Gioacchino Lanza Tomasi

Lebenslauf von Gioacchino Lanza Tomasi

Gioacchino Lanza Tomasi, Adoptivsohn und Erbe des Autors sowie Vorbild für die Romanfigur des jungen Tancredi, gab 2002 bei Feltrinelli die erweiterte Neuausgabe heraus, die Grundlage für vorliegende Neuübersetzung ist.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Gioacchino Lanza Tomasi

Cover des Buches Der Gattopardo (ISBN: 9783492973809)

Der Gattopardo

 (20)
Erschienen am 01.09.2016

Neue Rezensionen zu Gioacchino Lanza Tomasi

Cover des Buches Der Gattopardo (ISBN: 9783492973809)S

Rezension zu "Der Gattopardo" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Was am Ende bleibt
SiColliervor 8 Monaten

Meine Meinung


 


Doch auch, um das obige Zitat aufzugreifen, wenn sich alles ändert, bleibt nichts, wie es ist. Das ist wohl die vermutlich seltsam anmutende Quintessenz dieses Buches, denn am Ende hat sich alles geändert und nichts ist mehr, wie es war. Tempi passati.


 


Schon lange habe ich kein Buch mehr gelesen, das mich so gefangen genommen hat wie dieses; und das obwohl ich zunächst gar nicht recht etwas damit anfangen konnte; möglicherweise wäre es von Vorteil, Vorkenntnisse der Geschichte Siziliens zu haben. Nachdem die ersten fünfzig Seiten jedoch gelesen waren, gab sich das, und ich konnte neben dem Inhalt vor allem auch die wundervolle Sprache genießen.


 


Genau deswegen habe ich ursprünglich, als mir noch nicht so recht klar war, wie sich das Buch entwickeln würde, weiter gelesen. Was für ein schönes, ausgefeiltes Deutsch! Da bereitet das Lesen alleine schon deshalb Freude, denn ein solcher Sprachgenuß ist heute wahrlich selten geworden. Hierbei beziehe ich mich ausdrücklich auf die von mir gelesene Übersetzung von Giò Waeckerlin Induni, auch wenn diese in „Fachkreisen“ anscheinend nicht sonderlich gut angesehen ist. Zu dieser Übersetzung im Vergleich zur neuen später noch einige Sätze, hier an diese Stelle gehört mein Ausdruck der Hochachtung gegenüber der Übersetzerin, die für meine Begriffe erstklassige Arbeit geleistet hat. (Angemerkt sei, daß ich mich dabei auf den deutschen Text beziehe; da ich kein Italienisch kann, ist mir ein Vergleich mit dem Original nicht möglich). Ein Merkmal einer guten bis sehr guten Übersetzung für mich ist, wenn ich beim Lesen das Gefühl habe, einen im Original deutschsprachigen Text zu lesen - das ist hier eindeutig der Fall (und nicht, wie das bei Übersetzungen aus dem Englischen des Öfteren vorkommt, beim Lesen die originale Satzstellung und Wortwahl durchklingen, so daß ich unwillkürlich zurück ins Englische übersetze). Dem Nachwort von Gioacchino Lanza Tomasi ist zu entnehmen, daß es sich um die „letzte, nochmals durchgesehene Fassung des Gattopardo“ handelt, es sich mithin um die „endgültige, von ihm [dem Autor, Anm. von mir] gewünschte Fassung handelt.“


 


Lampedusa erzählt von seinen Vorfahren und wie es ihnen im Untergang des alten Sizilien ergangen ist. Er spannt einen Bogen von 1860, erzählt von einzelnen Stationen auf dem Weg zum geeinten Italien, bis das Buch schließlich in einer Art Epilog im Mai 1910 wehmütig ausklingt.


 


Wir lernen Don Fabricio kennen, einen Fürsten alter Schule, dessen Ansehen aber zu sinken beginnt, als er plötzlich freundlich zu den Mitmenschen ist. Den Gegensatz hierzu bildet sein Neffe Tancredi, ein junger, etwas leichtlebiger Mann, der sich mit den sich verändernden Zeitläuften zu arrangieren weiß und nicht nur deshalb eine Ehe mit Angelica, der Tochter des Bürgermeisters, anstrebt, die sich von der Ehe mit Tancredi wiederum gesellschaftlichen Aufstieg erhofft. Daneben gibt es etliche weitere Figuren, die mehr oder weniger große Rollen übernehmen, und deren Schicksal mit dem des Don Fabricio, aber auch Tancredi, verwoben sind. 


