Håkan Bravinger Ein unversöhnliches Herz

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Inhaltsangabe zu „Ein unversöhnliches Herz“ von Håkan Bravinger

Sexuelle Neurosen, explosive Gefühle – eine wahre Geschichte aus den Anfängen der Psychoanalyse Stockholm 1913. Eine innige Hassliebe verbindet die beiden Brüder Poul und Andreas Bjerre. Der eine ein erfolgreicher Psychoanalytiker, dem Kreis um Freud zugehörig, glühender Anhänger von Nietzsche und Verfechter der Heilbarkeit von Neurosen. Der andere, auf seinem Gebiet ebenfalls ein Mann des Fortschritts, Professor für Kriminalpsychologie, Kierkegaard zugewandt, Erforscher menschlicher Abgründe. Obwohl beide die Seele und ihre Verletzungen zum Gegenstand ihrer Forschungen gemacht haben, gelingt es ihnen nicht, ein entspanntes Verhältnis zueinander zu finden. Mehr noch. Je erfolgreicher Poul wird, desto problematischer wird Andreas‘ Lebenssituation. Er kämpft mit Schreibblockaden, sexuelle Zwangsgedanken quälen ihn, immer mehr zweifelt er an sich selbst. Langsam, aber sicher scheint Andreas seinem Untergang entgegenzugehen. Aber es gibt eine Frau, die alles tut, um ihn zu retten. Sie beschließt, Botschaften der Versöhnung zwischen den Brüdern zu überbringen, als Vermittlerin zu fungieren. Zu spät erkennt sie, dass dies auch ihren eigenen Untergang bedeuten könnte.

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  • Rezension zu "Ein unversöhnliches Herz" von Håkan Bravinger

    Ein unversöhnliches Herz
    HeikeG

    HeikeG

    12. December 2010 um 12:43

    Schuld oder Das eisige Schweigen . Bruderhass ist eines der ältesten Motive in der Literatur. Die biblische Erzählung von Kain und Abel offenbart dabei wohl den bekanntesten Konflikt. Romulus und Remus, die Zwillinge der römischen Mythologie, stehen dem kaum nach. Nun hat sich der Schwede Håkan Bravinger diesem Sujet angenommen. Aber keine okkulten Personen sind Gegenstand seines Romandebüts, sondern ganz reale Männer: Poul (1876-1964) und Andreas (1879-1925) Bjerre. Der Ältere Arzt, berühmter Psychoanalytiker, Schriftsteller, Freudianer und Anhänger Nietzsches, der Jüngere, ein brillanter Kriminologe, erster Professor für Strafrecht an der estnischen nationalen Universität Tartu, Kierkegaard zugewandt und Erforscher menschlicher Abgründe. . Nun dürfte man annehmen, dass gerade diese Beiden aufgrund ihrer Profession derartigen Neurosen nicht erliegen dürften. Doch weit gefehlt. Andreas wurde jahrelang von sexuellen Obsessionen gequält und litt an Minderwertigkeitsgefühlen, seinen Sohn Sören Christer, aus erster Ehe mit Amelie Posse, stufte man als Psychopath ein und schob ihn nach mehren Verwahrungen in Nervenheilanstalten nach Australien ab. Poul selbst galt als exzentrische und eitle Persönlichkeit. 1925 beging Andreas Bjerre, stark depressiv und schon lange körperlich angeschlagen, Selbstmord. Sein Bruder Poul weigerte sich diesen Umstand zu akzeptieren und beschuldigte seine Schwägerin Madeleine, Andreas 2. Frau und beste Freundin von Amelie, des Mordes. . Eine Art Hassliebe begleitet beide Brüder Zeit ihres Lebens. Andreas behauptete gar, Poul habe dem Hass Zugang zu seinem Körper verschafft. In seinem Tagebuch notierte er am 12. März 1915: „Poul war, nach meiner Mutter, der erste Mensch, durch den mir in meinem Leben das Böse persönlich nahe kam.“ Ein hartes Urteil über zwei Menschen, die sich eigentlich nahe stehen sollten. „Andreas und Poul waren wie ein zweigeteilter Mensch, bei dem die Eigenschaften der einen Hälfte spiegelverkehrt in der anderen Hälfte existierten. Die Wahrnehmung, die aus dieser Spiegelung entstand, erinnerte in manchem an Hass, war jedoch etwas ganz anderes, vielleicht Selbstverachtung. Eine Form von Herablassung, wie sie entstand, wenn man sein Spiegelbild in einer sich dunkel kräuselnden und verzerrenden Wasseroberfläche betrachtete.“, schreibt der schwedische Autor. . Håkan Bravinger folgt der autobiografischen Spur der beiden Männer zwischen den Jahren 1913 und 1925. Mittels intensiver Quellenrecherchen, der Lektüre von Tagebüchern und Briefen der beiden Männer entstand ein dokumentarisches Zeitzeugnis derer beider Leben. Bravinger verpackt alles in ein Romankonstrukt. Manche Ereignisse verschiebt er zeitlich, „um Platz in der Geschichte zu bekommen“, andere Charaktere und Szenen erfindet er frei. Zum einen lässt er einen auktorialen Erzähler das Umfeld von Andreas Bjerre beleuchten, zum anderen das von Poul, in Form eines von Andreas posthum in der Ich-Form geschriebenen Briefes. Beide Szenarien wechselt er stetig miteinander ab. So erhält der Leser einen breit gefächerten Einblick in die Zeit des Umbruchs, des Aufbruchs zu Neuem und Frischen, wie es das beginnende 20. Jahrhundert als solches zeichnet. . Geschrieben ist der opulente Roman in einer einfachen, gut lesbaren Sprache. Allerdings stolpert man mitunter an einigen Stellen über Ausdrucksweise und Stil. Ob dies der Übertragung aus dem Schwedischen zu Schulden ist, vermag nicht beurteilt zu werden. Auch spult sich der berühmte rote Faden nicht konsequent ab. Bravinger eröffnet zuweilen einen Nebenschauplatz, ohne ihn konsequent zu durchleuchten und abzuschließen. So bleibt zum Beispiel das Schicksal Sören Christers völlig im Dunkeln. Auf der anderen Seite wiederum gelingt es dem Autor ein bravouröses Porträt einer Lou Andreas-Salomé zu zeichnen, der Poul für einige Zeit verfallen war. Auch das zwiegespaltene Lager um Freud und Jung arbeitet er vorzüglich heraus. . Fazit: Schuld, Angst, festgelegte Normen und Konventionen, Tod, Erneuerung und Liebe sind die Themen in Håkan Bravingers Romandebüt. „Was machen wir mit unseren Erinnerungen? Wie verhalten wir uns, wenn unsere Erinnerungsbilder nicht mit denen anderer übereinstimmen?“ Diese und eine Menge anderer Fragen wirft der Autor auf. Entstanden ist das opulente Bild der Hassliebe der Brüder Poul und Andreas Bjerre und dessen Deutungsversuch. Ein Buch mit einigen stilistischen Mängeln und einer nicht immer konsequenten Verfolgung des Handlungskonstrukts, aber trotzdem mit positivem Gesamteindruck. Eine gelungene Balance zwischen Wirklichkeit und künstlerischer Abbildung, denn „machmal muss sie verzerrt werden, um ihrem Kern näher zu kommen, und manchmal muss sie ganz korrekt abgebildet werden. (...) Wenn man einen Menschen beschreibt deutet man ihn. Jede Biografie ist per se ein Roman. Und warum auch nicht? Das ganze Leben ist doch eine Frage der Deutung.“

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