"Die Quellen von Flüssen sind für gewöhnlich schwer auszumachen. Und die großen Ereignisse und Veränderungen entstehen allzu häufig ähnlich unbemerkt, ihr Ursprung wird nur von jenen aufgedeckt, die sich die Mühe machen, in die Vergangenheit zu blicken. Dies ist ein weiteres Bild, das jeder kennt: Erst indem wir zurückblicken, sehen wir wirklich klar."
Mit "Am Fluss der Sterne" liefert uns Guy Gavriel Kay den zweiten Teil seiner großen Kitai-Saga, die inspiriert ist von Personen und Ereignissen der Nördlichen Song-Dynastie Chinas. Es ist ein Roman, in dem Historisches mit Fiktion zu einem großen Werk verschmilzt.
"Am Anfang standen die Träume eines Jungen, und dann ..."
Seit Kitai in großen Teilen an die Barbaren des Nordens gefallen ist, ist die einst wunderschöne Stadt Xi'an mehr und mehr verfallen, der Glanz des alten Kaiserhofs verblasst und Es herrscht Angst in den Straßen. Das Land ist gespalten und wird von einem Kaiser beherrscht, der sich mehr für die Poesie interessiert, als fürs Regieren. Und so findet er großen Gefallen an Lin Shan. Die wunderschöne, wenn auch teils gefährliche Gedichte schreibt und die so ganz anders ist, als Frauen des Reiches sein sollten. Lin Shan hat einen messerscharfen Verstand, den sie auch einzusetzen weiß. Der Junge Ren Daiyan hat wie viele Jungen den Traum das Reich Kitai wieder zu altem Glanz und Größe zu führen. Einer der Helden der Vergangenheit zu sein. Doch im Dienste des kaiserlichen Magistrats werden Dinge in Gang gesetzt, die ihn erst zum Geächteten machen, ehe er zu einem großen Heerführer und zu einer fast schon mysthischen Gestalt wird.
"Es war möglich, dass Menschen ins eigene Leben traten, eine Rolle darin spielten und dann wieder verschwanden. Wenn man allerdings Jahre später auf einem Pferd unter tropfenden Blättern saß und über das nachdachte, was sie einem erzählt hatten, waren sie dann wirklich verschwunden?"
Guy Gavriel Kay besticht mich auch in diesem Buch mit seiner außergewöhnlich tollen Sprache und seiner bildgewaltigen Erzählung, die uns ins Reich der Mitte katapultiert. Geprägt ist dieser Roman von politischem Kalkül und Intrigen, Ehre und Loyalität, Liebe und Verrat. Besonders überzeugend sind hier auch die Konversationen, die man schon fast kunstvoll nennen kann. Hier wird respektvoll intrigiert und beleidigt - das ist schon köstlich zu lesen. Die ganze Geschichte wird getragen von einem Gefühl von Erhabenheit und Größe. Ich kann dieses Gefühl gar nicht so richtig in Worte fassen. Das einzige Manko an diesem Buch ist, dass mir etwas die Nähe zu den Figuren fehlte - was bei dieser Geschichte allerdings nicht so sehr ins Gewicht fällt.
Fazit: Tolle Historical-Fiction, die sich durch politische Raffinesse mit einem Hauch Mythologie und Volksglauben auszeichnet. Für mich hätte es gerne etwas mehr Volksglaube und Mythologie sein dürfen, aber das war schon okay so. (Zwischen dem ersten und dem zweiten Buch liegen gut 1000 Jahre, daher kann man beide auch unabhängig voneinander lesen - wie ich finde.)

















