Gusel Jachina Suleika öffnet die Augen

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Inhaltsangabe zu „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

Suleika ist eine tatarische Bäuerin. Eingeschüchtert und rechtlos lebt die Mutter von vier im Säuglingsalter gestorbenen Kindern auf dem Hof ihres viel älteren Mannes. Ihr Weg zu sich selbst führt durch die Hölle, das Sibirien der von Stalin Ausgesiedelten. Ein anrührendes und meisterhaftes Debüt, das in 21 Sprachen übersetzt ist. Vielfach preisgekrönt, u.a. als Großes Buch 2015 und mit dem Jasnaja Poljana-Preis 2015.

Eine gefühlvoll erzählte Geschichte, die die gesamte Gefühlspalette beim Hörer trifft.

— chuma

Die erste Hälfte ist grandios, in der zweiten Hälfte verliert die Autorin leider den Fokus auf Suleika.

— kornmuhme
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  • Deportierung der Kosaken

    Suleika öffnet die Augen

    Gwhynwhyfar

    31. October 2017 um 16:43

    »Der Tod war überall. Das hatte Suleika schon in der Kindheit begriffen. Sie gewöhnte sich an diesen Gedanken wie der Ochse an das Joch und das Pferd an die Stimme seines Herrn. Der Tod war allgegenwärtig, er war schlauer, klüger und stärker als das dumme Leben, das den Kampf immer verlor.«Ein Titel, der mich nicht ansprach, aber ein Klappentext, der mein Interesse weckte, ein Roman, ausgezeichnet mit mehreren Preisen, bereits in 21 Sprachen übersetzt. Die Tatarin Gusel Jachina schrieb dieses Buch ausgehend von den Erzählungen irer Großmutter mit russischem Erzähltalent der alten Tradition. Die Krimtataren, stolz, muslimisch und aufsässig, wollten sich nicht der kommunistischen Vereinnahmung unterwerfen und wurden nach Sibirien deportiert.»Du kannst überhaupt nichts. Weder schlagen noch töten noch lieben. Nein, du wirst nie richtig leben. Mit einem Wort, du bist und bleibst ein nasses Huhn.« (Suleikas Schwiegermutter)Während der stalinistischen Zeit der Sowjetunion lebt die Tatarin Suleika mit Ehemann und Schwiegermutter recht begütert auf einem Gehöft. Suleika hat es nicht einfach unter der boshaften Schwiegermutter, die sie schwer schuften lässt, einem Ehemann, gewalttätig, der sie als Eigentum betrachtet. Eines Tages reiten die Genossen ein, beschlagnahmen das Gehöft im Rahmen der Zwangskollektivierung. Suleikas Ehemann will sich das nicht gefallen lassen, wird getötet, die Schwiegermutter, ein altes Weib, lässt man hilflos zurück, Suleika wird mit dem Vieh in den Tross getrieben, das Land zu verlassen. »Suleika hat es so satt zu leiden. An dem Hunger, an den Bauchkrämpfen, an der Kälte bei Nacht. An den Schmerzen in den Knochen am Morgen, an den Läusen und an der ständigen Übelkeit An all dem Schmerz und Tod ringsum. An der Furcht, dass es noch schlechter werden könnte und - das Schlimmste - an der nicht enden wollenden Scham.«Fußmärsche, monatelange Reisen in Viehwagons, ein Ausharren in einem Deportationslager unter unmenschlichen Bedingungen und Kälte folgt. Die Gruppe wird aufgefüllt mit der Leningrader Bourgeoisie und weiter geht es per Bahn Richtung Sibirien. Viele Menschen sterben unterwegs, weil sie von Hunger und Kälte geschwächt sind. Zum Schluss geht es weiter per Schiff ins tiefste Sibirien. Ein Boot kentert. Von den rund 800 Deportierten kommen nur 30 Personen an. Mitten in der Natur, am Fluss Angara werden die Menschen ausgesetzt, sollen unter Kommandant Ignatows Leitung eine Siedlung errichten. Selbst ein Plansoll wird vorgegeben, wenig Lebensmittel und Handwerkszeug händigt man ihnen aus. Suleika bringt ihren Sohn zur Welt. Es gilt den Winter zu überleben, ein Boot mit Nachschub wird erst im nächsten Jahr erwartet. Der Staat erwartet, dass diese Menschen hier heimisch werden, eine Kolchose gründen. Nur wie und mit was? Nicht jeder wird dem gewachsen sein. Das Buch umfasst eine Zeit von 15 Jahren, weitere