Gisela Burckhardt

 4.9 Sterne bei 7 Bewertungen

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Todschick

Todschick

 (7)
Erschienen am 10.11.2014

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Rezension zu "Todschick" von Gisela Burckhardt

sehr gut recherchierte "Pflichtlektüre" - gegen das Wegsehen und für ethischen Konsum
katze102vor 2 Jahren

Spätestens seit dem Brand der Tazreen Fashion Fabrik (2012) sowie dem Einsturz des Rana Plaza (2013) und der damit verbundenen Bilder und Berichterstattungen kann niemand mehr sagen, er hätte von den Arbeitsbedingungen in Bangladesh nichts gewußt. Die breite Öffentlichkeit scheint genauer hinzusehen, aber trotzdem nicht genügend Informationen zu erhalten.

Gisela Burckhardt, u.a. Vorstandsmitglied von FEMNET, hat hinter die kulissen geschaut und Näherinnen in Bangladesh befragt, verschiedene Nähfabriken der „besseren Art“ unter die Lupe genommen, Gründe und Hintergründe durchleuchtet und hat einen sehr gut recherchierten und belegten Bericht darüber geschrieben.

Angefangen mit den skandalös bleibenden und sich nur ganz langsam wandelnden Zuständen in Bangladesh, z.B. den gekauften Baugenhmigungen oder -abnahmen, der schleppenden oder unterlassenen juristischen Aufarbeitung der Unfälle, aus denen sich die Betreiber der Fabriken frei kaufen konnten über die Arbeitsbedingungen, Arbeitsgesetze, Unterbindung von Gewerkschaften, bis zu Bezahlung oder Darstellung des Frauenbildes.
Arbeitsplätze in Bangladesh erfordern niedrigre Qualifikationen, werden entsprechend gering bezahlt, sind lebensgefährlich und die Bekleidungsindustrie verursacht zudem enorme Umweltschäden. Mehr als die Hälfte dieser Waren landen in europäischen Warenhäusern; Bangladesh hat sich zum zweitwichtigstes Importland von Bekleidung für Deutschland entwickelt.
Die Profite mit Kleidung aus Bangladesh sind weltweit enorm, wobei nur 1-3% des Endpreises Arbeitskosten ausmachen und eindeutig einhergehen mit Ausbeutung der Arbeitskräfte, niedrigen Umweltstandarts, wie z.B. gedankenloser Umgang mit Giftstoffen, die inzwischen in unseren Gewässern angekommen sind.

Gisela Burckhardt zeigt auch die Folgen der beiden oben genannten Unfälle, die übrigens nur einzelne von vielen sind, auf, belegt, dass sowohl Premiumlabel als auch Billigmarken in denselben Fabriken fertigen lassen und hinterfragt die Bereitschaft der profitorientierten Bekleidungsfirmen, die sich ganz unterschiedlich in ihren Verantwortung sehen. Einige leisteten auf freiwilliger Basis
kleine Zahlung in Opferentschädigungs- und Vorsorgefonds und andere schleichen sich bis zum heutigen Tag aus der Verantwortung und lehnen Zahlungen ab. Die vielen Vorschläge und Empfehlungen auf freiwilliger Basis regen ganz offensichtlich eher zu kreativen Umgehungsstrategien als zu ethisch korrekten Maßnahmen an und demzufolge bleibt die Forderung nach und Verabschiedung von Gesetzen, die die Sozialstandarts für die komplette Wertschöpfungskette regeln, unumgänglich.

Eindeutig ist aber nicht nur die Politik, sondern jeder Einzelne von uns ist in der Pflicht, sich für die Einhaltung von Sozialstandarts in der gesamten Lieferkette einzusetzen. Im Buch stellt Gisela Burckhardt drei Siegel vor, die als vertrauenswürdig gelten; aber durch ethischen Konsum, u.a. auch durch Tausch statt Neukauf oder dadurch, sich zu informieren und gezielt einzukaufen, läßt sich von jedem Einzelnen etwas verändern.

