Hagen Seidel

 4.3 Sterne bei 3 Bewertungen

Alle Bücher von Hagen Seidel

Arcandors Absturz

Arcandors Absturz

 (2)
Erschienen am 10.09.2010
Schrei vor Glück

Schrei vor Glück

 (2)
Erschienen am 01.10.2013

Neue Rezensionen zu Hagen Seidel

Neu
R_Mantheys avatar

Rezension zu "Arcandors Absturz" von Hagen Seidel

Wie versenkt man Milliarden und vernichtet Existenzen? Ein Lehrstück für überbezahlte Manager
R_Mantheyvor 3 Jahren

Wenn man geradezu klassische Beispiele für ein mit Geld überhäuftes, aber durchweg unfähiges Management in der deutschen Wirtschaft sucht, dann bieten die letzten vierzig Jahre der Firmengeschichte von Arcandor und seiner Vorgänger dafür viele Kandidaten. Hagen Seidel hat in seinem sehr gut geschriebenen Buch den langen Weg dieses Unternehmens in die Pleite nachgezeichnet. Dabei sieht man sich mit der erschreckenden Tatsache konfrontiert, dass niemand in der Unternehmensführung über diese lange Zeit wirklich begriff, dass das Kerngeschäft nicht mehr funktionierte und an veränderte Bedingungen angepasst werden musste.

Die Struktur der Geschäfte in den Zentren deutscher Großstädte sieht heute völlig anders aus als noch vor vierzig Jahren. Fast überall findet man eine oder mehrere "Galerien" mit großen Spezialmärkten und vielen kleinen Geschäften, Cafes und Restaurants, die die Idee des Kaufhauses weiterentwickelt haben. Dagegen wirken Karstadt-Häuser eng und bieder. Ihr Angebot steht zu allem Überfluss dem ersten Eindruck meist nicht nach. Mit der aufkommenden Konkurrenz sah sich Karstadt erstmals in den siebziger Jahren konfrontiert. Auch der Aufbau großer Kaufparks auf der grünen Wiese zog bereits damals Kaufkraft aus den Warenhäusern im Zentrum ab. Darauf fand Karstadt nie eine wirkliche Antwort.

Der Autor hat sein Buch sehr übersichtlich aufgebaut. Zunächst befasst er sich kurz mit Geschichte von Karstadt. Hier fällt insbesondere der langjährige Chef Deuss auf, der bereits die beginnende Dauerkrise des Kerngeschäfts ignorierte und sie schon damals mit Immobiliengeschäften kaschierte. So kam er zwar niemals in die roten Zahlen, legte dafür aber den Grundstein für die spätere Pleite und gab den weiteren Irrweg vor, dem alle späteren Bosse treu blieben. Statt Antworten auf veränderte Bedingungen im Kerngeschäft zu finden, wurden bereits unter Deuss ohne eine wirkliche Gesamtstrategie fast pausenlos andere Unternehmen aufgekauft, darunter der schon damals marode Neckermann-Versand.

Als dann gegen Ende der neunziger Jahre einige Großaktionäre von Karstadt "Papa" Deuss und seiner unseligen Unternehmenspolitik die Stirn boten, kam es in einer Wochenend-Aktion zum Zusammenschluss von Karstadt und Quelle. Deuss war mit diesem Schritt die Hertie-Stiftung sowie die Deutsche und die Commerzbank los und hatte sie durch die eher harmlosen Schickedanz-Erben und ihren farblosen Quelle-Versand ersetzt. Den Schickedanz-Erben schien der Deal geradezu genial zu sein, denn die Karstadt-Immobilien waren in ihren Augen mehr wert als das ganze Unternehmen. Wie kurz das gedacht war, sollte sich später zeigen.

Danach beschreibt der Autor chronologisch die jährlichen Abläufe beginnend mit 2003. Nur gelegentlich unterbricht er seinen Bericht durch Ausführungen zu den handelnden Personen oder für eine Analyse von Geschäftsfeldern des neuen Konzerns. Wie so oft bei Unternehmensfusionen treten die erträumten "Synergie-Effekte" nicht ein. Das ganze Gegenteil findet statt: Die unterschiedlichen Kulturen und Strukturen lassen sich nicht vereinen und bekämpfen sich sogar.

