Paris erschüttert. Anfang des Jahres, ein bewaffneter Angriff auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Ende des Jahres verschiedene Anschläge mitten im Nachtleben von Paris. Die Attentäter: in Frankreich geborene Islamisten. Die Opfer: Menschen aus allen Ländern. Die Zurückgebliebenen: entsetzt, traumatisiert, sprachlos. “Und ich hatte an die Sinnlosigkeit dieser Tode gedacht, denen man durch keinen einzigen Satz, durch kein einziges Wort einen Sinn würde geben können. Man möchte einfach verstummen. Und dennoch muss weitergedacht werden.” Nicht schweigen, reden, darüber nachdenken, handeln, nicht emotional, sondern sachlich überlegt – aber wehrhaft. Das zeichnet eine gesunde Demokratie aus. Gila Lustiger, unter anderem bekannt durch ihren Anfang 2015 erschienen Roman Die Schuld der anderen, denkt in dem vorliegenden Essay darüber nach. Die Misere der Vororte von Paris hatte sie mit  “Agonie des Realen” richtig umschrieben. Und die Agonie ist es letztendlich auch, die zu Wut, Zerstörung und Gewalt führt. Die Unruhen in den Vororten Frankreichs 2005 waren die Vorboten für die Anschläge 2015 gelegt. “Damals während der Jugendkrawalle 2005, wiesen Soziologen wie Michel Wieviorka darauf hin, dass es in den Banlieues niemanden gab, mit dem der Staat über mögliche Lösungen hätte verhandeln können. Diese Generation protestierte nicht, wollte nichts, suchte nichts, denn sie hatte die Gewissheit, dass sich keiner für sie interessierte, schon längst geschluckt und verdaut.” Diese Zukurzgekommenen und Verlorenen sind heute die Wähler der Front National und auch Amerika hat dasselbe Problem mit dem populistischen Donald Trump. Gila Lustiger bleibt in Europa und erforscht die Ursachen dieser Aufstände. Warum zünden Jugendliche vermehrt Bibliotheken an? Eine Institution, die Bildung vermitteln will, und als Bildungsbürger wissen wir ja, dass dies ein probates Mittel gegen Arbeitslosigkeit, Gewalt und Extremdenken ist. Doch auch hier greift die Politik zu kurz, die Ursachen des Übels liegen ganz woanders. Lustiger zitiert aus der Politik der Würde von Avishai Margalit: “Eine Gesellschaft ist dann anständig, wenn ihre Institutionen die Menschen nicht demütigen. Zur Demütigung gehört eine existentielle Bedrohung, weil der Täter – insbesondere wenn es sich dabei um eine Institution handelt – über sein Opfer Macht ausübt. Ein wesentlicher Bestandteil der Demütigung ist, dass der Täter seinem Opfer das Gefühl totalen Ausgeliefertseins vermittelt.” Die Würdelosigkeit mit der die staatlichen Institutionen mit diesen Menschen umgeht ist eines der Kernprobleme – einhergehend, dass die Menschen in den Vororten nicht das Gefühl haben von sich aus an der Gesellschaft teilzuhaben. “Mir scheint, dass die Gesten des Gebens, Nehmens und Erwiderns auch heute noch Garanten sozialer Bindung sind. Jedenfalls ist klar, dass der Sozialstaat mit all seinen Förderprogrammen und Geldern weder Unruhen noch Terror verhindern kann. “Wenn wir keine Gegenleistung erwarten, machen wir damit deutlich, dass wir zwischen uns und dem Empfänger unserer Gabe kein Gegenseitigkeitsverhältnis sehen” hob Richard Sennett in seinem Werk Respekt im Zeitalter der Ungleichheit hervor. Respekt wird immer durch Gegenseitigkeit geschaffen.” Diese Gegenseitigkeit ist nicht mehr gegeben. Von den Institutionen herabgewürdigt, von der Gesellschaft verachtet, haben diese Menschen nichts mehr, was sie zurück geben können, das jemand anderes auch will! Was ist aber diese Gesellschaft? Ein schwammiges Wort, das je nachdem was ich ausdrücken möchte so oder so verwendet wird. Auch hier findet Gila Lustiger für sich eine Antwort, etwas das uns alle angeht! “Ich habe übrigens in dem Text von Arendt eine der schönsten Definitionen für Gesellschaft gelesen. Für sie war die Welt ‘von sterblichen Händen geschaffen[…], um Sterblichen für eine begrenzte Zeit als Heimat zu dienen.’ Es gibt für mich keine tröstlichere Vorstellung, als zu wissen, dass Menschen tagtäglich ein wenig die Welt einrenken, damit sie uns als Heimat dienen kann. Dass man in ihr nur kurz verweilt.” Was gegen Terrorismus, Gewalt und Anschläge zu tun ist, darauf kann Gila Lustiger uns keine direkte Antwort geben. Eine wehrhafte Demokratie heißt bei ihr aber nicht Truppen, Panzer und Gewehre, eine wehrhafte Demokratie denkt zuerst über ihre Werte nach und verteidigt diese – zuallerst mit dem Wort. Was man dem Essay vorwerfen kann ist, dass es sich nicht mit der Religion, als mögliches Tatmotiv, sowie als Grund wegen der wegfallenden Unterstützung der Menschen, beschäftigt. Auch kein Wort zu Houellebecq. Doch das alles ist nicht der Ansatz von Gila Lustiger. Erschütterung ist ein kluges, nachdenkliches aber höchst wichtiges Essay das hier vorliegt, eine Grundlage zur Diskussion, auch als Trost, um mit dem Unglaublichen fertig zu werden. Das letzte Wort hat die Autorin: “Die Welt ist derzeit ziemlich aus den Fugen geraten. Vielleicht hat diese Aktion bei dem einen oder anderen wirklich etwas ausgelöst. Auf jeden Fall sollte man sich nicht von irgendwelchen Bedenken abhalten lassen, zu versuchen, sie ein wenig einzurenken.”

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