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Katharina von Aragon

Die Katholischen Könige, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, hatten fünf Kinder, vier Töchter und einen Sohn. Allen fünf Kindern war ein mehr oder weniger tragisches Schicksal beschieden: Die Infantinnen Isabella (1470-1498) und Maria (1482-1517) heirateten nacheinander König Manuel von Portugal. Beide starben im Kindbett. Die Infantin Johanna (1479-1555) verfiel nach dem Tod ihres Gemahls, des Erzherzogs Philipp von Österreich, in geistige Umnachtung. Jahrzehntelang lebte sie weggesperrt in einer entlegenen Burg. Als Johanna die Wahnsinnige ist sie in die Geschichte eingegangen. Der Infant Johann (1478-1497), der in seiner Hand die beiden Königreiche seiner Eltern vereinen sollte, wurde kaum zwanzigjährig ein Opfer der Schwindsucht. Auch Isabellas und Ferdinands jüngste Tochter, die Infantin Katharina (1485-1536), erfuhr in ihrem Leben Leid und Demütigungen. Zur Besiegelung eines englisch-spanischen Bündnisses wurde sie 1501 mit Arthur, dem ältesten Sohn Heinrichs VII. von England verheiratet. Der Prinz von Wales war ein blasser und schwachbrüstiger Jüngling. Von London zogen Arthur und Katharina nach Ludlow Castle in Wales. Das raue Klima dort bekam dem Prinzen nicht. Nur wenige Monate nach der Hochzeit wurde Katharina Witwe. Jahrelang blieb die Zukunft der Prinzessin ungewiss. Zwar verabredeten ihre Eltern und ihr Schwiegervater sofort eine Ehe mit Arthurs jüngerem Bruder Heinrich, aber die Heirat wurde immer wieder aufgeschoben und erfolgte erst 1509, nach dem Tod Heinrichs VII. Katharinas Ehe mit Heinrich VIII. war zunächst glücklich. Die Königin brachte mehrere Kinder zur Welt, doch nur die Tochter Maria, die spätere Königin Maria I. (1516-1558), überlebte das Kleinkindalter. Als Mitte der 1520er Jahre abzusehen war, dass Katharina keine Kinder mehr bekommen würde, beschloss Heinrich VIII., die Ehe annullieren zu lassen. Er löste damit einen internationalen Skandal aus. Heinrichs Ansinnen hatte ungeahnte welthistorische Folgen: Es führte zur Loslösung Englands von der Katholischen Kirche und zum Beginn der englischen Reformation.

Katharina von Aragon gehört zu den bekannteren der sechs Ehefrauen Heinrichs VIII. Nicht nur durch ihre hohe Geburt hob sie sich von ihren fünf Nachfolgerinnen ab. Mit Katharina war Heinrich länger verheiratet als mit seinen übrigen Frauen zusammen. Dank einer Vielzahl von Romanen, Sachbüchern, Spielfilmen und TV-Serien ist Katharinas tragisches Los weithin bekannt. Die 1941 erschienene Biographie des amerikanischen Historikers Garrett Mattingly war jahrzehntelang das Standardwerk über Katharina. Der Tudor-Boom der letzten 20 Jahre hat einige neue Bücher über Katharina hervorgebracht. Zu diesen neueren Werken zählt die Biographie des Journalisten Giles Tremlett. Die journalistische Erfahrung des Autors – Tremlett ist Spanien-Korrespondent des "Guardian" – ist dem Buch sehr zugute gekommen. Tremlett ist ein hervorragender Erzähler; er weiß, wie man für ein großes Lesepublikum schreiben muss. Fachhistorikern kann sein Buch als Beispiel dienen, wie man eine gute populärwissenschaftliche Biographie schreibt. Tremletts Freude am Erzählen ist auf jeder Seite zu spüren. Szenische Passagen am Beginn der Kapitel lassen die Biographie manchmal wie einen Roman wirken. Tremlett beherrscht nicht nur die Kunst, historische Persönlichkeiten wieder zum Leben zu erwecken; er hat auch ein großes Talent für die Schilderung von höfischen Festen und Zeremonien und die Beschreibung von Orten und Interieurs. Eine Biographie gewinnt ungemein an Anschaulichkeit, Farbigkeit und Lebendigkeit, wenn der Autor das räumliche und materielle Umfeld seiner Protagonisten beschreibt. Über Katharinas Kindheit und Jugend ist naturgemäß wenig bekannt, aber ihr Leben am englischen Hof ist sehr gut dokumentiert. Quellen gibt es in so großer Zahl, dass Tremlett aus den Vollen schöpfen konnte und keine aufwändigen Recherchen betreiben musste. Leider enthält das Buch keine Nachweise für die vielen Zitate aus Quellen aller Art (Briefe, Chroniken, diplomatische Berichte usw.). Die Quellennachweise können aber auf der Homepage des Verlages abgerufen werden.

