Der heilige Antonius (besser bekannt als Antonius der Große) soll von ca. 251 bis 356 n.Chr. gelebt haben. Er war ein bekannter und sehr strenger Büßer und Eremit, der sich über lange Zeit (manche behaupten gar sein ganzes Leben) nicht aus seiner Wüste bewegt hat. Hier war er ganz auf die Abtötung seiner Bedürfnisse fixiert.
Was aber gab dem berühmten Literaten Flaubert, der mit seinem bekanntesten Werk Madame Bovary , einen großen, aber nichts desto trotz eher konventionell-realistischen Roman geschrieben hat, den Anlass, sich in eine religiöse Welt der Glaubensprüfung zu begeben? Hat es etwas mit dem Gedanken einer "Glaubensprüfung" an sich zu tun? Faszinierte Flaubert die Vorstellung eines solchen Aktes?
Diese Fragen müssen unbeantwortet bleiben, wenngleich Flaubert durchaus einige Affinitäten zum Mythischen und Heiligen wie auch Archaischen hatte, wie einige andere Texte, Salambo oder auch das schwirrend, schwüle November , nahelegen. Gewiss, auch in -Madame Bovary- erleben wir einige Diskussionen und Anmerkungen über Kirche und Philosophie, ihre Konflikte und Inhalte - doch ist dieser "Roman in Szenen", der wie ein Theaterstück aufgebaut ist, in so tiefstem Maße, theologisch, bunt und mythenschwer, dass man ihn nicht mehr als bloße Parabel auf einen Gedankengang abtun kann. Es ist eine breitangelegte Metaphysik der Versuchung.
Drei Mal schrieb Flaubert den Text um; über 25 Jahre arbeitet er immer wieder an dem Manuskript und konnte kurz vor seinem Tod noch die endgültige Version vorlegen; sein ganzes Leben hat ihn dieses Projekt begleitet.
Antonius steht in der Wüste vor seiner Hütte; es ist Nacht und er fühlt sich ausgeleert und zweifelt leis' an seinem entrückten Dasein; wehmütig spielt er mögliche andere Existenzen durch. Doch bald schon plagen ihn Heimsuchungen (oder Visionen?) in denen der Teufel im Reichtum anbietet und ihn mit Gewissheiten und Widersprüchen konfrontiert.
Der eigentliche Romantext ist in 7 Kapitel aufgeteilt. Kapitel Eins ist eine Art Einführung, worauf in den folgenden Kapiteln allerhand mythische Motive aufgegriffen werden und sich verschiedene Themen herauskristallisieren.
In Kapitel II ist es die Versuchung des Überflusses, in Kapitel 6 schwingt der Teufel Antonius in die Lüfte und zeigt ihm die Lächerlichkeit seines Gottglaubens auf; in Kapitel 4 und 5 dagegen, sieht sich Antonius mit den unterschiedlichsten Auslegungen seiner Religion konfrontiert, mit Kulten und auch mit vielen fremden Göttern - stets ist Antonius entsetzt:
"ANTONIUS: Ich denke an all die Seelen, die durch die falschen Götter verloren sind.
HILARION: Findest du nicht, dass sie ... manchmal... dem wahren gleichen?
ANTONIUS: Das ist eine List des Teufels, um die Gläubigen leichter zu verführen! Die Starken versucht er mit den Mitteln des Geistes, die Schwachen mit denen des Fleisches.
HILARION: Aber im Rasen der Wollust ist etwas von der Selbstaufopferung der Buße. Die wahnsinnige Liebe des Körpers treibt seine Zerstörung voran - und offenbart in ihrer Schwachheit die Größe des Unmöglichen."
(Textausschnitt)
Ist alles nur eine Versuchung des Teufels? Es scheint so. Dabei will Antonius doch nur, was viele, vielleicht alle Gläubigen wollen: Ein Zeichen, dass ihnen den Zweifel nimmt. Am Ende wird es gerade die große Versuchung sein, die Antonius in seinem Glaubens bestärkt - wo soll man auch glauben, wo man nicht zweifelt? ...
Der Reichtum, die Fülle, von Flauberts Werk ist Vorteil wie Nachteil zugleich. Selbst der erfahrenste Leser könnte sich in diesem Mythenspiel, das Bilder entwirft wie atemlose Monologe und Monologe wie atemlose Bilder - und in Teilen an die plastische Seligkeit der Märchentexte von Oscar Wilde, in anderen Momenten an barocke und antike Bombastik erinnert - verloren fühlen. Namen, Figuren, Personen tauchen zu Hauf auf und verschwinden schnell wieder, oft nur kurz erwähnt, und mir persönlich war nicht einmal die Hälfte von ihnen geläufig.
Die Schönheit der Darstellung und die kleinen wahren Zeilen im Sturm der Dramatik, erfüllen allerdings (und ist es im Theater anders? - 98% Show, 2% genau auf den stillen Punkt gebrachte Wahrheit) den Bedarf an Lesegenuss und Erkenntnis; man muss sich nur in einem Bilderrausch sanft an die Ufer jener wenigen Erkenntnisse tragen lassen ... Eine Erkundung dieser alten und doch so neuen Welt, lohnt sich daher allemal.
