Die Kellnerin Adéle Bedeau verschwindet eines Tages spurlos. Wurde sie ermordet? Oder wollte sie ihr Leben ändern?
Manfred Baumann war Stammgast in dem Lokal, in dem Adéle bediente. Er macht sich schon immer viele Gedanken, wie er sich verhalten soll, wie er Menschen begegnen soll, was er dem Polizisten, der ihn immer wieder über Adéles Verschwinden fragt, sagen soll.
Dieser Polizist ist Georges Gorski. Er ist in einer nicht gerade glücklichen Ehe gefangen, vertraut seinen Gefühlen und bleibt gerne an einer Sache dran. „Das Verschwinden der Adéle Bedeau“ ist der erste Band der Georges-Gorski-Trilogie, den zweiten Band „Der Unfall auf der A35“ habe ich bereits gelesen, der dritte Band scheint in Deutsch noch nicht erschienen zu sein.
Manfred und Georges stehen im Mittelpunkt der Geschichte, aus ihrer beider Perspektiven wird erzählt, und als Leser:in kommt man schnell ins Grübeln, nicht nur darüber, wo Adéle sein könnte. Die Geschichte ist in der Vergangenheit im Elsass angesiedelt. Ein genaues Jahr wird nicht angegeben, aber es gibt zum Beispiel noch Kassettenrecorder. Die Geschichte geht vom aktuellen Geschehen aus noch weiter in die Vergangenheit der beiden Protagonisten.
Für mich sind die Romane des Autors besonders, weil sie immer mehr Psychogramm als Kriminalroman sind. Man taucht tief in die Gedankenwelt der beiden Männer ein, Adéle ist tatsächlich nur eine Nebenfigur. Vor allem Manfred ist psychologisch interessant, und so macht man sich von Anfang an Gedanken über ihn. Inwieweit diese am Ende recht behalten? Ich sage nur soviel, dass ich das Ende stimmig finde, und meine Gedanken hin und wieder schon in diese Richtung gegangen sind.
Burnets Romane sind besonders, weniger Kriminalroman als Psychogramme, für mich macht sie das erst recht interessant. Wer so etwas auch mag, sollte unbedingt zugreifen.
Graeme Macrae Burnet
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Graeme Macrae Burnet
Sein blutiges Projekt - Der Fall Roderick Macrae
Fallstudie
Der Unfall auf der A35
Das Verschwinden der Adèle Bedeau
Das Verschwinden der Adèle Bedeau
Case Study
Neue Rezensionen zu Graeme Macrae Burnet
Alleine schon der Anfang ist anderst als bei "normalen" Thrillern, denn der Mörder, der auf grausame Weise eine ganze Familie getötet hat, sitzt bereits im Gefängnis, nachdem er seine Tat sofort gestanden hat.
Auf Rat seines Anwalts hin, verfasst der Mörder Roderick Macrae seine Lebensgeschichte, die auch die Tötung der drei Menschen beinhaltet.
Doch nicht nur dieser subjektive Bericht ist Teil der Lektüre, sondern auch Zeugenaussagen, Obduktionsberichte und zuletzt auch das Urteil sind Teil davon, was dem Leser ein objektives Bild ermöglicht.
Der Charakter Rodericks ist voller Tiefe und man erlebt ihn als wäre er eine reale Person in Jedermans Leben. Man bekommt Einblicke in seine Gedanken, demzufolge auch in sein Träume, Wünsche und Ängst und verliert sich am Ende doch nicht in der Subjektivität, wegen den anderen objektiven Berichte, die zu einem Gesamtbild Rodericks verhelfen.
Ich war von der Lektüre gefesselt und konnte diese gar nicht aus der Hand legen. Alleine schon, weil es ganz anders aufgebaut ist als gewönliche Thrilller, fällt es einem sofort ins Auge, wengleich auch das Cover etwas schlicht gehalten ist.
Sehr gut finde ich auch den Ort des Geschehens. Ein kleines Bauerndorf in der Nordwestküste Schottlands was einen starken Kontrast zu der brutalten Tat, die dort verübt wurde, bildet.
Der Spannungsbogen zog sich durch die ganze Lektüre hindurch.
Mich hat das Buch von vorne bis hinten überzeugt, und ich würde es sofort weiter empfehlen.
Der Roman ist frech, frivol, witzig, ungewöhnlich, schräg und einfach clever. Das schon einmal zusammengefasst. Doch worum geht es?
Im Vorwort erklärt der Autor, dass er von einem gewissen Mr. Martin Gray sechs Notizbücher von einer Patientin des berühmt-berüchtigten Collins Braithwaite erhalten hat, einem exzentrischen Vertreter der Antipsychiatrie-Bewegung. Die Verfasserin der Notizbücher erzählt von ihren Besuchen bei besagtem (Anti-)Psychiater im London des Jahres 1965. Anlass war der rätselhafte Selbstmord ihrer Schwester Veronica, einem typischen Blaustrumpf und Liebling ihres Vaters.
Wer Burnet schon aus „Sein blutiges Projekt“ kennt, einem Roman, der vor einigen Jahren auf der Shortlist des Man Booker Preises stand, der ahnt schon, dass der Autor nur ein Erzähler und die Tagebücher fake found footage (dt. Herausgeberfiktion) sind.
Fallstudie ist ein cleverer postmoderner Roman, der mit einer atemberaubenden Leichtigkeit die Geschichte der jungen Dame erzählt, welche die Identität der frivolen und forschen Rebecca Smyth annimmt, die sich selbstbewusst, hemmungslos und extrovertiert gibt – ganz das Gegenteil von der unsicheren Erzählerin selbst, die sich über ihr Alter Ego aus dem bürgerlich-muffigen Tweed und Tee-Milieu in das moderne London hineinbewegt. Sie wechselt so lange zwischen den Identitäten, bis weder sie noch der Leser sich sicher sind, wer jetzt gerade die Geschichte erzählt. Ist dies Spiel schon herrlich amüsant, so ist die Darstellung des transgressiven Antipsychiaters schreiend komisch. Ich habe das Buch nicht aus der Hand legen können und was diesen Roman für den Man Booker Preis des Jahres 2022 qualifiziert (er ist auf der Longlist), ist das clevere Verwirrspiel, die sprachliche Finesse, der eingewobene Kriminalfall, die herrlich schrägen Persönlichkeiten aber auch die notwendige Tiefe in der Darstellung einer jungen Frau, die zwischen zwei Zeitaltern und damit auch zwischen zwei Rollenbildern gefangen ist.
Was ist schon normal? Spätestens nach diesem Roman wird man die Frage nicht mehr beantworten können. Eine unbedingte und absolute Leseempfehlung, da der Roman innovativ ist und absolut heraussticht. Ein großartiger schottischer Autor!
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