Wo ist denn dein Leuchten hin? von Ge Guo ist ein tief bewegendes und zugleich kindgerecht gestaltetes Bilderbuch, das sich einem Thema widmet, über das oft zu wenig gesprochen wird: (unbewusste) emotionale Gewalt in der Familie. Das Buch stammt aus der Reihe Psychologische Kinderbücher und wurde in Zusammenarbeit von Psycholog:innen und Künstler:innen entwickelt – diese Verbindung merkt man auf jeder Seite.
Die Geschichte erzählt von Tiaki, einem Jungen, der sich zunehmend traurig, wütend und verwirrt fühlt. Seine Mutter schreit ihn oft an, sagt verletzende Dinge und verbietet ihm, seine beste Freundin zu treffen. Tiaki spürt, dass etwas nicht stimmt – er hat das Gefühl, dass seine Mutter ihn gar nicht mehr richtig lieb hat. Doch gleichzeitig zeigt das Buch sehr sensibel, dass die Mutter keine „Böse“ ist. Zwischen den Zeilen und in den stimmungsvollen Illustrationen erkennt man, dass sie selbst überfordert, müde und gestresst ist – ein Umstand, den viele Kinder (und Erwachsene) aus dem eigenen Alltag kennen.
Begleitet wird Tiaki von seinem Seelenwesen Ti, das sinnbildlich für seine innere Gefühlswelt steht. Als Tis Leuchten schwächer wird, wird auch sichtbar, wie stark emotionale Verletzungen auf das Selbstwertgefühl wirken. Mit Tis Hilfe erkennt Tiaki jedoch, dass er nicht wehrlos ist – dass er über seine Gefühle sprechen darf und dass es Wege gibt, sich Hilfe zu holen. In diesem Fall der Vater seiner Freundin, der das ganze sehr gut und behutsam begleitet. Das Ende ist offen und kann sehr gut mit den Kindern weitergesponnen werden.
Das Buch überzeugt durch seine wunderschöne, detailreiche Illustration und die sensible Sprache, die schwierige Themen auf Augenhöhe behandelt. Kinder reagieren meist sehr positiv auf Ti und das Bild des „inneren Leuchtens“ – viele malen anschließend ihre eigenen Seelentierchen oder erzählen, wann ihr Leuchten heller oder schwächer ist.
Im Anhang finden sich zusätzliche Informationen und praktische Übungen, die sich hervorragend für den Einsatz in Kitas, Schulen, Therapie oder Familiengesprächen eignen. Ich leihe das Buch gern an Eltern aus, damit sie es gemeinsam mit ihren Kindern lesen und die Übungen zusammen umsetzen können.
Fazit:
Ein außergewöhnlich berührendes Buch, das Kindern hilft, schwierige Gefühle zu verstehen, und Erwachsenen zeigt, wie wichtig ein liebevoller Umgang mit emotionalen Bedürfnissen ist. Wo ist denn dein Leuchten hin? macht Mut, über seelische Verletzungen zu sprechen – und zeigt, dass das innere Leuchten wieder zurückkehren kann, wenn man sich gesehen und verstanden fühlt.