Übrigens: Das zwar eher fachliche, trotzdessen interessante Nachwort lieferte Michael Foucault!
Gustave Flaubert

Lebenslauf
Alle Bücher von Gustave Flaubert
Gustave Flaubert, Madame Bovary
Bibliomanie
Bouvard und Pécuchet
Frau Bovary
November
Die Erziehung des Herzens
Lehrjahre des Gefühls
Bücherwahn, Der Bibliomane, Die Hölle des Bibliomanen
Neue Rezensionen zu Gustave Flaubert
Rasend, rauschend und antik-tragisch in Nostalgie und Melancholie gekleidet, macht sich Flaubert in seinem frühen Werk "November" auf, die Untiefen der Jugend auszuloten; zusammen mit Das Leben ist anderswo gehört seine Darstellung dabei zu den eigenwillgsten Büchern, die ich über diese Zeit gelesen habe. Körperliches und geistiges Erwachen haben in diesen beiden Büchern etwas Schicksalhaftes, dünn Melodrames.
Eindeutig berichtet Flaubert dabei ein Stück weit von sich selbst; er malt in stürmischen Sprachmelodien ein Bild von einem empfindsamen Träumer, der in seiner Vor- und Frühpubertären Phase nichts mehr begehrt als die Vollendung seines Lebens in der Liebe. Mit großer Demut und Phantasie stellt er sich die Wonnen des Glücks und das Glück der Wonne vor, ohne natürlich zu wissen, woran er denkt. Er sieht nur die schönen Frauen und fühlt sich selbst als ein ungeheurer Wille, der doch ganz die Zartheit will:
"Ein unbestimmtes Verlangen nach etwas Leuchtendem war in mir..."
"Das Reifen des Herzens geht dem des Körpers vorauf; noch lag mir lieben näher als genießen [...]. Heute vermag ich mir die jene Liebe des ersten Jünglingsalters nicht einmal mehr vorzustellen, darin die Sinne keinerlei Bedeutung haben, der einzig das Unendliche den Inhalt gibt; sie steht zwischen Kindheit und Jugend, sie bildet den Übergang und schwindet so schnell dahin, dass man sie vergisst."
Noch ist die Welt einfach, der Lebenssommer ist ewig warm und überall sind die Räume weit, offen für Unbekanntes ... bald wird das Unbekannte sich tiefer in das Bewusstsein einschleichen und dabei nicht unbedingt immer zur Erkenntnis heranreifen, sondern auch in der Nähe etwas Rätselhaftes bleiben; ein Ding, dass du beim Herannahen nicht ganz erkennen kannst, bis es zu spät ist, weil du selbst ein Teil davon geworden bist ...
Flaubert hat auch in diesem eher autobiographischen Frühwerk eine gesellschaftliche Komponente eingebaut, in Gestalt einer Prostituierten, zu der sein Ich-Erzähler geht und die dann für kurze Zeit selbst aus ihrem Leben berichtet.
Ich muss zugeben, dass mich die Erzählung trotz ihres Zaubers enorm anstrengte; sie ist überreich, bunt und überbunt. Doch wer sich davon nicht stören lässt, wird eine sehr eindrückliche, wohl besonders elementar gehaltene Erfahrung mit diesem Buch machen.
Es gibt zu diesem Buch bereits unzählige Rezensionen, bei denen Emma Bovary sämtlichst nicht gut wegkommt, sogar eine Verhaltensstörung ist nach ihr benannt. Derart voreingestellt habe ich mich auf den Roman eingelassen, doch ich wurde überrascht, denn: ich mochte Emma sehr!
Doch im Einzelnen: dank der vielberühmten Sprache Flauberts ist es leicht, in die Geschichte einzutauchen. Man sieht die Landschaften, man erlebt die gesellschaftlichen Zwänge, und dies durch die Augen der jeweiligen Protagonisten. Besonders diese Perspektivwechsel, die ich beim Lesen kaum bemerkt habe, finde ich beeindruckend!
In drei Abschnitte unterteilt, die sich an dem Leben von Charles, dem Ehemann orientieren, wird die Geschichte von Emma Bovary erzählt, eine Figur, mit der Flaubert das Leben und Sterben einer realen Frau nacherzählt- "True-Crime" sozusagen.
Diese Geschichte (für genaue Inhaltsangaben bitte in andere Rezensionen schauen ;) ) lässt sich problemlos in die heutige Zeit übertragen: Emma wächst behütet auf und heiratet, voll romantischer Träumereien, besagten Charles, der Emma, oder besser gesagt, das Leben mit Emma, wirklich liebt - allerdings sind seine Ansprüche auch nicht sonderlich hoch, er ist glücklich, wenn seine hübsche Frau ruhig neben ihm sitzt, während er gemütlich vor dem Kamin wegschlummert. Besagte hübsche Frau gibt sich auch wirklich Mühe, glücklich zu sein und den gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen und gibt sich mit harmlosen Flirts und Träumereien zufrieden.