Das Buch „Todschick“ ist 2014 erschienen; in ihm finden sich viele schöne Worte von Firmen und Regierungen, aber was ist inzwischen daraus geworden? Ich hoffe, dass es bald ein Folgebuch gibt, für das genauso gut recherchiert wurde und die Veränderungen aufzeigt und weiterhin informiert, nicht vergessen läßt und immer mehr Menschen umdenken läßt.

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Sommerregens avatar

Rezension zu "Todschick" von Gisela Burckhardt

Erschütternd...
Sommerregenvor 2 Jahren

Von den schlechten Arbeitsbedingungen in Ländern wie Bangladesh dürfte mittlerweile jeder bereits gehört haben. Spätestens nach Rana Plaza waren die fatalen Bedingungen der Sweatshops schließlich in aller Munde - doch hat, wie von zahlreichen Unternehmen angekündigt, eine Verbesserung stattgefunden?
Noch immer neigen wir dazu, teureren Marken eher unser Vertrauen zu schenken und die schlechten Arbeitsbedingungen und mangelhaften Sicherheitsstandarts auf Billigproduzenten zu schieben. Doch ist dies leider auch heute noch ein unglaublicher Trugschluss.
Gisela Burckhardt hat viele Recherchen betrieben und zeigt nun in ihrem Buch auf erschreckende Weise, wie wenig sich trotz der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nach Rana Plaza getan hat. Dabei geht sie ungeschönt auf die zahlreichen Probleme ein, zeigt die Geschichte von Betroffenen und lässt sie zu Wort kommen, nennt Firmen beim Namen und erklärt, worauf man als Konsument achten kann.

"Pro Kopf kauft eine Deutsche jährlich rund 14 Kilogramm Kleidung (das sind z.B. 23 Jeans oder 140 T-Shirts) und entsorgt in den Altkleidermüll wiederum neun Kilogramm (das sind z.B. 15 Jeans oder 90 T-Shirts). So landen jedes Jahr 750.000 Tonnen Altkleider in den Sammelcontainern, was Einnahmen von 375 Mio. Euro bedeutet." (S.166) Für mich war beim lesen nicht nur erschreckend, wie die Bedingungen in den produzierenden Ländern ist, sondern auch wie sorglos in Deutschland mit Kleidung umgegangen wird. Es ist schier unglaublich wie viel Kleidung unter Verletzung der grundlegendsten Rechte und Gefährdung der Gesundheit produziert wird, nur um kurz darauf in die Mülltonne zu wandern.
Äußerst interessant waren für mich auch die abwechslungsreichen Darstellungen, welche beispielsweise die Preiszusammensetzung eines T-Shirts von H&M für 4,95€, bei dem der Lohnanteil lediglich 2,6% beträgt, verdeutlichen. (S.201) Ebenso tragen Fotografien oder Steckbriefe dazu bei, dass die Lektüre niemals langweilig wird. Darüber hinaus ist der Schreibstil sehr packend und keineswegs trocken oder ermüdend, obwohl zahlreiche Informationen genannt werden.
Meines Erachtens sind außerdem die Recherche-Ergebnisse zu verschiedenen Fabriken, den dort herrschenden Bedingungen und Standarts sowie den jeweiligen Einkäufern, in verschiedene Preissegmente gegliedert, höchst interessant. So erhält man einen guten Einblick und weiß mit Beteuerungen großer wie auch kleinerer Firmen, von solchen menschenverachtenden Praktiken bei der Textilproduktion nichts zu wissen, besser umzugehen. Erstaunlich ist, wie viele bekannte Firmen tatsächlich bei den diesem Buch zugrunde liegenden Recherchen auftauchen...
Ansprechenderweise nennt die Autorin am Ende "zentrale Stellschrauben, die für eine menschenwürdige Zukunft der Arbeiterinnen in den asiatischen Textilverbriken entscheidend sind", sodass man als Leser abschließend einen Ausblick erhält, was sich wie ändern muss. (S. 208)
Darüber hinaus werden Alternativen und Weiterführendes wie Kleidertausch, Minimalisten, hilfreiche Internetadressen z.B. zu Öko-fairer Mode genannt. Zudem werden drei empfehlenswerte Label vorgestellt: Global Organic Textile Standarts (GOTS), Fairtrade International (FLO) sowie Fair Wear Foundation.
Für ein durchgehendes Verständnis beim Lesen sorgt außerdem Glossar, in dem Abkürzungen erklärt werden.

