Gottfried Keller DIETEGEN: NOVELLE

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Inhaltsangabe zu „DIETEGEN: NOVELLE“ von Gottfried Keller

Eine Novelle über die Schicksale der Liebe im Mittelalter.

— NicolasDierks
NicolasDierks
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  • Schicksale der Liebe im Mittelalter

    DIETEGEN: NOVELLE
    NicolasDierks

    NicolasDierks

    14. November 2014 um 10:36

    Ich liebe es, wenn das passiert! Ich schlenderte durch eine alte Scheune, die inzwischen der Showroom eines gehobenen Antiquitätenhandels ist. Tische, Sessel, Kommoden – alles weiträumig präsentiert. Da fiel mein Blick auf einige Bücher, mit denen ein alter Sekretär dekoriert war. Verblasste Jugendbücher aus den 1950er Jahren, ein Haushaltsratraber von 1932 und dann ein kleines, braunes Bändchen: Gottfried Keller, Dietegen, Frakturschrift, zwei Euro. Gottfried Keller war mir als großer Schweizer Naturalist des 19. Jh. bekannt vom „Grünen Heinrich“ – ein Bildungsroman über das Beinahe-Scheitern an überhöhten Träumen vom Künstlerdasein. Mein braunes Büchlein nun war eine Reclam-Ausgabe einer Novelle, die ursprünglich im zweiten Band des Zyklus „Die Leute von Seldwyla“ enthalten war, veröffentlicht erstmals 1874. Die Handlung spielt auch noch im Mittelalter – umso mehr freute ich auf die altertümliche Lektüre. Den Rahmen der Handlung bilden zwei fiktive Städte, die kaum gegensätzlicher sein könnten: Ruechenheim düster, verkniffen und grausam, Seldwyla lebensfroh, heiter und großzügig. Der Knabe Dietegen wächst nun in Ruechenheim unter schlimmsten Umständen auf, wechselt in schicksalhaften Fügungen nach Seldwyla über. Thema ist dann sein Verhältnis zur Tochter des Forstmeisters. Beide stehen sich sehr nahe, aber entfernen sich durch ungünstige Entwicklungen innerlich voneinander – bis sie erst ganz zuletzt zueinander finden. Eine eigenartige Sprachkunst hat Keller hier entfaltet, voller Witz, Ironie, Übertreibung und Zartgefühl. Selbst in diesem kurzen Text geht eine komplexe Welt auf, mit tiefen Charakteren und symbolträchtigen Schilderungen. Die Hauptcharaktere durchlaufen rasante psychologische Entwicklungen auf wenigen Seiten und gerade auch ihre Fehltritte und Untugenden zeichnet Keller mit einem reifen, verständnisvollen Blick. Kein schwarz-weiß, sondern ein Zusammenspiel von Umständen und psychologischen Verfassungen – meisterhaft erzählt, mit dem Bick fürs Wesentliche. Mich hat diese kurze wie kurzweilige Lektüre begeistert und neugierig auf die anderen Novellen des Zyklus gemacht. Die Sprache mag manchem ungewohnt vorkommen, aber wer es zu schätzen weiß, der mag sich an vielen geistreichen, überraschenden und altertümlichen Formulierungen erfreuen. Und trotz des psychologischen Stranges ist die Handlung recht ereignisreich. Wer gerne auf Mittelalterfestivals geht, der macht hier nichts falsch. Und auch nicht, wer Erzählkunst schätzt.

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