Braucht es wirklich noch ein Buch über DEN deutschen Literaturkritiker, Marcel Reich-Ranicki (MRR)? Literaturprofessor Dr. Gunter Reus versucht sich zumindest mit einem frischen Ansatz.
Nach einem kurzen Überblick über Kindheit und Jugendjahre des späteren "Literaturpapstes" beleuchtet Reus zunächst Ranickis Tätigkeit als Kritiker und dessen Rezeption durch Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und schließlich auch durch die Leserschaft. Ranickis Ansatz, die Menschen mit seinen Kritiken zum Lesen zu bewegen, wird gut herausgearbeitet, ist aber nicht wirklich neu. Altbekannt auch sein Grundsatz, für alle zu schreiben und daher möglichst keine Fachbegriffe zu verwenden. Mir als Laien war bislang jedoch unbekannt, worin nach Ranickis Meinung guter Kulturjournalismus bestehen sollte, Reus benennt dessen Qualitätskriterien für gute Kritik und fragt, inwieweit diese heute noch Gültigkeit haben können oder sollen. Dabei schreibt Professor Reus angenehm populärwissenschaftlich, man muss kein Literatur- oder Journalistikstudium absolviert haben, um seinen Gedankengängen folgen zu können.
Der letzte Teil des Buches ist zugleich der schwächste: Hier sind - kommentarlos - 24 Interviews mit deutschen Feuilletonisten und Feuilletonistinnen aufgeführt. Alle bekamen die selben vier Fragen gestellt, zu Reich-Ranicki und dessen Einfluss auf die Befragten bzw. auf die Literaturkritik an sich. Dies las sich einerseits etwas öde, schon allein dadurch, dass die Fragestellung immer wieder im gesamten Wortlaut abgedruckt wurde. Und gerade hier hätte ich mir eine Zusammenfassung oder auch Wertung des Autors gewünscht. So wird zwar klar, dass MRR bei der Mehrheit der aktuellen Literaturjournalisten nicht gerade hoch geschätzt wird, aber die Gründe konnte ich nicht immer nachvollziehen.
Ganz unterhaltsam sind zwei Kritiken Reich-Ranickis, die das Sachbuch beschließen. Auch hier fehlt mir jedoch die Erläuterung, weshalb gerade diese beiden Rezensionen ausgewählt wurden.