 


Der Autor hat sie für mich lebendig werden lassen; es erstand vor meinem geistigen Auge eine untergegangene Welt, von der ich bisher kaum wußte, daß sie überhaupt existiert hat. Dabei hat der Autor auch Details im Blick, wie zum Beispiel das Fehlen des Platzes für die Füße in der Kutsche auf dem Weg zum Ball. Und endlich wird auch einmal zugegeben, daß man nach einer auf dem Ball durchfeierten Nacht gegen Ende derselben einfach nur noch hundemüde ist und ins Bett möchte.


 


Es sind solche Kleinigkeiten, durch die der Autor seinen Figuren und der von ihm beschriebenen Welt noch mehr Anschaulichkeit verleiht, den Leser noch mehr Anteil nehmen läßt. Aber unweigerlich schreitet die Geschichte voran, entwickelt sich, verändert Menschen wie Welt, um schließlich zu sein, wie sie immer war.


 


Und so bleibt am Ende nichts mehr als ein verlorenes Leben und ein Häufchen Staub.


 


Meine Güte, was für ein Buch!


 


 


Mein Fazit


 


Sprachgewaltig erzählt der Autor von Schicksal seiner Familie und dem Untergang des alten Sizilien. Ich konnte es nur halten wie die Hauptfigur: „Don Fabricio blieb stehen, schaute, erinnerte sich, betrauerte. Verharrte lange.“ (S. 80) Wenn ich lange genug verharrt haben werde, heißt es, den Roman ein weiteres Mal zu lesen. Denn dies ist ein Buch, das geradezu danach schreit, mehrfach gelesen zu werden. Grandios.


 .


 .


.


Zur Übersetzung


 


Es sei vorausgeschickt, daß dies nun das vierte* Buch ist, bei dem ich bewährte und neue Übersetzung verglichen habe. In allen Fällen, so auch in diesem, hat mir die ältere Übersetzung deutlich besser gefallen. Ferner sei erwähnt, daß ich ausschließlich vom deutschen Text ausgehen, da ich kein Italienisch spreche und demgemäß nicht mit dem Original vergleichen kann.


 


Als Leser erwarte ich von einer Übersetzung, daß ich beim Lesen nicht merke, daß es sich um eine Übersetzung handelt. Ferner sollte eine Übersetzung für mich in gutem bis sehr guten Deutsch verfaßt sein, selbst wenn dies bedeutet, daß manches nicht wörtlich, sondern sinngemäß übersetzt ist. 


 


Dies ist bei der Iduni-Übersetzung für mich der Fall. Die Sprache ist flüssig, gut lesbar, entspricht für mich dem Inhalt, und trägt damit ihren Teil dazu bei, die alte Welt auferstehen zu lassen.


 


Die Kroeber-Übersetzung empfand ich als, etwas überspitzt ausgedrückt, sperrig, ein Lesefluß wollte sich bei mir nicht einstellen. Die Sprache erschien mir relativ modern, eher eine Sprache unserer denn früherer Tage, und damit teilweise im Gegensatz zum Inhalt.


 


Hier drei Stellen im Vergleich als Muster:


 


 


Induni (2004): Der tägliche Rosenkranz war zu Ende. (S. 11)


Kroeber (2019): Das tägliche Rosenkranzbeten war zu Ende. (S. 7)


 


Der Begriff „Rosenkranzbeten“ begegnet mir in dieser Form hier erstmals. „Rosenkranz“ und „beten“ kenne ich zusammen als „wir beten jetzt den Rosenkranz“ oder „wir beten nachher / heute den Rosenkranz“. Ansonsten hieß es stets einfach „Rosenkranz“, insofern entspricht „der tägliche Rosenkranz“ dem Sprachgebrauch, wie er mir als katholisch sozialisierter geläufig ist, während ich den Begriff „tägliche Rosenkranzbeten“ als Fremdkörper empfinde.


 


 


Induni (2004): „(...) und erst noch im hartnäckig sizilianischsten Teil der Insel (...)“ (S. 182)


Kroeber (2019): „(...) und noch dazu in dem beharrlich ‚indigensten‘, bodenständigsten Teil der Insel (...)“


 


Der Begriff „Indigen“ in Bezug auf Europa im 19. Jahrhundert - auch das ist mir hier erstmals begegnet und scheint mir mehr als unpassend zu sein.


 


 


Induni (2004): „(...) und überdies von einer erschreckenden Inselmentalität.“ (S. 195)


Kroeber (2019): „(...) einer wahren Insularität der Seele.“ (S. 228)


 


Als in Großbritannien die Abstimmung zum Brexit im Gange war, habe ich mich mit einem Briten, der schon lange in Deutschland lebt, darüber unterhalten. Er gebrauchte ausdrücklich den Begriff „Inselmentalität“, um seine Landsleute und ihr Abstimmungsverhalten zu beschreiben. Hier scheint es mir um die gleiche Unterscheidung zwischen „Kontinentbewohner“ und „Inselbewohner“ zu gehen, insoweit ist der Begriff „Inselmentalität“ deutlich zutreffender als „Insularität der Seele“.


