Es beginnt mit dieser "gemalten Musik", und schon sind Leserinnen und Leser verzaubert und tauchen in eine Geschichte ein, die das Gewöhnliche in einem anderem Licht erscheinen lässt. Zunächst ist es die Welt eines Kindes, welches die schlichte Schönheit des Löwenzahns liebt.
"Gelbe Alltagsedelsteine, mit denen das geflickte grüne Kleid ihres Hinterhofs verziert war."
Wir, die wir den gemeinen Löwenzahn fortan mit völlig anderen Augen sehen werden, lernen die 7jährige Maud Martha kennen, die in den 20er Jahren in Chicago aufwuchs, und deren Lebensgeschichte hier erzählt wird. Gwendolyn Brooks (1917-2000), die für ihren Lyrikband "Annie Allen" 1950 als erste Schwarze Autorin den Pulitzer-Preis erhielt, gestaltete ihren einzigen Roman in mehr oder weniger kurzen Kapiteln, die man als in sich geschlossene Momentaufnahmen definieren könnte.
Momente eines Lebens, die ihren eigenen Weg und die ihres Umfelds reflektieren und die sie als literarisches Konzentrat gestaltet und verewigt hat. Stationen eines bewusst erlebten Alltags, der durch die genaue Beobachtung an Intensität und Bedeutung gewinnt, dem aber der leider unvermeidliche Rassismus mehr und mehr und immer wieder einen Strich durch alle Lebensplanungen und -erwartungen macht.
Die einzelnen Episoden skizzieren beispielsweise einen Konzertbesuch, den Aufenthalt in einem Kosmetiksalon, Werbung von Verehrern, Leben und Personen der Mitbewohner oder einer verschonten Maus, mit der sie sprach und die sie, in der "Kitchenette-Wohnung" ihrer Eltern, aus einer Lebendfalle befreite:
"Geh heim zu deinen Kindern ... zu deiner Frau oder deinem Mann."
Die Beziehung zu ihrem Mann Paul flacht ab, wobei Gwendolyn Brooks (auch hier) nur wenige Worte benötigte, um das Lebensdrama aus der sich durch den grauen Alltag abnutzenden, der am Anfang so himmelhochjauchzenden, Gefühle schonungslos darzustellen:
"Sein Darling wurde immer dunkler!"
Gwendolyn Brooks konnte mit Worten Bilder malen, wobei sie hierfür keineswegs komplizierte Formulierungsorgien benötigte, sondern vielmehr in einer vermeintlich vereinfachten Wortwahl die damaligen Lebensumstände, die auch ihre eigenen waren, in einer ungeschönten, nicht selten erschütternden Klarheit zu schildern.
Erstaunlich, dass sie das ohne Anklagen tat, als wäre sie eine Art neutrale Beobachterin gewesen und die Situation Schwarzer Menschen im Alltag, wie eine seltsame Art von Selbstverständlichkeit, einfach dazugehörte.
Ihre gemäßigte Art sollte sich allerdings ändern, was uns Daniel Schreiber in seinem Nachwort zu berichten weiß. Eine editorische Notiz klärt am Ende kurz über die Verwendung nicht mehr gebräuchlicher Begriffe auf und vervollständigt damit das Werk.
"Maud Martha" erzählt ein kleines Leben in großen Bildern. Der Rezensent vergibt in diesem Zusammenhang gerne das (seltene) Prädikat: Pflichtlektüre.
Gwendolyn Brooks
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Maud Martha
Neue Rezensionen zu Gwendolyn Brooks
Dies ist der einzige Roman von Gwendolyn Brooks. Sie veröffentlichte ihn 1953, nachdem die 1917 geborene Dichterin drei Jahre zuvor als erste Schwarze Autorin den Pulitzer Preis für eines ihrer lyrischen Werke erhielt. Erst 70 Jahre später wurde er von Andrea Ott ins Deutsche übersetzt und erschien letztes Jahr mit einem lesenswerten Nachwort von Daniel Schreiber. Gwendolyn Brooks starb im Jahr 2000.
