Es ist ein starkes, beinahe programmatisches Bild, mit dem Gunnar Decker seine Biografie über Erich Neutsch eröffnet: das Porträt, das der Maler Willi Sitte 1966 von Neutsch anfertigt. Ein Doppelgesicht, zerrissen zwischen Selbstgewissheit und Zweifel, zwischen revolutionärem Pathos und innerer Erosion. „Ein Mensch mit zwei Seelen“, notiert Neutsch später selbst – ein Satz, den Decker nicht zufällig zum Leitmotiv erhebt.
Diese Biografie ist mehr als die Lebensgeschichte eines DDR-Autors. Sie ist eine präzise, manchmal schmerzhafte Untersuchung jener Generation, die aus den Trümmern des Nationalsozialismus in die Verheißung des Sozialismus trat – und dabei nicht selten zwischen Idealen und Realität zerrieben wurde. Decker erzählt das nicht als lineare Aufstiegsgeschichte, sondern als widersprüchliches Drama.
Schon die frühen Kapitel gehören zu den stärksten des Buches. Der jugendliche Neutsch, aufgewachsen in einer sozialdemokratisch geprägten Arbeitersiedlung, gerät nach dem Tod des Vaters in den Sog nationalsozialistischer Verführung. Die Selbstbeschreibung ist schonungslos: ein fanatisierter Jugendlicher, der „im Wahn von Nibelungentreue“ noch nach Kriegsende NS-Abzeichen trägt.
Der Bruch folgt abrupt – und brutal. Die Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst, die Verhöre, die physische und psychische Gewalt: Decker rekonstruiert diese Episode mit erzählerischer Wucht, ohne ins Sensationelle zu kippen. Szenen wie die erste Vernehmung – „grelles Lampenlicht“, ein Junge auf einem wackelnden Schemel, Schläge, Drohungen – gehören zu den eindringlichsten Passagen. Sie zeigen, wie biografische Brüche entstehen, die später politisch überformt werden.
Und doch ist diese Erfahrung kein einfacher Wendepunkt. Decker vermeidet die bequeme Erzählung vom geläuterten Antifaschisten. Stattdessen zeigt er, wie sich aus Schuld, Angst und Orientierungslosigkeit ein neuer Glaube formt: der an den Sozialismus. Neutsch wird zum überzeugten Schriftsteller der DDR – und zugleich zu einer Figur, die immer wieder an den eigenen Ansprüchen scheitert.
Hier liegt die eigentliche Stärke des Buches: Decker erzählt Neutsch nicht als Opfer oder als Funktionär, sondern als jemanden, der beides zugleich ist. Der Autor von Spur der Steine wird zum literarischen Star – und erlebt gleichzeitig Zensur, Verbote, politische Demütigungen. Er kämpft für seine Texte, sucht aber zugleich die Nähe zur Macht. Diese Ambivalenz wird nicht aufgelöst, sondern ausgehalten.
Besonders klug ist, wie Decker den literarischen Kontext einbindet. Der „Bitterfelder Weg“, die kulturpolitischen Kämpfe der DDR, die Konflikte um Formalismus und Parteilichkeit – all das erscheint nicht als Hintergrundrauschen, sondern als prägende Kraft. Neutsch’ Kunstverständnis ist dabei radikal: Kunst müsse „Parteinahme für den Sozialismus“ sein . Gerade in dieser Überzeugung liegt jedoch der Keim seiner inneren Konflikte.
Decker schreibt in einem Ton, der sich wohltuend von der üblichen DDR-Retrospektive unterscheidet. Kein moralisches Aburteilen, aber auch keine Nostalgie. Stattdessen eine analytische Nüchternheit, die dort scharf wird, wo es nötig ist. Wenn er etwa die Nähe Neutschs zu SED-Funktionären beschreibt, geschieht das ohne Polemik, aber mit klarer Diagnose: ein „Doppelgesicht“ aus künstlerischem Anspruch und politischer Anpassung.
Am Ende bleibt ein Bild, das weit über die Person hinausweist. Neutsch erscheint als exemplarische Figur eines Jahrhunderts, in dem Ideale und Ideologien untrennbar ineinandergriffen. Einer, der glaubte – und gerade deshalb in Widersprüche geriet.
Gunnar Deckers Biografie ist damit nicht nur ein Buch über einen Schriftsteller, sondern über die Möglichkeit – und Unmöglichkeit – politischer Literatur im 20. Jahrhundert. Sie zeigt, wie nah Überzeugung und Verblendung beieinanderliegen können. Und sie erinnert daran, dass man Geschichte, wie es einmal heißt, eben nicht „anhalten kann wie einen Gaul“.
Ein kluges, differenziertes und notwendiges Buch. Klare Leseempfehlung!















