Es gibt Künstler, deren Werk so tief in die Widersprüche ihrer Zeit eingelassen ist, dass man sie nicht loben kann, ohne gleichzeitig anzuklagen. Sergej Eisenstein gehört zweifellos dazu. Der Mann, der mit dem Panzerkreuzer Potemkin das Kino als politisches Instrument neu erfand und mit seinen Montage-Theorien die Filmsprache des 20. Jahrhunderts prägte, war zugleich ein Diener Stalins – ein Künstler, der furchtbare Propagandawerke schuf und dabei wusste, was er tat. Genau diese schwindelerregende Ambivalenz hat Gusel Jachina, 1977 in Kasan geborene Autorin tatarischer Abstammung und selbst Absolventin der Moskauer Filmhochschule, in ihrem Roman „Eisen" in den Mittelpunkt gestellt.
„Eisen" funktioniert als Doppelroman. Auf der einen Ebene steht die literarische Biografie Eisensteins: von 1924, als er zum ersten Mal einen Schneideraum betritt, bis in die Stalinzeit, in der die Frage nicht mehr lautet, ob man sich anpassen soll, sondern ob man überleben kann, ohne dabei die eigene Seele vollständig zu verspielen. Auf der anderen Ebene entwirft Jachina ein breites historisches Panorama der frühen Sowjetunion – jene Jahre, in denen das kulturelle Aufbruchsgefühl der Avantgarde allmählich in den Schrecken des Stalinismus umkippt.
Der Titel „Eisen" trägt diese Doppelbödigkeit bereits in sich: Eisen ist das Material der Industrie, der Propaganda, des „Eisernen Vorhangs“. Aber Eisenstein trägt den Namen auch buchstäblich in sich, ist selbst aus diesem Stoff gemacht. Zugleich verweist Eisen auf Unnachgiebigkeit und innere Zerrissenheit; das Material, das am härtesten erscheint, bricht unter bestimmten Bedingungen am brutalsten.
Jachinas bevorzugtes erzählerisches Mittel ist die Ironie. Eine Ironie, die Distanz schafft, ohne Empathie zu tilgen. Jachina zeigt einen Menschen, der die Mittel des Films sehr gut durchschaut. Was gezeigt wird, wird geglaubt und damit zur Wahrheit. Eisenstein nutzt diese Erkenntnis, um sowohl Meisterwerke zu schaffen als auch die Ideologie zu bedienen, die ihn letztlich bedroht.
Jachina urteilt hier nicht, sie denunziert auch nicht, sie schaut hin. Und was sie sieht, ist furchtbar.
Aber: Jachina hat auch ein Problem. Sie weiß nicht, wann die Szene zu Ende ist. Insbesondere die ausführlichen Beschreibungen von Eisensteins filmischen Arbeiten – formal zwingend, weil das Kino das zentrale Sujet ist – geraten stellenweise zu ausgedehnt, als würde die Autorin in filmtheoretische Exkurse gleiten. Das bremst das Lesevergnügen, ohne den Erkenntnisgewinn zu steigern. Jachina liebt das Detail zu sehr. Bei knapp 600 Seiten ist diese Neigung zum Exkurs riskant. Man hätte hundert Seiten streichen können! Mindestens!
Und doch: Dass Jachina diesen Roman aus dem Exil heraus geschrieben hat, in einer Zeit, in der russische Kulturfiguren erneut vor der Frage stehen, wie weit man sich dem Staat beugt, verleiht dem Werk eine Dringlichkeit, die über das Historische hinausgeht. „Eisen" ist nicht zuletzt eine Parabel über die Gegenwart – über jeden Künstler, der in einem System lebt, das seine Mitarbeit fordert und seine Unabhängigkeit bestraft.
Trotz der Längen, trotz der Opulenz, die manchmal in Geschwätzigkeit ausartet. Man muss Gusel Jachinas Buch „Eisen“ lesen, wenn man verstehen will, wie die Kunst unter den Stiefel der Macht gerät.