Gusel Jachina

 4.3 Sterne bei 44 Bewertungen
Gusel Jachina

Lebenslauf von Gusel Jachina

Die russische Autorin Gusel Jachina kommt 1977 in Kasan, Tatarstan zur Welt. Sie studierte Germanistik und Anglistik und arbeitete danach zunächst in der Werbung, wo sie nebenbei auch erste Artikel schrieb. Ihr schriftstellerisches Debüt, „Suleika öffnet die Augen“, erschien 2017 auf Deutsch. Jachina ist unter anderem Preisträgerin des Das-große-Buch-Preises 2015, der nach dem Literatur-Nobelpreis der zweitgrößte Literaturpreis der Welt ist.

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Suleika öffnet die Augen

 (37)
Neu erschienen am 09.11.2018 als Taschenbuch bei Aufbau TB.

Alle Bücher von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen

Suleika öffnet die Augen

 (37)
Erschienen am 09.11.2018
Suleika öffnet die Augen

Suleika öffnet die Augen

 (7)
Erschienen am 17.02.2017

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Rezension zu "Suleika öffnet die Augen" von Gusel Jachina

Suleika ließ mich kalt
Schmiesenvor 4 Monaten

Suleika führt mit ihrem Mann Murtasa und dessen Mutter ein entbehrungsreiches, hartes Bauernleben im russischen Tatarstan. Sie wird täglich gedemütigt und unterdrückt, doch als die "Rote Horde" einfällt, Murtasa tötet und sie als Kulakin deportiert, verschlechtert sich ihre Lage noch weiter. Eine Odyssee in die Tiefen Russlands beginnt, bis hin zu den unbewohnten Gebieten mitten in der Taiga.


An dieses Buch von der tatarischen Autorin Gusel Jachina hatte ich hohe Erwartungen. Es wird als erschütternd, eindringlich und hochemotional gelobt, gewann in Russland den Preis als Großes Buch. Davon konnte ich beim Lesen leider nicht viel spüren. Die anfänglichen Szenarien im Dörfchen Julbasch irgendwo in Tatarstan haben mir stellenweise zwar das Blut in den Adern gefrieren lassen, so kalt und unbarmherzig war Suleikas Leben dort, doch diese erzählerische Dichte verliert sich in dem Moment, als Suleika abtransportiert wird. Weder litt ich im Gefängnis mit ihr, noch auf dem endlos dauernden Transport, noch in der Taiga.

Das mag zu großen Teilen daran gelegen haben, dass Suleika und ihr Schicksal oft in den Hintergrund getreten sind. Die Autorin hat sich dafür entschieden, auch andere Personen in den Fokus zu setzen, allen voran Iwan Ignatow, der Kommandant des Lagers, aber auch Wolf Leibe, den deutschstämmigen Frauenheilkundler und Chirurgen. Stellenweise habe ich mich gefragt, warum das Buch nicht "Ignatow öffnet die Augen" heißt. Leider habe ich mich so immer weiter von Suleika entfernt, sie war irgendwann nicht mehr als eine Randfigur. 

Merkwürdigerweise war Suleikas Schicksal an vielen Stellen vorhersehbar. Von so einem Roman hätte ich mir irgendwie eine ausgefeiltere Handlung mit mehr Überraschungsmomenten erhofft. Zwei Dinge sind mir hierbei besonders negativ aufgefallen: Erstens die ungeschickt dargestellte Liebesgeschichte zwischen Suleika und Ignatow (urgh, das hätte es wirklich nicht gebraucht!), die sich auf dem Niveau eines schlechten Jugendromans abspielt, und den wundersamen Zufall, dass sich der Gynäkologe Leibe auf demselben Transport befindet wie die schwangere Suleika. Das war doch etwas zu viel des Guten. Der Doktor war zwar durchaus ein Sympathieträger, doch eine Passage, die über ihn erzählt wurde, hat bei mir für großes Befremden gesorgt (eine Art Ei stülpt sich nach und nach über seinen Körper, sodass er nur noch das Schöne im Leben wahrnimmt - eine Art selbstgewählte Demenz, die er dann aber plötzlich abwirft).

Insgesamt waren zu viele Szenen dabei, die mich abgestoßen haben, beispielsweise als Suleika ihre Freude beschreibt, wenn ihr kleiner Sohn sie anpinkelt und sie dann den nassen Fleck und den Penis ihres Kindes küsst. Warum, Frau Jachina, warum? Da entsteht bei mir keine Emotion, sondern einfach nur ein angeekeltes Schaudern. Und warum wird das Leben im Exil, im russischen Nichts, irgendwann fast wie eine Befreiung, eine Emanzipation dargestellt? Nur, weil Suleika jetzt arbeiten darf (muss!) wie ein Mann? Diese Botschaft finde ich sehr fragwürdig!