Tremlett behandelt die privaten und politischen Aspekte von Katharinas Leben gleichermaßen kenntnisreich. Katharina war eine kultivierte und gebildete Frau. Von allen Gemahlinnen Heinrichs VIII. brachte sie die besten Voraussetzungen mit, um die Rolle als englische Königin angemessen auszufüllen. Ihre verwandtschaftlichen Beziehungen in Europa waren ein wichtiger Aktivposten für die englische Diplomatie. Als Heinrich VIII. 1513 in Frankreich weilte, organisierte Katharina erfolgreich die Abwehr eines schottischen Angriffes auf England. Katharinas Stolz und das Bewusstsein ihrer hohen Abkunft waren ausschlaggebend für ihre Weigerung, dem Annullierungswunsch ihres Gemahls nachzugeben. Heinrich VIII. berief sich auf eine Bibelstelle, wonach ein Mann nicht die Witwe seines Bruders heiraten solle. Katharina verteidigte sich damit, dass sie und der kränkliche Arthur in den wenigen Monaten des Zusammenlebens die Ehe nicht vollzogen hätten. Die zweite Ehe mit Heinrich (für die ein päpstlicher Dispens vorlag) sei daher nicht nur im kanonischen, sondern auch im biblischen Sinne rechtmäßig. Alle Appelle, sie möge zum Wohle Englands in die Annullierung einwilligen und sich "zurückziehen", also ins Kloster gehen, wies Katharina zurück. Sie war nicht bereit, sich nachträglich zur bloßen Konkubine des Königs degradieren zu lassen. Auch um ihrer Tochter Maria willen leistete Katharina Widerstand. Maria sollte nicht ihren Status als eheliches Kind und potentielle Thronerbin verlieren. Da Rom Partei für Katharina ergriff, vollzog Heinrich, der von seiner Geliebten Anne Boleyn unablässig unter Druck gesetzt wurde, den Bruch mit der Katholischen Kirche. Thomas Cranmer, der willfährige Erzbischof von Canterbury, annullierte die Ehe schließlich im Mai 1533. Tremlett gewinnt der schon oft erzählten Geschichte um das mehrjährige Ehedrama Heinrichs VIII., das halb Europa in seinen Bann schlug, keine neuen Facetten ab. Der Vorzug seiner Schilderung besteht darin, dass Katharinas Sichtweise und Argumentation in den Vordergrund gerückt werden. Da Katharina selbst Tochter einer regierenden Königin war, bereitete ihr die Aussicht, der englische Thron könne einer Frau zufallen, nämlich ihrer Tochter Maria, weniger Unbehagen als ihrem Gemahl, der sich nichts sehnlicher wünschte als einen Sohn.