In meinen Augen handelt es sich bei "Todschick" um ein sehr wichtiges Buch, dessen Thematik in der Öffentlichkeit viel präsenter sein sollte. Daher kann ich es auch jedem nahe legen, da sich nur etwas ändern kann, wenn man sich informiert hat und wachgerüttelt worden ist - und dass sich etwas ändern muss, dürfte offensichtlich sein. Ein Buch, bei dem man die Augen nicht mehr verschließen kann.

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hannipalannis avatar

Rezension zu "Todschick" von Gisela Burckhardt

Lest dieses Buch!
hannipalannivor 2 Jahren

Als ich Frau Burckhardt 2015 auf der Leipziger Buchmesse gesehen und gehört habe, wollte ich dieses Buch lesen. Doch irgendwie ist es immer und immer mehr in Vergessenheit geraten. Glücklicherweise habe ich es dann bei der 'Bäumchen raus, Bücher rein'-Verlosung hier auf Lovelybooks gewonnen. 


Nun habe ich es gelesen und bin richtig schockiert. Dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn ich ein 9,95 Euro T-Shirt bei H&M, C&A und Co. kaufe, war mir bewusst, aber dass es so schlimm ist und dass auch mittel- und hochpreisige Marken keinen Deut besser sind, in manchen Fällen (Hugo Boss) sogar noch unverantwortlicher handeln, war mir allerdings nicht klar. 


Jetzt aber erstmal zum Buch: Hier erhalten wir einen Einblick in die Textilindustrie, insbesondere der Herstellung von Textilien (u. a. für den europäischen Markt) in Bangladesch. Die Autorin nahm die Katastrophe von Rana Plaza (Einsturz einer Fabrik, 1.134 Tote, davon 134 nicht identifiziert) genauer unter die Lupe. Wie konnte das passieren? Trotz (angeblich) vielfacher Kontrollen? Und wieso gibt es keine Verantwortlichen? Das erschreckendste: niemand hat daraus gelernt. Auch heute noch sind die Fabriken in Bangladesch in schrecklichen Zuständen, es gibt Aufbauten ohne Genehmigungen, Risse in den Wänden, keine oder zugestellte Fluchtwege, und noch viele weitere potenzielle Unglücksverursacher. 


Ein weiterer Punkt, der in 'Todschick' ausführlich behandelt wird, sind die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der Näherinnen. Es ist nicht unüblich, dass die Frauen 12 bis 15 Stunden täglich arbeiten müssen, ohne freie Tage dazwischen. Verbale und auch körperliche Gewalt sind an der Tagesordnung, schriftliche Arbeitsverträge gibt es nicht und Mutterschutz ist auch eher eine Seltenheit (und bei weitem nicht so wie wir es hier in Europa kennen). Desweiteren erfahren wir, dass die Arbeiterinnen lediglich Mindestlohn verdienen. Dieser macht 19% eines Existenzlohnes aus. Diese und viele weitere absolut erschreckende Dinge deckt die Autorin, die selbst mehrfach vor Ort war, Vorsitzende der Frauenrechtsvereinigung FEMNET ist und sich für die CCC (Clean Clothes Campaign) einsetzt, auf. 


Weitere wichtige Themen in diesem Buch sind die Audits, also die Überprüfungen der Fabriken und auch die hiesige Politik, die sich ihrer Verantwortung bisher nicht gestellt hat. Sie fordert Gesetze und einheitliche Siegel.


Im letzten Kapitel gibt Gisela Burckhardt einen Überblick über bereits existierende empfehlenswerte Textilsiegel. 


Ich habe 'Todschick' als sehr gut recherchiert empfunden. Die Autorin hat Zeugen befragt, nennt viele Zahlen und Fakten und auch Namen. Leider wird dieses Buch die Welt nicht verändern oder gar verbessern, aber vielleicht dem ein oder anderen die Augen öffnen und zum Nachdenken über sein Konsumverhalten bringen. 


Ganz klare Leseempfehlung!

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