Keines der Themen, weder das des Vertrieben- noch das des Mutterseins, wurde auch nur annähernd so behandelt, wie ich es mir erhofft und erwartet hatte. Die Figuren blieben mir allesamt fremd, ihr Schicksal war mir unwichtig. Als Unterhaltungsbelletristik taugt das Buch allemal, zumal es sich auch sehr flott lesen lässt, aber in die Riege großer Literatur gesellt es sich ganz sicher nicht. Schade, ich bin enttäuscht!
PS: Nicht einmal ein schönes Zitat für den Beginn meiner Rezension konnte ich finden...

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Rezension zu "Suleika öffnet die Augen" von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen von Gusel Jachina
Claudisbuchblogvor 8 Monaten

Hier möchte ich Suleika öffnet die Augen (Originaltitel: Зулейха открывает глаза, erschienen 2015) von Gusel Jachina (geboren 1977) besprechen, ein historischer Gesellschaftsroman.

Die russische Autorin Gusel Jachina ist tatarischer Abstammung, arbeitet als Drehbuchschreiberin und Schriftstellerin und verarbeitet in diesem Debütroman das Schicksal ihrer Großmutter.

Ich habe mir das Hörbuch zu Suleika öffnet die Augen mit einer Dauer von 17:49 Stunden gekauft, das von Frank Arnold gesprochen wird. Der Roman wurde in diverse Sprachen übersetzt und hat in der deutschen Ausgabe 541 Seiten. Für ihr Erstlingswerk erhielt Gusel Jachina mehrere internationale Buchpreise.

Inhalt

Bis 1929 beschloss das sowjetische Politbüro, dass sich die selbstständigen Bauern, Kulaken genannt, freiwillig den Sowchosen und Kolchosen anzuschließen haben. Anfang 1930 beschrieb Stalin die Kulaken als Klassenfeinde, die zu bekämpfen und zu eliminieren seien. Daraufhin wurden die Bewohner ganzer Bauerndörfer, von denen nur ein Teil das Ziel erreichte, nach Sibirien deportiert.

Tartastan, 1930: Die dreißigjährige Suleika lebt im Dorf Julbasch in der Nähe der Hauptstadt Kasan unterdrückt und rechtlos auf dem Hof ihres sechzigjährigen Ehemannes Murtasa. Mit fünfzehn wurde sie verheiratet, bekam vier Kinder, lauter Mädchen, die alle im Kindbett starben. Sie kümmert sich um ihren Mann, das Haus, die Tiere und ihre biestige, hundertjährige Schwiegermutter, die - mittlerweile blind und taub - Suleika nur als nasses Huhn anredet, sie beschimpft und schlecht behandelt. Murtasa schimpft über die ständig steigenden Abgaben, die er als selbstständiger Bauer zu entrichten hat und versucht, seine Vorräte vor der Beschlagnahmung durch die Roten Horden in Sicherheit zu bringen, was natürlich streng verboten ist. Bei einem dieser Versuche wird Murtasa vor Suleikas Augen vom Kommandanten Ignatow erschossen. Am nächsten Morgen wird der Bauernhof beschlagnahmt und Suleika reist mit vielen anderen Bewohnern Julbaschs gen Sibirien, einem ungewissen Schicksal entgegen.

Der Arzt und Professor Dr. Wolf Karlowitsch Leibe erleidet durch die Missgunst seiner Hausangestellten das gleiche Schicksal. Sie sind hinter seiner luxuriösen Wohnung her und schwärzen ihn bei den Behörden an. Als Folge davon landet er in einem Transport Richtung Sibirien.

Eingepfercht in viel zu enge Wagons fährt der Zug über Monate quer durchs Land, wobei sich die Versorgung der Menschen in Grenzen hält. Von den anfänglich 800 Menschen kommen am Bestimmungsort an der Angara, einem großen, sibirischen Strom, nur dreißig an. Und sollen dort ein Arbeitslager errichten.

Ignatow sollte den Schienentransport der Kulaken überwachen, landet aber ungewollt als Lagerkommandant in der sibirischen Taiga, ohne Aussicht, diese in nächster Zeit verlassen zu können. Er sieht sich mit der Aufgabe konfrontiert, mit den paar Übriggebliebenen ohne Ausrüstung den anstehenden Winter zu überleben und das Lager zu errichten.

