Grigori Rjaschski

 4.1 Sterne bei 12 Bewertungen

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Moskau, Bel Étage

Moskau, Bel Étage

 (12)
Erschienen am 18.11.2010

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Rezension zu "Moskau, Bel Étage" von Grigori Rjaschski

Ein grandioses Panorama der Bewohner eines ungewöhnlichen Hauses
SiColliervor einem Jahr

Ich lebe, dachte sie, sie lebt noch, die alte Mähre, sie atmet und stößt sogar Dampf aus, wie eine Lok auf dem Abstellgleis, der man noch einmal eingeheizt hat. (Seite 123)

Meine Meinung

Was für ein Buch!

Wodurch ich auf dieses Buch aufmerksam geworden bin, weiß ich nicht mehr. Und letztlich ist das auch egal, es hat seinen Weg zu mir gefunden und sämtliche Erwartungen übertroffen. „Ein Panorama der russischen Gesellschaft im Wandel der Zeiten“ heißt es im Klappentext, und selten hat ein Verlagstext mehr auf ein Buch zugetroffen, wie es hier der Fall ist.

Der Roman hebt rückblickend im Jahre 1903 an und spannt einen Bogen über hundert Jahre bis ins Jahr 2003 - hundert Jahre mit Freud und Leid, vom zaristischen Rußland über die Sowjetunion hin zum Rußland unserer Tage. In all den Umwälzungen und dem Chaos, das diese lebhaften Zeiten mit sich bringen, gibt es einen, eigentlich zwei, ruhende Pole: das Haus in der Trjochprudny-Gasse und seine Bewohnerin Rosa Markowna. Ihr Mann hatte das Haus einst erbaut, war ein anerkannter und berühmter Architekt, aber wie das zu Stalins Zeiten so war, hat ihm das letztlich auch nicht mehr viel genützt.

Und so bleibt Rosa Markowna, die letzte, die die jüdischen Traditionen ihrer Familie hoch hält und versucht, diese nebst Sitte und Anstand über die Jahre und Jahrzehnte hinweg auf die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Was ihr mal mehr, mal weniger gelingt. Wie ein Fels in der Brandung steht sie fest, läßt alles an sich abprallen und versucht, ihre kleine Welt zu halten und einen guten Einfluß auszuüben. Viele Rückschläge und Enttäuschungen muß sie im Laufe der Jahre hinnehmen, doch sie ist aus hartem Holz geschnitzt, unterkriegen läßt sie sich nicht.

Immer wieder ziehen neue Mieter in das Haus, nicht immer werden die Wohnungen auf „normalem“ Wege frei und im Laufe der Jahre entpuppt sich sogar ein KGB-General als liebenswerter Nachbar. Es geht Auf und Ab, als Leser erleben wir ein Jahrhundert Zeitgeschichte hautnah mit und sind manchmal froh, daß nur wir wissen, wie die Dinge wirklich zusammen hängen und Rosa Markowna so manche Enttäuschung erspart bleibt, die ihr am Ende möglicherweise doch ihr gutes Gemüt geraubt hätte.

Ein Buch, das vom Hauch der Geschichte durchweht wird, über dem auch an Sonnentagen eine leichte Melancholie liegt und das bei allem Schrecken doch niemals eine positive Grundstimmung verleugnen kann. Ein Buch, das schlimme Zeiten schildert, bis hin zu üblen Gestalten der Russenmafia unserer Tage, und in dem eine Frau wie Rosa Markowna zeigt, daß auch solche Zeiten mit Anstand und Würde zu überstehen sind, daß man sich sein eigenes kleines Glück auch unter widrigsten Umständen schaffen und erhalten kann.

Ein Buch, das mich von Anfang an tief in seinen Bann gezogen und fasziniert hat, woran gewißlich auch die überaus gelungene Übersetzung (soweit ich das beurteilen kann) ihren Anteil hat.

Ein Buch, welches ich so schnell nicht mehr vergessen kann.

Was für ein großartiges Buch!


