Gunter Böhnke

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Erscheint am 03.01.2019 als Taschenbuch bei Westend.

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Rezension zu "50 einfache Dinge, die Sie über Sachsen wissen sollten" von Gunter Böhnke

"Der Sachse is der Welt bekannt als braver Erdenbercher..."
R_Mantheyvor 3 Jahren

Diese Zeile stammt aus der sogenannten Sachsenhymne von Jürgen Hart. Man weiß nicht genau, ob diese Aussage ironisch gemeint ist oder ob sie vielleicht doch der Wahrheit nahe kommt, wie Gunter Böhnke vermutet. Wie so vieles kann man das bei den Sachsen nicht so genau feststellen, denn hinter ihrer scheinbaren gemütlichen Freundlichkeit steckt auch viel Cleverness, die manche Leute ihnen in selbstgefälliger Unterschätzung einfach nicht zutrauen wollen. Dabei verfügen die Sachsen über eine lange und erfolgreiche Geschichte. Sie stellten Herrscher in ganz Europa, unter anderem auch deutsche Könige. Ihr Anteil an der deutschen Kulturgeschichte ist bedeutend. Nicht zuletzt stand die Wiege des deutschen Maschinenbaus in Sachsen, was für den großen Erfindungsreichtum seiner Ingenieure spricht. Von den ostdeutschen Ländern ist Sachsen auch aus diesem Grunde das bei Weitem erfolgreichste.

Man kann das alles bei Böhnke nachlesen, wenngleich bei ihm der kulturgeschichtliche, ethnische und sprachliche Hintergrund Sachsens bei Berücksichtigung seines eigenen Werdegangs verständlicherweise etwas Vorrang besitzt. Ab und zu versucht er auch, die Eigenheiten der Sachsen zu beleuchten. Das gelingt ihm ganz gut. Allerdings führt seine verständliche Befangenheit nicht zu einem vollständigen, sondern eher zu einem leicht ins Liebenswürdige verzerrten Bild. Böhnke selbst strahlt seine Leser links unten auf dem Cover an. Er wird es mir verzeihen, wenn ich ihn gewissermaßen als Ebenbild des gemütlichen Kaffeesachsen empfinde. Das ist keineswegs abwertend gemeint. Böhnkes direkter und etwas sächsisch-einfältig wirkender Humor macht ihn eher sympathisch und gewissermaßen typisch. So sind sie eben, die Sachsen, und deshalb werden sie gerne falsch eingeschätzt.

Auch wenn man sie als zugewanderter Fremdling aus dem täglichen Miteinander gut zu kennen glaubt, kann man aus Böhnkes Text noch sehr viel lernen. Beispielsweise über ihre seltsam unbekannten Wortschöpfungen, die sie gelegentlich zu benutzen pflegen. Man findet verstreut im Buch eine lange Reihe solcher kreativ ins Sächsische übernommene Vergewaltigungen des fremdländischen Wortes.

Die 50 einfachen Dinge sollte man hingegen nicht ernst nehmen. Offenbar war Böhnke gezwungen, sich an diesem Konzept zu orientieren. Das macht er zwar formal, aber im Grunde wirkt sein Text wie ein hintereinander weggeschriebenes Manuskript, das scheinbar einigen kreativen Pausen ausgesetzt war, nach denen der Autor vermutlich nicht mehr so genau wusste, was er schon formuliert hatte. Denn man findet zahlreiche Wiederholungen in diesem Buch. Beispielsweise wird der letzte sächsische König mit seinem bekannten Ausspruch auf dem Leipziger Bahnhof nach seiner Absetzung wenigstens drei Mal an verschiedenen Stellen zitiert. Gefühlt genau so oft liest man, dass der gegenwärtige Ministerpräsident ein Sorbe ist und dass diese Volksgruppe nun die Macht in Sachsen übernommen hätte, was natürlich nur eine dieser zahllosen ironischen Übertreibungen Böhnkes ist. Auch die Quelle für den Markennamen Audi wird mindestens drei Mal an verschiedenen Stellen genannt. Vielleicht glaubt Böhnke auch, dass nicht alle so helle sind wie die Sachsen und greift deshalb ab und zu zum didaktischen Mittel der Wiederholung.

Über die wahre Natur der Sachsen erfährt man zwar einiges, aber das ist nicht ganz vollständig. Vielleicht ist eine solche Beschreibung auch schwer oder gar unmöglich, weil es das Typische eigentlich nicht gibt, sondern vielleicht nur das Auffällige. Man könnte der tatsächlichen Freundlichkeit der Sachsen, wie sie von Böhnke beschrieben wird, auch noch ihre penetrante Neugier hinzufügen oder den gelegentlichen Drang alles unendlich lange zu bequatschen, statt zu Entscheidungen zu kommen. Oder den Hang zur Wanderlust in fröhlicher Rudelbildung bei schönem Wetter. Denn sowie im Frühjahr die Sonne lacht, begibt sich (um ein solches Beispiel zu nennen) die Dresdner Bevölkerung, ob nun aus innerem Drang oder nach einem geheimen Signal fast kollektiv ins benachbarte Elbsandsteingebirge um dort in Gruppen herumzulaufen oder zu klettern. Mundfaule Menschen treffen in Sachsen auf großes Unverständnis, denn der Sachse neigt gerne zum freundlichen Aufdrängen von Gesprächen. Bei Böhnke klingt das natürlich viel blumiger, weil er seine Landsleute bei aller Selbstironie einfach klasse findet. Das ist völlig in Ordnung und sehr sympathisch.

Auffallend detailliert geht Böhnke übrigens auf zwei seiner ehemaligen Professoren ein, die außer ihm und einigen wenigen anderen kaum ein Mensch in Sachsen kennen wird. Dass sie und Böhnkes merkwürdig schwärmerische Formulierungen, mit denen er das gottgleiche Verhalten dieser Herren beschreibt, in einem der 50 Punkte auftauchen, passt übrigens sehr gut zu den Huldigungen, die der Autor den sächsischen Königen und nachfolgenden Ministerpräsidenten entgegenbringt. Besonders fortschrittliche Zeitgenossen würden deshalb wohl auf die Idee kommen, Böhnkes "braves Erdenberchertum" ganz anders zu bewerten.

Kurz: Böhnkes Buch liest sich angenehm, auch wenn ihm etwas die Systematik und eine gewisse Straffung fehlen. Trotz seiner Befangenheit kann man von ihm bei leichtem Augenzwinkern viel über die sächsische Mentalität, Sprache, Kultur und Geschichte lernen.

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