Katharina verbrachte ihre letzten Jahre auf abgelegenen Landsitzen. Sie starb im Januar 1536. Hätte sie einige Monate länger gelebt, dann hätte sie noch die Nachricht vom Sturz und von der Hinrichtung ihrer Rivalin Anne Boleyn erhalten. Katharina war kein hilf- und willenloses Opfer des Schicksals, wie Tremlett betont. Im Bewusstsein der Folgen, die zu erwarten waren, entschied sie sich zu Beginn des Annullierungsverfahrens für einen Standpunkt, den sie bis zum bitteren Ende konsequent durchhielt. Sie setzte auf den Beistand des Papstes und ihres Neffen, Kaiser Karls V. Die Unterstützung, die sie von beiden erhielt, war allerdings eher moralischer als praktischer Natur. Als Tochter der Katholischen Könige war Katharina nicht gewillt, sich beiseiteschieben zu lassen. Mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Durchhaltevermögen überraschte und erboste sie ihren Gemahl. In Filmen und Serien tritt Katharina zumeist als ältliche und verblühte Frau in Erscheinung, die in ihrer wichtigsten Aufgabe versagt hat – dem König einen Sohn zu schenken. Aus heutiger Sicht erscheint eher Heinrich VIII. als Versager: Aus seinen sechs Ehen gingen nur drei Kinder hervor, die das Jugend- und Erwachsenenalter erreichten. Im Thronfolgegesetz von 1543 und im Testament Heinrichs VIII. von 1546 war festgelegt, dass die Prinzessinnen Maria und Elisabeth (Anne Boleyns Tochter) erbfolgeberechtigt seien, sollte Prinz Eduard (Sohn von Jane Seymour) kinderlos sterben. Hätte sich Heinrich VIII. schon in den 1520er Jahren mit dem Gedanken angefreundet, dass der Thron auch an eine Frau gehen könne, dann wäre der Königsfamilie und ganz England viel Unheil erspart geblieben. Giles Tremlett hat einer selbstbewussten und streitbaren Frau, der viel Unrecht zugefügt wurde, ein Denkmal gesetzt. Königin Isabella hätte es sicher mit Genugtuung gesehen, wie sich ihre jüngste Tochter gegen einen so willensstarken und rücksichtslosen Mann wie Heinrich VIII. behauptete. In Kürze bringt Tremlett eine Biographie über Isabella die Katholische heraus. Weist dieses Buch die gleichen Vorzüge wie die Katharina-Biographie auf, dann kann man sich als Leser schon jetzt auf ein großes Lektürevergnügen freuen. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Januar 2017 bei Amazon gepostet)

Cover des Buches Isabella of Castile: Europe's First Great Queen (ISBN: 9781408854068)
A

Rezension zu "Isabella of Castile: Europe's First Great Queen" von Giles Tremlett

Andreas_Oberender
Isabella die Katholische. Ihr Leben, ihre Herrschaft

Neben Kaiser Karl V. und Philipp II. gehört Königin Isabella von Kastilien (1451-1504) zu den wenigen spanischen Monarchen, die außerhalb Spaniens allgemein bekannt sind. Jedermann weiß um Isabellas historische Bedeutung. Die Königin ist eine Figur von weltgeschichtlichem Rang. Mit der Eroberung des maurischen Königreiches Granada gelangte die Reconquista auf der Iberischen Halbinsel zum Abschluss. Isabellas selbstgewählte Ehe mit König Ferdinand von Aragon bereitete die Verschmelzung der spanischen Königreiche vor. Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus begann Spaniens Expansion nach Übersee. Isabella legte den Grundstein für den Aufstieg Spaniens zur europäischen Hegemonial- und globalen Kolonialmacht. Schon wenige Jahrzehnte nach ihrem Tod regierten ihre habsburgischen Nachkommen und Nachfolger über ein Weltreich, in dem die Sonne niemals unterging. Es ist nicht überraschend, dass auch außerhalb Spaniens immer wieder neue Bücher über Isabella erscheinen. Nach den Büchern von Nancy Rubin (1991), Peggy Liss (1992, Neuauflage 2004) und Kirstin Downey (2014) ist das Werk von Giles Tremlett die vierte englischsprachige Biographie, die im letzten Vierteljahrhundert erschienen ist. Tremlett, langjähriger Spanien-Korrespondent des "Guardian", hat seine Biographie für einen breiten Leserkreis geschrieben. Es handelt sich um ein populärwissenschaftliches Werk im besten Sinne. Für den wissenschaftlichen Gebrauch ist das Buch nicht gedacht. Die Biographie weist die gleiche erzählerische Qualität auf wie Tremletts Buch über Isabellas jüngste Tochter Katharina, die erste Gemahlin Heinrichs VIII. von England (2010). Mit großer Kunstfertigkeit zeichnet Tremlett ein Bild vom Leben am kastilischen Königshof. Seine genaue Kenntnis der Schauplätze, an denen sich Isabellas Leben abspielte – Städte, Regionen, Residenzen – verleiht dem Buch eine Anschaulichkeit und Authentizität, die man bei vielen anderen Biographien vermisst.