Deportierte kommen an, die Siedlung organisiert sich, wächst. Den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren unter harten Bedingungen noch härter zu arbeiten. Ignatow, der Mörder von Suleikas Mann, hofft, dass er nach einem Jahr als Kommandant abgelöst wird. Suleika entdeckt sich selbst, neue Möglichkeiten eröffnen sich für sie. Sie geht dem Doktor zur Hand, lernt die Krankenpflege und sie zeigt Geschick bei der Jagd, gehört dem Jägerteam an, das die karge Kolchosküche mit Wildbret bereichert. Die erste Hälfte des Romans zeigt die brutale Wirklichkeit der Deportation, den grausamen Gulag, ein entbehrungsreiches Leben, Tote um Tote. Im letzten Drittel erinnert die Geschichte ein wenig an Lederstumpfgeschichten, Abenteuer, Busch-Romantik, auch die Kunst darf nicht fehlen. Der anfänglich als dement beschriebene Professor ist plötzlich wieder ein helles Köpfchen, betreibt ein hervorragendes Lazarett, das weit im Land bekannt wird. Im Frühjahr flattern frisch gewaschene Gardinen im Wind, es duftet nach Jasmin, «Es riecht nach Rauch, Badehaus, frisch gehobeltem Holz, Milch und Plinsen.« Suleika entgleitet als Nebenfigur, Ignatow tritt in den Vordergrund und die Schönfärbung des Lagerlebens. Frischluft, Natur, nette Menschen, wie schön ist das Kollektiv.Schade, dass zum Ende die Entkulakisierung schöngeredet wird. Aber vielleicht muss man sein Schicksal idealisieren, um ein wenig Zufriedenheit zu erreichen. Der Roman beruht, wie Gusel Jachina in einem Interview sagte, zu Teilen auf den Erlebnissen und Erzählungen ihrer Großmutter. 1929 missbilligte Stalin alle Überlegungen, Kulaken (Bauern) in Kolchosen zu integrieren. Er kündigte er die «Liquidierung des Kulakentums als Klasse« an, rief zur »Offensive gegen die kapitalistischen Elemente des Dorfes« auf, zündete sozusagen einen Krieg gegen die Bauern, beziehungsweise gegen das »Dorf« an. 1930 begann in vielen Gegenden die massenhafte Entkulakisierung, wie im Ural, in Transkaukasien, in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik und in der Oblast Rjasan nahe Moskau. Über drei Millionen wohlhabender Bauern wurden enteignet und ins Exil verfrachtet. Die Tataren-Khanat der Krim waren über 300 Jahre lang ein kriegerischer Nachbar der Russen, ein legendärer Erzfeind. Unter Katharina der Großen wurde die Krim besiegt, zum russisches Protektorat erklärt. Aus ganz Europa warb man Bauern zur Besiedlung an, auch viele Deutsche, die mit Privilegien ausgestattet wurden. Die Krimtataren stellten sich in den 30-gern auf die Seite der Deutschen und Stalins Rache folgte 1945: 160.000 bis 400.000 Menschen wurden in 45 Züge gestopft und nach Sibirien transportiert, »Saboteure, Drückeberger und Simulanten«. Anastas Mikojan aus dem Politbüro schlug vor, den Deportierten Saatgut mitzugeben. Stalin entließ ihn als Volkskommissar für Versorgung, „Mikojan verhält sich staatsfeindlich“. Stalins Rache gegen den Erzfeind war unerbittlich. Erst in den 80-gern durften einige Deportierte zurück in die Heimat kehren. Der Roman setzt sich mit der grausamen Zeit der Stalin-Ära auseinander. Millionen von Menschen starben, verloren ihre Heimat. Ein grausames Kapitel der Geschichte: Die Zerschlagung des Bauerntums und der Dörfer, des Privateigentum. Die Kolchsen besaßen Massenunterkünfte, Kolchosküchen, Privateigentum war nicht erlaubt, Grund und Boden gehörtem dem Staat. Die Autorin erinnert daran und zeigt gleichzeitig, was Menschen aushalten, wenn sie müssen, die Widerstandskraft der einen, das Zerbrechen der anderen. Erzählerisch breit angelegt, im Stil der russischen Epiker, ein dicker Band, der mir insgesamt gut gefallen hat. Historisch wichtig, daran zu erinnern, wie viele Menschenleben die Stalin-Ära kostete und wie viele Menschen ihre Heimat verloren. Der Schluss war mir zu bieder, zu verklärt, aber das ist Geschmacksache.