In Ausschnitten begleiten wir Maud Martha Brown durch ihr Leben. Die leichte, melodische Sprache lässt einen schnell Zugang zum Text und zur Protagonistin finden, ihren Träumen, Wünschen und Zukunftsplänen, deren Erfüllung für eine Schwarze Frau in den 1940er und 1950er Jahren in Chicago nicht zwangsläufig in greifbarer Nähe lagen.
Vieles aus ihrem eigenen Leben hat die Autorin in diesen, ihren einzigen, autofiktionalen Roman, einfließen lassen, am allermeisten vielleicht die Heldin, Maud Martha, die sich selbst als gewöhnlich sieht, sich jedoch nicht abfinden wird mit in den Weg gelegten Steinen, mit Alltagsrassismus und einem Ehemann, der nicht der Traumprinz ist, den sie sich als Heranwachsende erträumt hat. Das Glück ist für sie immer im Focus, ihre Selbstbestimmung und Würde verliert sie nie.
"Maud Martha" ist mit seinen wenigen Seiten und der leichten, humorvollen Sprache wie eine kurze, herzliche und interessante Bekanntschaft, die einem so schnell nicht aus dem Kopf geht.
Ein autofiktionales Portrait
Maud Martha wächst in den 1940ern in Chicago auf und träumt von einem angenehmen Leben in New York. Sie überlegt, wie sie ihre erste eigene Wohnung einrichtet. Sie verliebt sich und denkt an ein gemeinsames Leben mit ihrem zukünftigen Mann. Sie richtet ihre erste eigene Wohnung ein. Aber nicht so wie in ihren Träumen. Die Wohnung ist klein und möbliert. In der Küche klebt eine grüne Tapete, auf der ein Schwarm kleiner roter Fische abgebildet ist. Maud Martha möchte sich ihr neues Zuhause gemütlich herrichten und eine eigene Note hineinbringen. Der Vermieter erlaubt es nicht.
Maud Martha besucht mit ihrem Mann Konzerte und Parties. Sie macht sich viele Gedanken über ihre Nachbarschaft und kennt jede*n Bewohner*in des Hauses mit Namen. Maud Martha denkt aber auch oft über ihre Schwester nach. Denn diese empfindet Maud Martha viel schöner als sich selbst. Die Haut ihrer Schwester Helen ist heller als ihre. Maud Martha ist Schwarz.
Der autofiktionale Roman hat mich direkt von der ersten Seite an berührt. Die Leserschaft hat gar keine andere Wahl und muss sich einfach in Maud Martha verlieben. Wie könnten sie auch nicht. "Sie mochte Schokolinsen und Bücher und gemalte Musik (tiefblau oder zartsilbern) und den sich wandelnden Abendhimmel, von den Stufen der hinteren Veranda aus betrachtet. Und Löwenzahn. [...] Gelbe Alltagsedelsteine, mit denen das geflickte grüne Kleid ihres Hinterhofes verziert war. Sie mochte diese nüchterne Schönheit, mehr noch aber ihre Alltäglichkeit, denn darin glaubte sie ein Abbild ihrer selbst zu erkennen, und es war tröstlich, dass etwas was gewöhnlich war, gleichzeitig eine Blume sein konnte." ("Maud Martha" – Gwendoly Brooks, S. 1, Manesse Verlag)
Gwendolyn Brooks zeigt in ihrem Roman, dass sie über eine ganz besondere Feinfühligkeit und Beobachtungsgabe verfügt. So gleichen die Passagen über die Chicagoer Nachbarschaft einer feinsinnigen Sozialraumanalyse. Diese Art von Empathie ist jedoch nicht nur den Menschen vorbehalten. In dem Kapitel "Maud Martha verschont die Maus", schildert Brooks in einem treffend zusammenfassenden Text darüber, welche Gedankengänge die Protagonistin dazu bringen, eine Maus zu verschonen, welche sie zuvor noch erschlagen wollte.
"Maud Martha" von Gwendolyn Brooks erschien in den USA bereits im Jahre 1953 und kann nun erstmals in deutsche Sprache gelesen werden. Übersetzt wurde das Buch von Andrea Ott.
"Maud Martha" ist Gwendolyn Brooks einziger Roman. Die Autorin und Dichterin starb im Jahr 2000.
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