Ungarn in den zwanziger Jahren: Drei Gefährten haben sich gefunden, den letzten Karnevalstag gemeinsam in einem Wirtshaus der Stadt Budapest zu verbringen, der Stadt Wien. Morgens treffen sie dort ein, pünktlich zum "Gabelfrühstück". Es geschieht nichts anderes, als dass Speisen ihren Duft verströmen und Gäste kommen und gehen; hohe Herrschaften und deren Gefolgschaft, ein verrückter Barbier, der allen bekannte, geschwätzige Trafikbesitzer und sogar ein echter Cavaliere. Doch alle haben sie etwas gemeinsam: die Sehnsucht nach der alten Zeit, die ihre Gespräche durchdringt und der Gegenwart keinen Platz lässt.
Meinerzeit hat mich äußerst überrascht, auch wenn ich wage mit einer solchen Geschichte gerechnet hatte. Aber wie grazil, feinfühlig und voller Hintergedanken dieses Buch ist, hat sich mir erst im Laufe der Lektüre offenbart, dann nachdem ich das Nachwort gelesen, und schließlich noch etwas Zeit vergehen hab lassen, um das Buch geistig zu verdauen. Dem Autor gelingt es wahrhaft meisterlich, das Geschehen in der Wirtshausstube Realität werden zu lassen, und man meint, die Melancholie und den Zeitgeist mit Händen greifen zu können. Dabei haben die Dialoge ihren ganz eigenen Stil; sie werden ohne Vorwarnung in den Raum geworfen und enden eben mal ganz abrupt, sind bedeutungsschwanger, aber auch nicht ohne Humor. Wie im Nachwort der Übersetzerin ausdrücklich erwähnt, war es nicht immer möglich, die sprachlichen Kunstgriffe aus dem Original exakt ins Deutsche zu übertragen, und es soll zahlreiche Anspielungen auf historische Ereignisse und Figuren geben, denen man in der heutigen Zeit (ca. 80 Jahre später) und vor allem als Nicht-Ungar leider kaum auf die Schliche kommt. Was dem Buch vielleicht noch mehr eine geheimnisvolle Aura und spürbare Ferne verleiht, die dadurch aufkommt, dass die geschilderte Situation für einen selbst so unrealisierbar ist (Ort des Geschehens liegt, befindet man sich nicht zufälligerweise dort, weit weg von Deutschland + Handlung weit in der Vergangenheit) und die Charaktere selbst andauernd von einer Zeit sprechen, die wiederum auch für sie in der Ferne liegt. Dieses Gefühl (das evtl. individuell ist, man kann durchaus auch anderer Ansicht beim Lesen sein) steht im Kontrast zu der Nähe, die man für die Figuren und deren Handeln empfindet.
Auch "kompositorisch" war das Buch ein echter Genuss: Zu Beginn spielt sich noch eine Szene am Abend vor diesem letzten Karnevalstag ab, in der die eingangs erwähnten "drei Gefährten" gemeinsam in ihrem Hotel dinieren und Erlebtes austauschen, was man als komprimiertes Spiegelbild der Haupthandlung interpretieren kann. Dann folgt der Tag im Wirtshaus, der eigentlich periodisch abläuft, da stets nur neue Gäste im Laufe der Geschichte ihren Weg in die Gute Stube finden und sich einzelne andere Elemente wiederholen; doch gleichzeitig geschieht nie das gleiche, und alles kulminiert schlussendlich in einem anvisierten Augenblick; der Tag scheint ausgereizt, die Stube leert sich, und das Buch endet, wie es begonnen hat (nicht ganz, aber spoilern möchte ich dann doch nicht).
Insgesamt kann ich nicht anders, als von dieser Geschichte zu schwärmen. Es gibt noch weitere Punkte, die das oben aufgezählte noch ergänzen könnten, doch ich hoffe, diese Begründungen für meine Ansicht genügen. Vielleicht sollte ich dazusagen, dass das Buch jetzt nicht gerade temporeich erzählt ist oder voller Spannung steckt. Jedoch fehlt weder das eine noch das andere; die Geschichte ist ausbalanciert und verspricht einem Leser, der sich auf sie einlässt frohe Lesestunden.