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  • Bewegend, fassungslos machend, aber zum Ende leider schwächelnd

    Suleika öffnet die Augen

    kornmuhme

    30. September 2017 um 16:01

    Inhalt: Suleika lebt in einem tatrischen Dorf irgendwo in der russischen Weite. Seit 15 Jahren mit einem mehr als doppelt so alten Mann verheiratet, lebt sie mit ihm und der Schwiegermutter ein einfaches, arbeitsames Leben. Dabei wird sie wie eine Arbeitssklavin behandelt, von die Schwiegermutter auf das Übelste schikaniert, sie muss arbeiten wie ein Pferd und ihrem Mann zu Willen sein. Doch sie erträgt alles mit stoischer Gelassenheit, kennt sie doch kein anderes Leben als dieses. Das Leben geht seinen Gang, bis eines Tages die Kommunisten das Dorf einnehmen, die arbeitende Bevölkerung enteignen und zwangsumsiedeln. Suleikas Mann wird erschossen, die alte Schwiegermutter zurückgelassen. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist Suleika auf sich allein gestellt und muss die Gefahren und Grausamkeiten der Zwandsumsiedlung auf sich nehmen ... Meinung: Atemlos und fassungslos habe ich die ersten Stunden des Hörbuchs verfolgt, konnte mich kaum von der Geschichte Suleikas losreißen, weil sie so einfach erzählt wird, aber gerade deshalb umso bewegender erscheint. Die Autorin widmet sich in ihrem Roman einem historischen Thema, das mir so in der Literatur noch nicht begegnet ist: der Entkulakisierung. Ich gebe zu, ich musste diesen Begriff erst einmal googeln. Doch was ich darüber fand, hat mich sprachlos gemacht - Millionen von Menschen wurden enteignet, zwangsumgesiedelt in absolut entlegene Gebiete, dem Verhungern und Verrecken preisgegeben! Mit der Geschichte Suleikas wird diesem Verbrechen in den 1930er Jahren nachgegangen. Die Autorin schafft es ganz wunderbar, uns die Figur Suleikas nahezubringen: Sie ist eine ruhige Frau, geduldig und schicksalsergeben. Dabei spielt der Glaube an Allah genauso eine Rolle wie die Verehrung von Haus- und Naturgeistern. Es ist ein hartes, arbeitsames Leben, in der es eine klare Rollenverteilung gibt. Suleika erträgt alles widerstandlos - dabei empfindet man aber nicht unbedingt Mitleid, denn das Leben für diese Menschen in jener Zeit und in jener Region war nun einmal von harter Arbeit bestimmt. Und Suleika ist keineswegs dumm, jedoch leider ohne jegliche Bildung. Sie kennt einfach kein anderes Leben, ihre Mutter hat es ebenso gelebt. Dies ändert sich erst, als die Dorfbevölkerung enteignet und umgesiedelt wird. Suleika muss sich nun allein durchkämpfen, dabei kommen ihr ihre Geduld und Fügsamkeit zu Hilfe. Sehr detailliert wird die Zugfahrt, die Menschen zusammengepfercht in Waggons über Monate, nach Sibirien beschrieben - ganz große Erzählkunst. Auch die erste Zeit am Bestimmungsort ist hervorragend dargestellt, oftmals konnte ich nur fassungslos die Hand vor den Mund schlagen! Geschickt lässt die Autorin den Leser auch an anderen Figuren teilhaben, indem sie die Erzählperspektive wechselt. Was am Anfang noch eine echte Bereicherung ist (bes. auch die Perspektive des Arztes Leibe), wird im letzten Drittel des Buches leider zur Falle: Die Autorin verliert den Fokus auf Suleika und widmet sich anderen Figuren und auch anderen Themen, das Frauenschiksal gerät aus dem Blickfeld. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass das neue Dorfleben gar nicht mal so schlecht ist - keine rede mehr von Entbehrung, Arbeitssklaverei, Enteignung, Machtmissbrauch. Das hat mich schon ein wenig enttäuscht. Fazit: Ein wunderbar erzähltes Frauenschicksal zu einer historisch verbürgten Zeit, das leider am Ende in Belanglosigkeiten abdriftet. Trotzdem eine ganz klare Leseempfehlung! 4 von 5 Sternen

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  • Ein Meisterwerk!