Naja, zumindest bis Leon, das Ziel der Schwärmerei - bevor etwas nennenswertes passiert - wegzieht.
Denn kaum hat Emma sich von ihrem Liebeskummer etwas erholt, wird sie selbst zum Objekt der Begierde, und der professionelle Schürzenjäger Rodolpho beginnt mit der Jagd auf sie. Und der Mann konnte jagen, mannomann.... Schnell begann also eine Liebesbeziehung, er gaukelt ihr vor, mit ihr abzuhauen, kneift aber und trennt sich im letzten Moment von ihr - durch ein weinendes Smiley! (frei in die heutige Zeit übersetzt...) Emma verkraftet das kaum.
Und wieder - kaum hat sich Emma erholt, trifft sie Leon wieder, der mittlerweile auch so seine Erfahrungen gemacht und daher weniger Hemmungen hat, die Ebene der Träumereinen in Richtung Fleischeslust zu verlassen - direkt in einer durch die Stadt rasenden Kutsche!
Da Emma parallel zu diesen (sehr eindrücklich geschilderten) Affären auch noch etwas zuviel Gefallen an "schönen Dingen" findet, fällt sie auf die Betrügereien ihres Nachbarn herein, bis die Schulden sie erdrücken und sie nur einen Ausweg sieht- Suizid durch Selbstvergiftung.
Als bekennende "Krimi-Mimi" sage ich: selten so eine gruselige Sterbeszene gelesen!
Und damit noch nicht genug, die Geschichte geht weiter, bis Charles, der mittlerweile von Allem erfahren hat, kurz darauf als runinierter und gebrochener Mann stirbt. Dadurch wird das gesamte Lieben und Leiden von Emma auf eine reine Episode in Charles´ Leben reduziert. Wer also ein Happy End oder ein Mutmach-Buch zur Erbauung sucht - der ist hier falsch.
In der Gesamtbetrachtung erscheint mir das gesamte Buch wie eine einzige Warnung, aber gleichzeitig eine Aufforderung an alle Frauen:
lasst Euch nicht einlullen durch schöne Worte, sondern fangt an zu denken!
Gespräche aus der Community
Klassiker-Leserunde
Beginn: 12.12.2021
Oh, schön! Die Heldensagen, die wir noch im Haus haben, sind nicht ganz so stylisch verpackt.😉
Leserunde zu
,,Madame Boavary,, von Gustav Flaubert
Beginn: 20.2.2021
Falls hier noch jemand folgt: Morgen, als Dienstag 30.03. kommt auf Servus TV 20.15 der Film "Gemma Bovary - Ein Sommer mit Flaubert", eine in die Gegenwart versetzte Neuinterpretation von Madame Bovary. Evtl. dann auch in der Mediathek, da kenne ich mich nicht so aus. Klingt auf jeden Fall gar nicht schlecht, so nach der Lektüre. =)
Hier findet ihr weitere Informationen zur gesamten Aktion:
http://www.lovelybooks.de/aktion/klassiker/
Chronologisch gesehen, ist nun die "Madame Bovary" von Gustave Flaubert an der Reihe. Im Jahre 1857 veröffentlicht, bewegt dieses Buch auch heute noch die Gemüter. Seinerzeit stand der Autor sogar wegen dieses Buches vor Gericht! Man warf ihm vor, die moralisch verwerflichen Irrungen seiner Hauptfigur "zu realistisch" und zu wenig wertend geschildert zu haben. Wir, der Fischer Verlag, das LB-Team und ich, sind gespannt, ob auch heutige Leser sich noch von Emmas Geschichte bewegen lassen.
Der Fischer-Verlag stellt wieder 10 Exemplare zur Verfügung - und zwar wahlweise als Printausgabe oder als E-Book. Wenn ihr euch für ein Exemplar bewerben wollt, beantwortet uns doch bitte folgende Frage: Welchen Liebesroman habt ihr zuletzt gelesen? Und was habt ihr aus der Lektüre mitgenommen? Schreibt bitte dazu, ob ihr lieber eine Printausgabe oder ein E-Book haben möchtet.
Die Bewerbungsfrist läuft diesmal ein wenig länger, und zwar bis einschließlich zum 15.10., da vorher Buchmesse ist. Eine Lektorin des Fischer-Verlages wird sich anschließend auch an der Leserunde beteiligen, und für Fragen zur Verfügung stehen.
Also los, schildert uns eure letzten amourösen Lese-Erlebnisse, und erzählt uns, warum gerade ihr "Madame Bovary" neu entdecken möchtet! Wir freuen uns auf zahlreiche Bewerbungen!
Zusätzliche Informationen
Gustave Flaubert wurde am 11. Dezember 1821 in Rouen (Frankreich) geboren.
Welche Genres erwarten dich?
Community-Statistik
1.241 Bibliotheken
113 Merkzettel
33 Leser*innen