Tremlett überrascht seine Leser nicht mit neuen Informationen über Isabellas Leben und Herrschaft und auch nicht mit kühnen, originellen Thesen. Er fasst die spanische und englischsprachige Forschungsliteratur gekonnt zusammen und zieht eine Vielzahl einschlägig bekannter Quellen heran, etwa Chroniken und diplomatische Berichte. Wie es bei angelsächsischen Autoren üblich ist, lockert Tremlett die Darstellung mit zahlreichen Quellenzitaten auf. Der umfangreiche Text ist in 46 Kapitel gegliedert. Tremlett behandelt nahezu alle Themen, die in einer Isabella-Biographie vorkommen müssen. Wie andere Autoren vor ihm zeigt er Isabella als tatkräftige Herrscherin und strenge Gebieterin. Die Königin sah sich als Vorkämpferin des Christentums und war in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Auch Tremlett betont, dass sich Isabella kaum als positive Identifikationsfigur eignet. Die repressive Politik gegenüber Juden und Muslimen verdunkelt bis heute das Ansehen der Königin. Nach Jahrzehnten der Anarchie stellte Isabella in Kastilien wieder geordnete Verhältnisse her. Zusammen mit ihrem Ehemann Ferdinand von Aragon eroberte sie das Emirat Granada, das letzte muslimische Fürstentum auf iberischem Boden. Sie vertrieb die Juden aus Spanien und setzte die Inquisition für den Kampf gegen religiöse Minderheiten ein. All das ist bekannt, und Tremlett gewinnt dieser schon oft erzählten Geschichte keine neuen Facetten ab. Das Buch weist hier und da Längen auf. Die vier Reisen des Kolumbus werden viel zu ausführlich geschildert. Es entspricht dem populärwissenschaftlichen Charakter des Buches, dass Tremlett vermeintlich "trockene" oder "langweilige" Themen gar nicht behandelt oder nur flüchtig streift, etwa Finanzfragen, Aufbau und Arbeitsweise des Regierungs- und Verwaltungsapparates, das Zusammenspiel zwischen Krone und Ständeversammlungen (Cortes). Tremletts Interesse gilt der Königsfamilie und dem Hof, weniger der kastilischen Monarchie als solcher. Ein Fachhistoriker wird diese Vernachlässigung strukturgeschichtlicher Aspekte sicher bedauern. Für den wissenschaftlichen Gebrauch ist die Biographie von Peggy Liss vorzuziehen.

Gleichwohl ist das Buch lesenswert. Es bietet eine farbige, kurzweilige und unterhaltsame Lebensbeschreibung. Das ist umso anerkennenswerter, als einer Annäherung an Königin Isabella Grenzen gesetzt sind. Tremlett ist mit dem gleichen Problem konfrontiert wie andere Biographen vor ihm. Es existieren nur wenige Selbstzeugnisse von Isabellas Hand, etwa Briefe. Lässt sich das politische Handeln der Königin problemlos rekonstruieren, so bleibt Isabellas Inneres weitgehend verschlossen und unergründlich. Von der schwierigen Quellenlage hat sich Giles Tremlett nicht entmutigen lassen. Das Ergebnis seiner Mühen ist eine schwungvoll erzählte Biographie, die viele Leser verdient. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im November 2017 bei Amazon gepostet)

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