Guram Assatiani So liebte man in Georgien.

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Inhaltsangabe zu „So liebte man in Georgien.“ von Guram Assatiani

Anna Letodiani

Guram Assatiani
– Forscher des georgischen Charakters

Die georgische Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts bereicherten einige ausgewählte Forscher. Zu ihnen zählt auch Guram Assatiani, „ein wahrer Ästhetiker und ein fantasievoller Literat vom Scheitel bis zur Sohle“, wie er später von einem Kollegen genannt wurde.
Guram Assatiani wurde 1928 in die Familie des berühmten georgischen Literaten Lewan Assatiani in Tbilisi geboren. Ab 1946 studierte er an der Lomonosow-Universität die westeuropäische Literatur. Seine Doktorarbeit über die georgisch-französischen Beziehungen verteidigte er in Moskau. Danach kehrte er nach Georgien zurück und arbeitete bei einer renommierten russischsprachigen Literaturzeitschrift, wo er für russische Leser Artikel über georgische Literatur schrieb.
Parallel dazu hielt er Vorlesungen über verschiedene Fragestellungen der georgischen Literatur und leitete die Abteilung der georgischen Literatur aus dem 19. Jahrhundert am georgischen Literaturinstitut. 1977 schrieb Guram Assatiani seine Doktorarbeit über das Thema „Die Evolution des georgischen Dichterdenkens im 19. Jahrhundert“. 1978 war er der leitende Redakteur der Zeitschrift „Literaturnaja Grusija“ („Literarisches Georgien“). Ab da unterstützte er noch intensiver, dass georgische Schriftsteller in den Blickwinkel russischer Leser gerieten und bekannt wurden. Im April 1982 wurde das Hauptwerk Guram Assatianis „Zu den Ursprüngen“ veröffentlicht. Das war das letzte Buch, das zu seinen Lebzeiten herausgegeben wurde. Der Forscher verstarb nach einer schweren Krankheit im Juni 1982, mit nur 54 Jahren.
Ungeachtet dessen, dass das literatur-wissenschaftliche Erbe Guram Assatianis mehrere Werke umfasst, hielt der Autor den Prozess des Schreibens für eine sehr komplizierte Beschäftigung und dachte, dass diese Tätigkeit mit einer enormen Verantwortung verbunden sei.
Der Schreibstil Assatianis ist ästhetisch ausgerichtet. Wissenschaftliche Zeugnisse der verwendeten Literatur werden wir bei ihm niemals antreffen. Die Ansichten, Einschätzungen und Konzepte, die er in seinen Artikeln vertritt, sind eher intuitiv, aber diese Reflexionen und freie Interpretationen stützen sich auf eine breite Erudition und klassische Bildung und erhalten dadurch ihren besonderen Wert. Seine Schreibweise zeichnet sich auch durch eine gewisse Pathetik aus. Sie ist jedoch niemals unecht oder plakativ.
„Zu den Ursprüngen“ von Guram Assatiani, dessen Auszug hier vorgestellt wird, zeigt dem interessierten deutschen Leser den georgischen Charakter, generell die georgische Ästhetik und die zentralen Aspekte der ästhetischen Welt auf. Etwas Vergleichbares gab es vorher nie in der georgischen Literaturwissenschaft.
Guram Assatiani erforschte den georgischen Charakter anhand der georgischen schöngeistigen Literatur und der Folklore, denn er hielt gerade die Literatur als Emanation des geistigen Wesens einer Nation.
Nach den Beobachtungen des Autor neigt die georgische Natur zu Extremitäten: Im Falle einer optimistischen Gemütslage denken die Georgier, sie seien die Besten, und wenn sie kein Glück haben, verfallen sie leicht der Hoffnungslosigkeit und halten sich für die Beklagenswertesten der Welt.
Für eines der fundamentalen Wesen der ästhetischen Natur des georgischen Volkes hält der Autor die Übereinstimmung der seelischen und fleischlichen Ursprünge und um diese Ansicht zu untermauern, wendet er Schota Rustawelis „Der Recke im Pantherfell“ und Wascha-Pschawelas Literatur an. Seiner Meinung nach wird die ästhetische Natur der Georgier in der literarischen Weltanschauung gerade dieser beiden Dichter auf eine vollkommene Art und Weise dargestellt.
Nach dem allbekannten Schema des apollinischen und dionysischen Ursprungs von Nietzsche kann man zweifelsohne die Kunst jedes beliebigen Kulturvolkes analysieren. Guram Assatiani vermeidet aber dieses Schema auf den georgischen Charakter automatisch anzuwenden. Er denkt, dass für die georgische Kultur ausgehend aus der georgischen Natur Prometheus, das Abbild des unbeugsamen Gottes eher in Frage käme.
Nach den Beobachtungen des Autors ist auch die ost- westliche Synthese ein Merkmal des georgischen Charakters. Zwar vertritt er die Ansicht, dass in der georgischen Literatur die östlichen und westlichen Ursprünge einander gegenüber stehen, aber in dieser Gegenüberstellung und in ihrem Kampf wird kein „Verlierer“ vollends zerstört. Öfter erschaffen diese Ursprünge eine seltene Einheit. Als Beispiel für die harmonische Einheit der östlichen und westlichen Tendenzen führt Guram Assatiani „Den Recken im Pantherfell“ an, obwohl er auch betont, dass trotz der ost-westlichen Synthese das Werk Rustawelis dennoch eine Erscheinung des rein nationalen Charakters sei. Wie im „Gilgamesch-Epos“, in der „Illias“, der „Odysee“, in „Schahname“ und der „Göttlichen Komödie“ wird auch im „Der Recke im Pantherfell“ die Tendenz vereint, die für den alten Orient, für die antike Kultur und die christliche Weltanschauung charakteristisch sind.
Guram Assatiani betont jene negativen Eigenschaften der georgischen Natur, wie Faulheit und Angeberei. Um diese Merkmale darzustellen, bediente er sich eines der bekanntesten Helden der georgischen Märchen: Der Aschenstocherer.
Ein weiteres Charakteristikum der georgischen Natur ist für ihn das Streben zum „Ruhm“, und nennt das höchste Ideal sich ruhmreich zu zeigen, die Aufopferung für die Heimat.
Ungeachtet dessen, dass Guram Assatiani die Feindseligkeiten der Georgier einander gegenüber für ein wesentliches Manko hält, betont er im gleichen Zug, dass Georgier zu jener Kategorie der Nationen angehören, bei denen das Gefühl der Freundschaft besonders ausgebildet ist. Seiner Meinung nach gibt es keinen Georgier, der keine Freunde hat und die Basis der Freundschaft beruht eher auf Unterschiedlichkeiten und nicht auf Ähnlichkeiten.
Weiter führt er noch an, dass ein Georgier sich immer auf einer Bühne vorstellt. Er spürt stets unentwegte Blicke anderer und lebt in ständiger Begleitung dieser Blicke.
Für Guram Assatiani, der ein Vertreter einer Nation ist, die zwar eine uralte Kultur besitzt aber zahlenmäßig klein ist, ist die Grundlage des Optimismus das ewige Streben der georgischen Seele nach Erneuerungen. In diesem Wesen sieht er die besondere Überlebenskraft und das dichterische Potenzial der nationalen Energie aller Georgier.
Als Muster der georgischen Ästhetik wird Guram Assatianis Brief „So liebte man in Georgien“ angesehen, der auch in der Ausgabe vertreten ist. Das spezifische Erscheinungsbild der Liebe hält der Forscher für eines der Charaktermerkmale einer jeden Nation. Er versucht seine eigenen Ansichten zu verteidigen, indem er Beispiele und Helden aus unterschiedlichen Epochen und Genres anführt. Nach einer ausführlichen Diskussion beschließt Guram Assatiani letzten Endens, dass die Form der Liebe in der georgischen Poesie eine tragische ist. Seiner Meinung nach verursacht die Tragik jenes Gefühl, das durch eine vollkommene Glückseligkeit unerreichbar sei, dass das ein Wunsch sei, der nie in Erfüllung geht. Das Wesen der georgischen Natur äußert sich eben wegen dieser Unerreichbarkeit in der selbstlosen Suche der eigenen Spuren.
Was „Die letzte Unterhaltung“ angeht, so wurde diese in einem Krankenhaus aufgezeichnet, kurz vor dem Tod Guram Assatianis. Das Thema dieser Unterhaltung ist „Der Recke im Pantherfell“, als Gipfel der ost-westlichen Synthese.