Mein Fazit

Ein grandioses Panorama des Hauses in der Moskauer Trjochprudny-Gasse und seiner Bewohner im Verlauf von nahezu hundert Jahren. Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe.

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Rezension zu "Moskau, Bel Étage" von Grigori Rjaschski

Rezension zu "Moskau, Bel Étage" von Grigori Rjaschski
beowulfvor 7 Jahren

Man könnte das Buch als Familienroman werten, auch als Roman über 100 Jahre russische Geschichte vom Anfang des 20. Jahrhunderts, bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, von der Zarenzeit bis zu den Revolutionen, Stalinismus und Umbruch Gorbatschov und dem Turbokapitalismus mit Russenmafia nach dem Zusammenbruch des Sowjetstaates. Könnte man, trifft es auch beides, aber beides eben nicht so ganz.
Die Funktion der Zentralfigur teilen sich hier eine Frau, Jahrgang 1903, die wir als Leser an ihrem hundertsten Geburtstag im Jahr 2003 wieder auf der letzten Seite des Buches verlassen und ein Haus, gebaut 1903, von dessen Bewohnern die eine eben nur eine ist. Dieses Haus ist der feste Anker um das sich alles dreht und das alle Begehrlichkeiten beinhaltet, der feste Punkt in dem sich Leben abspielt und um den sich Leben dreht. Zu Zeiten von Wohnungsbewirtschaftung spielt so ein Haus eine nicht unwesentliche Rolle. Jugendstil, jede Wohnung eine Maisonettewohnung und in Moskau Zentrum. "Verführung mittels einer Wohnung im Stadtzentrum", lautet ein zentraler Satz. Gebaut hat das Haus der berühmte Architekt Semjon Mirski, er lebt dort mit seiner Frau Rosa, ein großbürgerliches jüdisches Ehepaar, dessen Schicksal durch die Zeitläufte Rjaschski beschreibt, insbesondere das von Rosa aber eben auch das aller Mitbewohner, die im Laufe dieses Jahrhunderts dieses Haus bewohnen und derer, die es aus den unterschiedlichsten Gründen auch verlassen müssen. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch die Begegnung des berühmten Architekten Semjon Mirski in Paris mit einem talentierten unbekannten jungen Maler namens Pablo Picasso, in deren Verlauf der eine dem anderen einen Entwurf für eine Statue berichtigt, damit die Statik stimmt und der andere ein Bild verschenkt und widmet, dass die folgenden Jahre in der Wohnung der Mirskis an der Wand hängt. Ein Bild, das aufgrund seiner kubistischen Darstellung abstösst oder aufgrund seines Wertes Begehrlichkeiten schafft.

Manches verwundert uns heute stark- wie sehr z.B. der Gegensatz hie jüdische Familie, hie Russen, sich durch die Jahrzehnte zieht, völlig unabhängig vom Gesellschaftssystem. Manches kommt bei aller Fremdheit wieder altbekannt vor, der Mensch ist eben immer Mensch egal wo oder unter welchen Umständen er lebt, zu großem fähig aber auch der Wolf des Menschen.
Eine Warnung noch, 391 Seiten klingt eher überschaubar, das Buch ist aber recht klein gedruckt, liest sich also eher langsam, aber es lohnt sich unbedingt.

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Wolkenatlass avatar

Rezension zu "Moskau, Bel Étage" von Grigori Rjaschski

Rezension zu "Moskau, Bel Étage" von Grigori Rjaschski
Wolkenatlasvor 10 Jahren

Grigori Rjaschski, bei uns im deutschsprachigen Raum noch unbekannt, hat mit "Moskau - Bel Étage" einen wunderbar unterhaltenden Familienroman vorgelegt.

Ein Roman, der zwei wirkliche Hauptprotagonisten hat.
Rosa Markowna (geb. 1903) und die Maisonettenwohnung der Familie Mirski im Trjochprudny Pereulok (Gasse), die berühmte Gegend im Herzen Moskaus, die schon Ausgangspunkt für Mikhail Bulgakows Roman "Meister und Margarita" war.

