H. G. Wells Wenn der Schläfer erwacht

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Inhaltsangabe zu „Wenn der Schläfer erwacht“ von H. G. Wells

Graham passiert, wovon viele träumen: einmal Herr der Welt zu sein. Allerdings ist die Art und Weise etwas merkwürdig und gefährlich, denn der junge Engländer fällt eines Tages in einen totenähnlichen Schlaf und wacht exakt 203 Jahre später wieder auf - im London des 21. Jahrhunderts. Doch ihm bleibt kaum Zeit, den Schock des Aufwachens in dieser neuen Welt des Fortschritts und der technischen Wunder zu überwinden und seine neue Stellung zu genießen

Dieser Roman von 1899 ist ein prophetisches Buch, eine der großartigsten Visionen, die je geschrieben wurden. H.G. Wells zeichnet darin den Idealisten, der an den Realitäten der Macht scheitern muß, eingekleidet in eine grandiose Abenteuergeschichte.

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    Wenn der Schläfer erwacht

    Stefan83

    06. May 2013 um 09:59

    Müsste ich meine persönlichen Literatur-Entdeckungen der letzten Jahre aufzählen – H. G. Wells wäre nicht nur zweifelsfrei dabei, sondern würde auch ganz weit oben auf der Liste zu finden sein. Für den ein oder anderen vielleicht insofern wenig erstaunlich, da der Utopist Wells allein aufgrund der Bücher „Die Zeitmaschine“ und „Krieg der Welten“ zu den bedeutendsten und bekanntesten Autoren des inzwischen so enorm gewachsenen Genres der Science-Fiction gehört. Es sind aber gerade die weniger prestigeträchtigen Titel, die kleinen, auf den ersten Blick so unscheinbaren Romane aus seiner Feder, welche ihn über die Masse herausheben und meine Faszination an ihm befeuern. Ob in „Die Insel des Dr. Moreau“ oder jetzt in „Wenn der Schläfer erwacht“ - Wells ist es immer wieder aufs Neue gelungen, stimmige Zukunftsvisionen aufs Papier zu bringen, die, nicht selten zum ungläubigen Erstaunen heutiger Leser, mittlerweile von der Realität eingeholt worden sind. Gerade diese Weitsicht, gepaart mit der zielgerichteten und vor allem zeitlosen Schreibe des englischen Autors, hat sein Werk für die Moderne konserviert. Wells zu lesen bedeutet bis heute: Abenteuer, Unterhaltung, Humor und eine tiefere Moral – und all das verpackt in ein zumeist schmales Büchlein, welches die Sci-Fi-Wälzer der Gegenwart zu mehr als fragwürdigen Nachfolgern macht. In „Wenn der Schläfer erwacht“ sind es gerade mal 230 Seiten. Und auf diesen geht es um Folgendes: Graham, ein Engländer des ausgehenden 19. Jahrhunderts, fällt nach einer Phase der Schlaflosigkeit in eine totenähnliche Starre, aus welcher er erst 206 Jahre später erwacht. Aus dem einfachen Bürger ist nun, bedingt durch geschickte Investitionen seiner geschäftlichen Vertreter, der reichste und mächtigste Mann der Welt geworden, dessen einzigartige Lebensgeschichte in der Vergangenheit nicht nur religiös verarbeitet, sondern auch als Legitimierung für die herrschende Regierungsform benutzt wurde. Geblendet von den technischen Errungenschaften dieser ihm so unbekannten Zukunft dauert es etwas, bis er die Nachteile des bis ins kleinste Detail durchorganisierten Kapitalismus erkennt. Mehr und mehr distanziert er sich von den Herrschenden, welche sich mittels seiner Manipulation einen eigenen Machtgewinn erhoffen. Als er bei seiner Flucht in die unteren Ebenen der Stadt das Elend der unterdrückten und benachteiligten Arbeitermassen an eigenem Leibe erfährt, wechselt er die Seiten. An der Spitze einer revolutionären Bewegung zieht er in den Kampf für soziale Gerechtigkeit. Doch sein Widerstand trifft auf die Übermacht der Regierung. Bald muss er erkennen, dass die Menschen aller Schichten an Menschlichkeit eingebüßt haben … und dass diese Welt in allen Belangen nicht mehr die seine ist. Wells, der sich selbst als Sozialist betrachtete und der Russischen Revolution sowie dem marxistischen Programm Lenins lange Jahre positiv gegenüberstand (erst nach Stalins Machtübernahme ging er auf Distanz), lebt in „Wenn