Der Anhang der vorliegenden Ausgabe umfasst einen polemischen Artikel „Ein lauter Weckruf“ von Akaki Bakradse (1928-1999), dem bekannten georgische Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts. Den schrieb er als Antwort auf Guram Assatianis Hauptwerk. Die Ansichten, die er in diesem Artikel vertritt, beeinflussten nachhaltig die Forschungen an der georgischen ästhetischen Natur und generell am georgischen Phänomen. Besonders standhaft erwies sich die Bakradse-Interpretation des Aschenstocherer-Phänomens.
Historisch gesehen mussten die Georgier überwiegend Verteidigungskämpfe austragen. Georgien hatte noch nie einen Feind, der schwächer gewesen wäre. Der Gegner war stets stärker. Um zu überleben und die eigene Identität aufrechtzuerhalten, war Überlegenheit und Wendigkeit gefragt. Akaki Bakradse merkt an, dass gerade dadurch das Paradigma des Ascherstocherers erschaffen wurde. Wegen seiner Klugheit und Wendigkeit ist er dem Riesen immer überlegen. Seine Faulheit und Prahlerei sind nur eine Mystifizierung, eine Maske. In der Beziehung des Aschenstocherers und des Riesen äußert sich das Modell der georgischen Geschichte. Unser Land hätte im ungleichen Kampf gegen den Feind nur das Ideal des Aschenstocherers retten können.
Also, die Eigenschaften des Aschenstocherer (oder eines Georgiers) sind die Klugheit und Wendigkeit und nicht die Faulheit und Prahlerei. Genau diese Herangehensweise ermöglicht den Georgiern nach Bakradse die Grundlagen für den Optimismus zu erschaffen.
Wenn Guram Assatiani schreibt, dass den georgischen Charakter die Synthese des Seelischen und des Materiellen ausmacht, so glaubt Akaki Bakradse, dass im entscheidenden Moment das Seelische das Materielle bezwingen sollte. Eben darum konnte sich die georgische nationale Seele in der Vergangenheit nicht gänzlich herausbilden. Das ist die Angelegenheit in der Zukunft und kann erst dann geschehen, wenn wir das Seelische und das Materielle harmonisch miteinander verbinden können, und wenn wir vor der Wahl stehen, dann entscheiden wir uns für das Seelische.
Und schließlich müssen wir anmerken, dass die Texte von Guram Assatiani und Akaki Bakradse, die hier vorgestellt werden, in der georgischen Literatur auch heute nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben. Über die Fragen, die von diesen zwei Literaten gestellt und analysiert werden, sind schon unzählige große und mittlere Arbeiten geschrieben worden.

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