Rosa Markowna und die Wohnung, zwei Gemälde (ein Picasso und ein Chagall), viele Generationen (die Söhne, Enkel und Urenkel- die immer wieder nicht-jüdische Mädels ins Haus bringen), Sina (die Haushälterin) und ihre uneheliche Tochter, deren uneheliche Tochter und die Nachbarn, deren Kinder und Kindeskinder...

Geschickt spielt dieser Roman mit Wiederholungsmustern (oder als Kontrast, Verhaltensmuster, die in der nächsten Generation komplett anders sind- wie die Leidenschaft für das Weibliche von Rosas Mann, dem berühmten Architekten Mirksi- die eine weitere uneheliche Linie der Mirskis begründet- und der absoluten Leidenschaftslosigkeit seines Sohnes Boris), Situationen, die sich in den Generationen wiederholen.

Schuld und Sühne; eine wichtige Frage auch in diesem Roman. Wie weit greift die Schuld, wann ist man befreit, kann man sich von der aufgeladenen Schuld überhaupt befreien?

Viel fluktuiert in diesem Roman, vor allem die Frauen der Mirski Männer, die Liebhaber der Nachbarinnen, die Politik- man wird hier Zeuge der politischen Veränderungen ab ca. 1930 bis 2003 in der Sowjetunion (und Russland), inklusive der Banditen und "Nowich Russkich"- "Neue Russen", die aus der Unordnung im Land ihre Machinationen gedeihen lassen und symptomatisch für das Bild Moskaus in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren.

Rosa Markowna und die Wohnung in der Trjochprudnygasse (bei den Patriarchenteichen)- das sind die Konstanten über alle Jahrzehnte hinweg.

"Moskau - Bel Étage"... ein Roman, der in bester jüdischer Erzähltradition stehend, einfach wirklich unterhaltend ist, der skurrile und witzige, sanfte, leidenschaftliche, kalte, berechnende, dumme, kluge, treue und viele untreue Protagonisten hat, manche sympathisch, manche nicht- ein Roman, der das Bild des Zusammenlebens von Juden und Russen in Russland sehr genau zeigt. Rosas Szene vor dem "Weißen Haus" in Moskau beim 1991 Putschversuch ist bezeichnend- sie denkt den Satz "Unser großes Russland" - im Original sicher "nash weliki Rus", was viel bedeutender für das Verständnis der Nationalitätenfrage in Russland ist. Sie fühlt sich in dem Moment als Russin und schwelgt im Gedanken an das große Russland (während in ihrem Ausweis bei Nationalität "Jüdin" steht...und sie alle jüdischen Bräuche über Generationen fortführt).

Manches, wie den Vergleich Rosas mit Anna Achmatowa (wenn sie traurig ist) oder "der Ranewskaja" (in heiteren Momenten) wird dem Leser, der nie in Russland gelebt hat, vielleicht etwas unverständlich sein (denke ich?), da hätte eine kurze Einführung, bzw. ein erklärendes Nachwort gut geholfen.

Vielleicht ist "Moskau - Bel Étage" keine literarische Sensation, kein literarischer Geniestreich (dagegen sprechen in erster Linie die doch in den letzten zwei Teilen etwas häufig auftretenden Traumsequenzen...).
"Moskau - Bel Étage" ist aber ein wunderbar unterhaltender Roman, der genau das ist, was Jonathan Franzen mit seinen "Korrekturen" nicht geschafft hat: ein wirklich faszinierender Familien-, Generationen-, Gesellschafts- und Liebesroman, ein Roman, der ein Liebesbekenntnis zu Moskau ist, der ein manchmal nostalgisch-schönes Bild einer verlorenen (auch wenn sie nicht perfekt war) Zeit zeichnet. Was "Moskau - Bel Étage" aber vielleicht in erster Linie ist; eine Schatzkiste an herrlichen Figuren, auch wenn nicht alles glaubhaft ist, so nimmt man Grigori Rjaschski die Liebe zu seinen Protagonisten in jedem Satz ab.

"Moskau - Bel Étage" ist sein sechster Roman, ich denke, es ist mehr als an der Zeit, die anderen in deutscher Sprache folgen zu lassen...

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