Die unterdrückte Bäuerin Suleika wird Mutter, Krankenschwester und Jägerin und entdeckt für sich trotz aller Entrechtung Entwicklungsmöglichkeiten und eine nie gekannte Form der Freiheit. Jahre später geht sie eine Liebesbeziehung mit Kommandant Ignatow ein.

Fazit

Suleika öffnet die Augen von Gusel Jachina beschreibt in detaillierten Bildern das Schicksal einer verlorenen Gesellschaftsschicht, die nach Sibirien verbannt wurde, um dort zu sterben und dabei noch nützlich beim Aufbau der Arbeitslager und der Feldwirtschaft zur Ernährung des sowjetischen Volkes zu sein. Dies wird aus den Blickwinkeln und Schicksalen verschiedener Protagonisten beschrieben.

Ich habe gelesen, dieses Buch würde in die Kategorie Frauenroman gepackt. Dem möchte ich widersprechen, da ja nicht nur Suleikas Sicht auf die Dinge beschrieben wird, stimmt das einfach nicht. Dies ist ein historischer Roman, der sich mit dem Schicksal einer Minderheit zur Zeit des Kulaken-Programms befasst.

Weder hebt die Autorin den moralischen Zeigefinger und behauptet, dass in Sibirien alles schlecht war, noch verdammt sie die damaligen politischen Verhältnisse per se. Sie beschreibt nur die Auswirkungen und die Motive einzelner auf sehr anschauliche Weise. Ich habe hier eine Menge über die Zeit unter Stalin erfahren. Ich hatte zwar eine grobe Vorstellung, was damals geschehen war, wurde hier aber mit vielen detaillierten und mir bis dato unbekannten Informationen versehen.

Ein wirklich gelungenes Erstlingswerk, das auf viele weitere gelungene Romane von Gusel Jachina hoffen lässt. Dafür gibt es einen Daumen hoch und fünf verdiente Sterne.

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Christine2000s avatar

Rezension zu "Suleika öffnet die Augen" von Gusel Jachina

Ein Meisterwerk
Christine2000vor 10 Monaten

Gusel Jachina ,die Autorin dieses Jahrhundert- Buches, ist laut Beschreibung tatsächlich die Enkelin einer echten Tartarin. Und diesen persönlichen Bezug merkt man der einfühlsamen Beschreibung der Hauptprotagonistin auch an. Ich finde es einfach unglaublich, wie lakonisch und doch eindrucksvoll lebendig die ungebildete Bäuerin Suleika ihr Leben als quasi Leibeigene erduldet, aber auch meistert. Zuerst „gehört“ sie ihrem derben Mann und dessen hundertjähriger, grausamer Mutter, die durchaus Züge einer bösen Märchenhexe trägt. Später, nachdem sie im Rahmen der sogenannten „Entkulakisierung“ ins Gulag nach Sibirien deportiert wird, ist sie Eigentum des kommunistischen Moloch, der mit seinem Menschenmaterial nach Gutdünken verfährt. Das ist so aberwitzig gefühllos, gleichzeitig aber so echt geschildert, dass es wie ein völlig aus der Zeit gefallenes Konstrukt wirkt. Einerseits sind die Verbannten in der Taiga völlig von der Umwelt abgeschnitten, andererseits müssen sie ein willkürlich festgesetztes Plansoll erfüllen, das vollkommen unnötig zu Not, Mangel und ständigem Überlebenskampf führt. Es war oft sehr schwer zu ertragen, das zu lesen. Umso wunderbarer ist, dass es der zarten Suleika in all ihrer sturen Beharrlichkeit und Naivität gelingt, sich auf ihre ganz eigene Art, ein fast selbstbestimmtes Leben aufzubauen und dabei auch noch einen Sohn aufzuziehen. Das ambivalente Verhältnis zum Kommandanten des Lagers, der auf seine Art ebenso ein Gefangener des Systems ist, hat sowohl herzzereissend poetische und gleichzeitig dramatische Züge. Die Story bietet einfach alles. Eine anrührende Liebesgeschichte, ein packendes Sozialdrama, Zeitgeschichte und Sittengemälde. Der Sprachstil ist dabei so klar und prägnant, so ganz eigen elegant und schnörkellos, dass es eine wahre Freude war, den Text sowohl als Hörbuch zu erfahren, als auch als Print zu lesen. Für mich ist Gusel Jachina eine der ganz großen Entdeckungen und eines großen Literaturpreises mehr als würdig. Ich bin begeistert.

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Gusel Jachina wurde am 01. Juni 1977 in Kasan (Russland) geboren.

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