    Suleika öffnet die Augen

    monerl

    20. June 2017 um 15:10

    Suleika öffnete im Laufe der Geschichte ihre Augen aber auch mir hat die Autorin den Zugang und die Augen für eine historische Epoche geöffnet, von der ich bisher nur am Rande etwas wußte. Ich lernte was Kulaken sind, wie die Entkulakisierung stattgefunden hat, was Gulag-Systeme sind und wie die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in Russland umgesetzt wurde.  Wir befinden uns in Russland von 1930 während der Diktatur Stalins. Suleika, ihr Mann und ihre Schwiegermutter leben als freie und unabhängige Bauern und sind als Tataren einer ethnischen Minderheit zugehörig. Die Rote Armee zerstört im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft Suleikas bisheriges Leben und siedelt sie gemäß der Entkulakisierung in Sibirien im Gebiet der Taiga an, das sich durch lange und schneereiche Winter und einem kurzen Sommer auszeichnet.  Der Leser beschreitet mit Suleika diesen ganzen schrecklichen Weg in die Ungewissheit. Es gibt keine Beschönigungen! Gusel Jachina lässt diese furchtbare und unmenschliche Zeit bildgewaltig vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Auf dem Programm stehen Enteignungen, Exekutionen, Massendeportation in Zügen zu Gefängnissen und Gefangenenlagern, wo viele, die es geschafft haben lebendig dort anzukommen dann schlussendlich zusammengefercht, durch Krankheiten wie Typhus, ihr Leben lassen müssen. Endlich im Nirgendwo angekommen, muss sie feststellen, dass sie zu den ersten Umsiedlern gehört, die dort eine neue Siedlung erst aufbauen müssen, aus dem Nichts und mit nichts und der erste Schnee fällt bereits vom Himmel. Ich konnte nicht aufhören der Geschichte zu lauschen und Suleikas Weg zu folgen! Eine schwere Zeit, keine Menschlichkeit, eine karge und grausame Natur und mittendrin Suleika, die plötzlich nicht nur für sich Verantwortung übernehmen muss. Mehr als einmal muss sie das Leben und ihre gewohnten Prinzipien überdenken und neu zusammenwürfeln, sich den Geistern ihrer Vergangenheit und Erziehung stellen und gegen sie ankämpfen. Sie macht einen Schritt nach dem anderen und erfindet sich, den Umständen entsprechend, neu. Suleika, eine naive junge Frau, für die ich ganz viel Bewunderung übrig habe und die sich langsam aber sicher in mein Leserherz geschlichen hat.  Der Autorin ist ein Meisterwerk gelungen!  Echt und unverblühmt bringt Gusel Jachina einen schlimmen Teil der russischen Geschichte an den Leser und kann damit auch noch unterhalten. Nein, dies ist kein leichter Roman, es ist eine bewegende Geschichte aus vielen, der in ihr spielenden Figuren mit historischem Hintergrund. Es ist auch eine Liebesgeschichte, aber eine der ganz anderen und sehr kargen Art. Keinesfalls kitschig, denn der männliche Protagonist, Kommandant Ignatov, lässt dies zu keiner Zeit zu. Auch er öffnet die Augen, durchläuft einen schmerzhaften Prozess, bis hin zur Erkenntnis, dass man nicht jeden Kampf gewinnen kann! Und doch kann er ganz zum Schluss noch einen kleinen, heimlichen Sieg davontragen. Der Hörbuchsprecher Frank Arnold ist wirklich die Bestbesetzung für dieses grandiose Buch. Seine Stimme wird der Härte, Entbehrung und Unliebsamkeit der Geschichte gerecht. Es war ein Genuß ihm zuzuhören und sich von ihm nach Russland und in die sibirische Kälte und Weite tragen zu lassen! Fazit: Eine unschnörkelilge Geschichte über das Leben einer fremdbestimmten Frau, die zeit ihres Lebens dieses wird nicht ganz in ihre Hände übernehmen können. Dafür sorgte Stalin und der Kommunismus. Aber es ist auch ebenso eine Geschichte eines Kommunisten, der zwischen die Räder des Systems gerät und seine Autonomie verliert und nur noch im Rahmen seiner Funktion als Kommandant einer "Siedlung am Ende der Welt" eine begrenzte Freiheit ausleben kann.___________________________________________http://bit.ly/2rLOizL

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