Europa im 11. Jahrhundert: Robert Guiscard, ein normannischer Herzog, liegt sterbend vor den Toren von Byzanz. Während er zwischen Wahn und Klarheit schwankt, beginnt sein langjähriger Freund und Weggefährte Eric Thorsen, sich an ihre gemeinsame Geschichte zu erinnern – und sie aufzuschreiben. Was folgt, ist ein großer Rückblick: auf ihre Kindheit in der Normandie, auf Freundschaft, Macht, Schuld und die Träume zweier Jungen, die sich irgendwann auf sehr unterschiedliche Wege begeben. Der Roman greift zudem auch größere Themen wie Machtpolitik, Krieg und gesellschaftliche Umbrüche im Europa des 11. Jahrhunderts auf.
Eric – der Chronist – war ein Beobachter, ein Zweifler, ein stiller Mensch. Robert hingegen strebt nach Ruhm, Herrschaft, Unsterblichkeit. Zwischen ihnen steht Freya, das Mädchen, das sie beide lieben. Und im Schatten lauert Soren, ein stiller, verletzter Außenseiter, der irgendwann zur Gefahr wird.
„Die Rache des Chronisten“ ist ein nachdenklicher, stellenweise fast melancholischer Roman über Macht, Angst, Erinnerung – und darüber, was es heißt, Geschichte zu schreiben. Der Plot entfaltet sich langsam. Wer mit Geduld liest, wird mit starken Figuren belohnt.
Besonders gelungen ist die Struktur. Der sterbende Robert in Byzanz bildet den Rahmen, der Rückblick füllt den Großteil des Romans. Es ist die Geschichte zweier Jungen, die im gleichen Hof groß werden, gemeinsam Möwen jagen, sich in dieselbe Frau verlieben – und sich dann in zwei grundverschiedene Männer verwandeln.
Die Sprache ist oft bildhaft. In vielen Szenen gelingt das sehr gut – zum Beispiel in den inneren Monologen Roberts oder in Erics Beobachtungen.
Manche Passagen wirken allerdings zu getragen, beinahe essayistisch – da hätte ich mir Balance zwischen Reflexion und Handlung gewünscht.
Auch stilistisch springt der Ton manchmal: Mal liest es sich wie ein historischer Roman, dann wieder wie ein modernes Drama. Das kann stören, muss aber nicht – je nachdem, wie offen man als Leser für Stil-Mischungen ist.
Bei einigen Namen liegt einer der größten Brüche im historischen Gefühl. Robert Guiscard ist eine Figur, die es gegeben hat – das passt. Auch Tancred, Knut oder Philipp I. sind historisch verankert. Aber Namen wie Freya, Svenia, Soren oder Eric Thorsen wirken eher wie aus einem modernen Fantasyroman. Gerade wenn das Setting sonst so viel Mühe auf historische Genauigkeit legt, fällt das auf und reißt stellenweise aus der Welt heraus.
Das bedeutet nicht, dass die Figuren schlecht gezeichnet sind. Die Beziehungen, Konflikte und Entwicklungen sind glaubwürdig und emotional stark. Aber mit historisch besser eingebetteten Namen wäre die Wirkung noch intensiver.
Fazit
„Die Rache des Chronisten“ ist bewegend. Er erzählt von Ängsten, von verpassten Chancen, von der Frage, wie wir uns selbst sehen – und wie wir später in Erinnerung bleiben wollen.
4 von 5 Sternen, mit sprachlicher Straffung und historisch passenderen Namen wäre mehr drin gewesen.