der Schläfer erwacht“ seine politische Gesinnung einmal mehr deutlich aus, zeigt sich gleichzeitig aber als moralischer Humanist, dem an den Menschen gelegen ist, welche in der von ihm gezeigten Zukunft zu Werkzeugen für die technologisierte und modernisierte Welt degradiert worden sind. Die gesellschaftliche Spaltung in Arm und Reich, die zeitgenössischen Ausbeutungsverhältnisse – mit all dem hat sich der Schriftsteller in den späten 90er Jahren des 19. Jahrhunderts intensiv auseinandergesetzt, weshalb „Wenn der Schläfer erwacht“ für ihn die logische Konsequenz einer von sozialen Unterschieden geprägten Welt darstellt, in welcher der Mensch aufgrund einer fehlenden Ethik im Umgang mit wirtschaftlichen und technischen Fortschritten das Menschliche weitestgehend verloren hat. Und auch hinsichtlich der Infrastruktur sieht Wells die Nachteile der rasant voranschreitenden Industrialisierung. So muss Graham bei seinem Erwachen feststellen, dass es die ländlichen Gebiete von einst nicht mehr gibt. Dörfer und Vorstädte haben in einer Gesellschaft, in welcher der Nutzwert ausschlaggebend ist, keinerlei Daseinsberechtigung. Die großen Moloche der Stadt enden an ihren Grenzen abrupt. Hinter ihnen wartet nichts als ödes Land. Innerhalb der Stadt vegetieren die Arbeiter unter Tage dahin, wo sie gefährliche und eintönige Arbeiten verrichten müssen, deren letztlicher Profit niemals bei ihnen ankommt. Wells Beschreibungen dieses dystopischen Londons gehören zu den stärksten Passagen des Romans, auch weil wir durch Grahams Augen eine Welt erblicken, die unserer heutigen in vielen Dingen verblüffend und auch erschreckend ähnlich ist. Da entledigen sich die Eltern der auf Vergnügen und Unterhaltung bedachten Mittelschicht ihrer Kinder, um sich allabendlich in Tanzhallen verausgaben und von der Monotonie ihres Lebens ablenken zu können. Allgegenwärtige „Schwätzmaschinen“ beschallen die Menschen ununterbrochen mit Parolen, manipulieren und indoktrinieren sie nach den Wünschen des jeweiligen Bedieners. In diesem Fall Ostrog, der Grahams Person nutzen will, um den herrschenden Rat zu stürzen und im Hintergrund selbst die Macht übernehmen zu können. Wie exakt Wells hier die Mechanismen einer aufkeimenden Diktatur und ihren Zusammenhang mit der modernen Technik beschreibt, sorgt für Gänsehaut beim Leser, welcher sich unwillkürlich an den Aufstieg der Nazis und ihre schreckliche Propagandamaschinerie im 20. Jahrhundert erinnert fühlt. Und auch sonst beweist der Autor ein beeindruckendes visionäres Gespür: Von Windparks ist da die Rede, von Lichtwaffen, automatischen Türen, Laufbändern und hubschrauberähnlichen Fluggeräten. Trotz all dieser futuristischen Elemente – im Vergleich zu den anderen Roman von Wells haftet „Wenn der Schläfer erwacht“ ein weit düsterer, nihilistischer Ton an. Die Welt in der Graham erwacht, ist kalt, trostlos und steril. Und die Bemühungen des Schläfers, die bestehenden Dinge zu ändern sind bereits zu Beginn allzu deutlich zum Scheitern verurteilt. Eine Konzeption, welcher der Autor bis zum Ende treu bleibt, das für Hoffnungen keinerlei Raum lässt und den üblichen Heldenklischees gänzlich zuwiderläuft. Auch wenn das nicht selten von Rezensenten angeprangert wird – gerade dieser Abschluss ist es, der meiner Meinung nach das provozierende Potenzial (und ein Provokation gegen die bestehenden Missstände des viktorianischen Englands sollte es zweifellos sein) bis ins Heute herübergerettet und ihr diesen besonderen Reiz verliehen hat. „Wenn der Schläfer erwacht“ ist ein dystopischer Klassiker des „Vaters“ der modernen Science-Fiction, dessen ätzend scharfe, aber stets pointiert und kompakt vorgetragene Sozialkritik spätere Schriftsteller wie Huxley, Orwell oder Dick nicht unwesentlich beeinflusst hat. Unbedingt lesenswert – wie überhaupt eigentlich alle in der dtv-Reihe erschienen Titel, von denen ein Großteil inzwischen leider vergriffen ist.

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