 


 


Als Leser, und nur als solcher schreibe ich hier, erschien mir die Induni-Übersetzung deutlich ausgefeilter und muttersprachlicher als die Kroeber-Übersetzung. Mag sein, daß die Krober-Übersetzung moderner und er heutigen Zeit mehr angepaßt ist, aber vielleicht ist genau dies der Grund, weshalb mir die von Induni um Längen besser gefallen hat. Weil Form und Inhalt einander entsprechen.


 


 


 


 


* = Die bisherigen drei waren:


Fjodor M. Dostojewski „Die Dämonen“


Selma Lagerlöf „Gösta Berling“


John R. R. Tolkien „Der Herr der Ringe“


 

Kommentare: 1
Teilen
Cover des Buches Der Gattopardo (ISBN: 9783492245869)

Rezension zu "Der Gattopardo" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Rezension zu "Der Gattopardo" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Ein LovelyBooks-Nutzervor 10 Jahren

Die auf Sizilien lebende Familie Salina ist ein altes Adelsgeschlecht, seit Jahrhunderten mit Macht und Reichtum gesegnet. Doch der Aufstand Garibaldis beginnt die Verhältnisse zu ändern. Don Fabrizio, das Oberhaupt der Familie, sieht sich zwischen den Fronten gefangen und muss plötzlich politische Entscheidungen treffen, obwohl er lieber im hemischen Observatorium die Sterne beobachten würde. Um die Zukunft der Salinas zu retten, beginnt man die Annäherung an das gemeine Volk, Fabrizios Neffe heiratet eine Tochter bürgerlicher Herrkunft, die schöne Angelica. Von der Gegenwart der jungen Dame zwar revitalisiert, kann sich der alternde Fürst dennoch nicht durchringen, an der Tagespolitik des neuen Italien teilzunehmen; das Schicksal der Sizilianer sei, für immer, fremdbeherrscht zu sein. Mit der schwindenden Macht des Adels verlässt den Fürsten auch die Lust am Leben.
Der Gattopardo, einziger Roman Giuseppe Tomasi di Lapedusas, ist die fiktionalisierte Familiengeschichte des Autors. Heute zählt sie zu den wohl berühmtesten Erzählungen Italiens, ein Erfolg, den der Schöpfer leider nicht mehr erlebt hat. Kunstvoll und fassbar schildert er das Sizilien des 19. Jahrhunderts, die Hitze des Sommers, die bäuerliche Bevölkerung und die alten Adelspaläste. Nicht nur im Hinblick auf Hintergrund und Handlung, sondern auch sprachlich wird sich der eine oder andere wohl an Thomas Manns Die Buddenbrooks erinnert fühlen. Ähnlich gekonnt ist dieser Roman verfasst; Lampedusas Sätze sind verschnörkelt und ausschweifend, nie aber unverständlich. Schnell fühlt man sich in der wackelnden Kutsche, auf der staubigen Straße, beim festlichen Essen oder in der bescheidenen Behausung eines Mönchs. Auch thematisch vermag der Roman zu überzeugen. Verfall ist ein zentrales Thema, sein Kommen ist für den Leser wie auch für Don Fabrizio sichtbar, bleibt aber, letzten Endes durch eigenes Verschulden, unausweichlich. Jene Selbstaufgabe ist es, die Lampedusa an den Sizilianern kritisiert und damit dem Gattopardo eine über die Mittelmeerinsel hinausreichende Bedeutung verleiht. "Wenn wir wollen, daß alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert", ist der wohl am häufigsten zitierte Satz des Buches.
Schade ist der frühe Tod des Autors, der bis zuletzt immer wieder an seinem Werk gearbeitet hatte. So wirkt auch das Ende des Romans zum Teil sprunghaft; es ist sicherlich nicht komplett abwegig anzunehmen, dass Lampedusa hier noch das ein oder andere Kapitel eingefügt hätte. Die vorliegende Fassung bleibt damit mehr die Geschichte eines Mannes, als ein wirkliches Familienporträt, wie es z.B. die schon erwähnten Buddenbrooks sind.
Nichtsdestotrotz ist Der Gattopardo große Literatur, ohne dabei übermäßig kompliziert zu sein. Auch für Leser, die um diese Art Roman normalerweise einen Bogen machen, sicher aber für Italien begeistern können, sei dieses Buch empfohlen; das typische Flair strömt förmlich zwischen den Zeilen hervor. Es bleibt also ein großartiges Werk und ein wenig Wehmut, dass ein derart begabter Autor nicht noch mehr geschrieben hat.
Der Gattopardo ist große Literatur bleibt aber

Kommentieren0
Teilen

Gespräche aus der Community

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks