Giorgio Scerbanenco

 4.1 Sterne bei 18 Bewertungen
Autor von Das Mädchen aus Mailand, Die Verratenen und weiteren Büchern.

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Das Mädchen aus Mailand

Das Mädchen aus Mailand

 (6)
Erschienen am 01.01.2003
Der lombardische Kurier

Der lombardische Kurier

 (3)
Erschienen am 01.08.2004
Das Mädchen aus Mailand

Das Mädchen aus Mailand

 (1)
Erschienen am 10.07.2018
Ein pflichtbewusster Mörder

Ein pflichtbewusster Mörder

 (0)
Erschienen am 01.10.2019
Der lombardische Kurier

Der lombardische Kurier

 (0)
Erschienen am 01.03.2019
Die Verratenen

Die Verratenen

 (0)
Erschienen am 10.07.2018

Neue Rezensionen zu Giorgio Scerbanenco

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Rezension zu "Das Mädchen aus Mailand" von Giorgio Scerbanenco

Italienischer Klassiker.
Gulanvor 2 Monaten

Er ging ohne zu antworten. Sie hatten ja recht, aber sie verstanden ihn nicht. Sie mussten das Gesetz befolgen, und manchmal ist das Gesetz merkwürdig, es begünstigt den Verbrecher und bindet dem Ehrlichen die Hände. (Auszug Seite 170)

Der ehemalige Arzt Duca Lamberti erhält nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis einen Auftrag, Davide, den Sohn eines Industriellen, von dessen Alkoholsucht zu kurieren. Nach kurzer Zeit offenbart Davide den Grund seiner Alkoholsucht und Depression: Er fühlt sich schuldig am Selbstmord der Verkäuferin Alberta vor knapp einem Jahr. Doch Alberta hat Davide einen Gegenstand hinterlassen, der Lamberti stutzig macht und an einem Selbstmord zweifeln lässt.

Damals hatte Davide die junge Frau in Mailand aufgegabelt, um gegen Bezahlung mit ihr einen Abend zu verbringen und war mit ihr aus der Stadt gefahren. Doch auf der Rückfahrt fühlt sich Davide plötzlich von ihr bedrängt, als sie ihn beschwört, mit ihr wegzufahren und nicht nach Mailand zurückzukehren. In einem Vorort wirft er sie quasi aus dem Wagen, dort wird sie wenig später mit aufgeschnittenen Pulsadern aufgefunden. Doch sie hatte etwas in Davides Wagen verloren: Ein Taschentuch und einen kleinen metallenen Gegenstand, den erst Lamberti als Film einer Minox-Kamera identifiziert. Auf dem Film sind Nacktfotos von Alberta und einem weiteren Mädchen. Ein Indiz für einen womöglich anderen Ablauf als einen Selbstmord?

Es ist doch immer wieder bemerkenswert, wie groß die weißen Flecken in meiner Krimibibliothek sind. Gerade was die Klassiker betrifft, muss ich immer wieder eingestehen, dass ich vielleicht den Namen des Buches oder des Autors oder der Autorin kenne, aber es noch nicht gelesen habe. Von Giorgio Scerbanenco hatte ich sogar noch gar nichts gehört. Eigentlich ein Frevel, ist doch nach ihm der „Premio Giorgio Scerbanenco“, der wichtigste italienische Krimipreis benannt.

Der Autor kam 1911 als Sohn einer Italienerin und eines Ukrainers in Kiew zu Welt. Nachdem sein Vater während der Russischen Revolution ums Leben kommt, zieht er mit seiner Mutter endgültig nach Italien. Nach vielen Gelegenheitsjobs erhält er schließlich einen Job in einem Mailänder Verlagshaus. Auch erste Erzählungen von ihm werden abgedruckt. Nach dem 2.Weltkrieg beginnt seine produktivste Zeit, er schrieb zahlreiche Romane in verschiedenen Genres, hunderte Erzählungen und war Redakteur bei Frauenzeitschriften. Dennoch gilt er als „Vater des italienischen Krimis“. Den Grund erläutert Richter und Autor Giancarlo de Cataldo (unter anderem „Romanzo Criminale“, Suburra“) im interessanten Nachwort. Mitte der 1960er Jahre war der italienische Kriminalroman auf dem absoluten Tiefpunkt, galt als minderwertig. Es wurden nahezu ausschließlich ausländische Krimis verlegt, sogar in Krimis wie der Reihe um das „87. Polizeirevier“ von Ed McBain wurden italoamerikanische Namen verändert. Dann wurde 1966 mit Das Mädchen aus Mailand der erste Roman um Duca Lamberti veröffntlicht und ein großer Erfolg in allen Leserschichten. Dies gilt als Wendepunkt für den italienischen Krimi. Vier Romane um Duca Lamberti veröffentlichte Scerbanenco bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1969.

Im Gefängnis hatte er gelernt, keine Worte zu verschwenden. Im Prozess, als die Nichte von Signora Maldrigati weinte und jammerte, dass ihre Tante umgebracht worden sei, aber mit keinem Wort die Millionen erwähnte, die sie von ebendieser Tante geerbt hatte, wollte er reden, doch sein Verteidiger hatte ihm fast mit Tränen in den Augen zugeflüstert, er solle bloß nichts sagen, nicht ein einziges Wort, denn sonst hätte er die Wahrheit gesagt, und die Wahrheit ist der Tod; alles darf man sagen, bloß nicht die Wahrheit. Nicht vor Gericht. Nicht in einem Prozess. Und auch nicht im Leben. (Seite 9)

Auf diese Weise führt der Autor den ehemaligen Arzt Duca Lamberti als seinen Protagonisten ein. Lamberti ist ein desillusionierter Mann, der wegen Mordes im Gefängnis saß und seine Approbation verlor, dabei handelte es sich mehr oder weniger um Sterbehilfe. Nun ist seine Karriere ruiniert, aber er hat Verpflichtungen, denn es gilt, seine Schwester und seine kleine Nichte finanziell über Wasser zu halten. Sein Vater war einfacher Polizist, dadurch hat er Kontakte zur Polizei und ein freundschaftliches Verhältnis zu Inspektor Carrua, der ihm Aufträge vermittelt.

Lamberti ist ein einsamer, ruppiger Kerl, der angesichts von Ungerechtigkeit und Verbrechen Sarkasmus, Zorn und einen Drang entwickelt, die Verhältnisse zu bekämpfen. Er wird zu einem Mann, der das Recht zur Not selbst in die Hand nimmt. Lamberti ist also bei weitem kein weißer Ritter, sondern ein Mann im Graubereich, an dem man sich durchaus reiben kann und soll. Im Laufe des Romans lernt er Livia Ussaro kennen, auch sie eine engagierte Frau, die seine Überzeugungen teilt und sich sogar dafür (und für ihn) in Gefahr begibt und dafür einen hohen Preis bezahlt.

Das Mädchen aus Mailand ist ein Kriminalroman, bei dem man sein Erscheinungsdatum nur teilweise bemerkt. Denn die Themen des Romans (Ausbeutung, Frauenhandel) sind immer noch ziemlich aktuell. Auch das Bild von Mailand als kapitalistische Metropole mit all seinen Kehrseiten dürfte sich nicht wesentlich verändert haben. Der große Reiz des Romans liegt wie oben beschrieben an seiner widersprüchlichen Hauptfigur, die aneckt. Interessant ist die Erzählweise Scerbanencos, der einen auktorialen Erzähler mit einem personalen Erzähler mischt. Der Plot hätte zu Beginn für meinen Geschmack etwas mehr Tempo vertragen, aber insgesamt ist dieses Buch ein wirklich lesenswerter Kriminalroman.

Kommentare: 4
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Rezension zu "Ein pflichtbewusster Mörder" von Giorgio Scerbanenco

Rezension zu "Ein pflichtbewusster Mörder" von Giorgio Scerbanenco
tedescavor 7 Jahren

Der vierte Teil der Duca-Lamberti hat mich ganz besonders berührt, das grausame Schicksal der jungen Donatella lässt wohl niemanden kalt. Vor allem wenn man bedenkt, wie viele junge Frauen und Mädchen nach wie vor (50 Jahre später!) spurlos verschwinden und wohl ähnliche Wege gehen.
Scerbanenco beschreibt den Moloch der Mailänder Zuhälterszene schonungslos und direkt, und nicht nur Duca Lamberti wird des öfteren übel bei dem, was hier ans Tageslicht geholt wird. Von Mitgefühl und Ekel getrieben, gelingt es ihm letztendlich, den Fall zu lösen, wobei er immer wieder sein Rechtsempfinden in Frage stellen muss.
Leider ist dies der letzte Teil der Serie, kurz nach seinem Erscheinen ist der Autor an einem Herzinfarkt gestorben, meiner Meinung nach ein echter Verlust für alle Krimiliebhaber!

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Rezension zu "Der lombardische Kurier" von Giorgio Scerbanenco

Rezension zu "Der lombardische Kurier" von Giorgio Scerbanenco
tedescavor 7 Jahren

Im dritten Teil der Duca-Lamberti-Reihe schildert Scerbanenco schonungslos den unglaublich brutalen Mord an einer jungen Lehrerin. Scheinbar sind alle Schüler daran beteiligt, jeder trägt seinen Teil zum Leiden der Frau bei, doch keiner gibt auch nur zu, etwas gesehen zu haben. Duca Lamberti arbeitet mit viel Einfühlungsvermögen und psychischen Tricks, um letztendlich doch noch eine Wahrheit ans Licht zu bringen, die einen in die dunkelsten Ecken Mailands in den 1960ern führt.
Wie auch schon in den beiden Vorgängerromanen erzählt Scerbanenco aus einer beunruhigenden Distanz, wobei er seine Hauptfigur zugleich unglaublich emotional werden lässt. Einmal mehr läuft im Kopf ein Schwarzweißfilm, der einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Eine stimmige Fortsetzung der Serie, die auch für sich allein als "Krimi noir" eine spannende Lektüre bildet.

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