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Schlehenfee

vor 2 Monaten

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Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende, Düsseldorf in Trümmern und die Menschen hungern. Im Sommer 1945 geht es auch der Hebamme Käthe Arensen nicht anders.
In der Schlange vor einer Lebensmittelausgabestelle lernt Käthe das „Maikäfermädchen“ Ingrid kennen, die das bekannte Kinderlied singt. Kurz darauf sucht Ingrid sie auf und möchte, dass Käthe ihr ungeborenes Kind abtreibt – im Tausch gegen einen Pelzmantel. Obwohl es gegen ihre Prinzipien geht, sagt Käthe vor lauter Hunger zu. Es spricht sich herum, dass es eine „Engelmacherin“ gibt, die etwas von der Sache versteht und eine weitere Frau kommt zu Käthe. In dieser Situation trifft Käthe ihre alte Freundin Lilo wieder. Die geschäftstüchtige Mutter von zwei Kindern überredet sie, die Abtreibungen in einer eigenen „Praxis“ zu einem Geschäft zu machen. Immerhin ist in den Hungerjahren die Not der Frauen groß. Trotzdem plagen ständige Gewissensbisse die religiöse Käthe. Da taucht Ingrid nochmals auf, wieder schwanger... Wie lange können die Frauen ihrer Tätigkeit nachgehen, ohne aufzufliegen?

Am Roman „Das Maikäfermädchen“ reizte mich neben der schwierigen Thematik „Abtreibung“ auch die Epoche der Zeit nach dem Krieg. Autorin Gina Mayer ist es hervorragend gelungen, dem Leser verschiedene Aspekte aus den Jahren 1945 bis 1948 zu schildern und ihn ins Erleben zu bringen. Die Trümmer, der Hunger, Tausch und Schwarzmarkt, die Präsenz der Besatzungsmächte (hier Großbritannien), das schwierige Erbe der Nazis, echte und falsche Opfer, Ganoven, die das schnelle Geld wittern.

Und über allem steht die Frage von Schuld oder Unschuld, auch in Bezug auf die Nazi-Diktatur.
Käthe zweifelt an sich, weil sie den Prinzipien ihres Berufs und ihres Glaubens zuwiderhandelt.
Lilos Mann kann seine Taten während der Naziherrschaft nicht vergessen. Der ehemalige Buchenwald-Häftling Schimanek möchte vergeben und neu anfangen.

Das Thema „Abtreibung“ wird ohne Wertung mit Für und Wider thematisiert. Trotzdem sollte man als Leser dem Thema gegenüber aufgeschlossen sein.

Auch wenn „Das Maikäfermädchen“ nach dem Krieg spielt, entkommen Charaktere und Leser mit ihnen dem „Dritten Reich“ noch nicht. Der Roman behandelt auch die Gräueltaten, die ans Licht kamen und wie die Menschen damit umgehen: Euthanasie, Zwangssterilisation, Holocaust und KZs. Die meisten schweigen und möchten vergessen. Das ist mir aus meiner eigenen Familie bekannt und stimmt bis heute. Für viele beginnt die Nachkriegszeit erst mit dem „Wirtschaftswunder“, die schwierigen Zeiten davor möchte man vergessen.
Darum muss ich Gina Mayer ein großes Kompliment machen: Sie hat ein schwieriges Kapitel der deutschen Geschichte, das lieber totgeschwiegen wird, authentisch und facettenreich dargestellt.

Autor: Gina Mayer
Buch: Das Maikäfermädchen
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