Da das Kernproblem von Karstadt auch weiter beharrlich ignoriert wird und nun auch noch die Quelle-Umsätze wegbrechen, wird die Lage des Konzerns immer bedrohlicher. Und wie so oft in solchen Situationen bleibt das anderen nicht verborgen, womit in der Regel die Endphase des Untergangs eingeleitet wird, die auch durch kreative Bilanzakrobatik nicht mehr aufgehalten werden kann. Den Vogel dabei schießt zweifellos der vorletzte Chef Thomas Middelhoff ab. Er verkauft darüber hinaus den größten Teil der Karstadt-Immobilien und mietet sie dann zu merkwürdigen Bedingungen zurück. Zunächst stellt er diese Aktion als große Entschuldung und Zeitgewinn für Arcandor dar. Doch die umsatzabhängigen Mietbedingungen führen den Konzern letztlich in den Untergang.

Eine besonders merkwürdige Rolle in diesem ganzen Prozess spielten die ehemalige Privatbank Sal. Oppenheim und die Großaktionärin Schickedanz. Frau Schickedanz kaufte ohne Unterlass Aktien von Arcandor gegen Kredit bei Sal. Oppenheim, während die Bank diese Kredite mit den Aktien der Kreditnehmerin absicherte. Dieses aberwitzige Geschäft geriet mit fallenden Arcandor-Kursen heftig ins Trudeln. Zu allem Überfluss fiel dann den Chefs von Sal. Oppenheim nichts Besseres ein, als dem schon in Agonie liegendem Konzern auch noch einen riesigen Kredit zu geben. Nun gehört Sal. Oppenheim der Deutschen Bank, und Frau Schickedanz hat über drei Milliarden Euro verloren. Dummheit wird gelegentlich dann doch bestraft.

Insbesondere Middelhoff und Schickedanz sind längere Ausführungen am Ende des Buches gewidmet. Leider ist die ganze Arcandor-Geschichte ein einziges Trauerspiel hochbezahlter, aber unfähiger Akteure, die in diesem Buch detailliert beschrieben wird. Niemand dieser Herren, wohl auch nicht die Großaktionärin Schickedanz, hat sich jemals in eines der Karstadt-Häuser begeben und mit den Mitarbeitern über die Unternehmensabläufe gesprochen. Stattdessen haben sie alle das auf der Hand liegende Kernproblem des Konzerns ignoriert und durch konzeptionslosen Aktionismus zu überdecken versucht. Dass ungelöste Probleme nicht verschwinden, sondern in der Regel zur Unzeit zurückkehren, lässt sich am Beispiel von Arcandor besonders gut verfolgen.

Fazit.
Ein sehr gut geschriebenes und sehr erhellendes Buch über ein trostloses Stück deutscher Unternehmensgeschichte, das die hier kurz vorgestellten Ereignisse ausführlich und im Detail schildert.

Kommentieren0
3
Teilen
W

Rezension zu "Schrei vor Glück" von Hagen Seidel

Zalando hat das Konsumverhalten von Millionen von Menschen radikal verändert
WinfriedStanzickvor 5 Jahren


 

Dies ist eine moderne Erfolgsgeschichte, die ohne die mittlerweile fast flächendeckende Verbreitung und vor allem Nutzung des Internets nicht denkbar wäre. Es ist die Geschichte der Berliner Firma Zalando, die auf ihren Internetseiten ein Angebot an (Mode)artikeln anbietet, die kein Geschäft, auch nicht eine Summe von Geschäften in irgendeiner deutschen Innenstadt anbieten und bevorraten kann.

 

Innerhalb nur weniger Jahre hat Zalando das Konsumverhalten von Millionen von Menschen radikal verändert. Man bestellt per Klick von seinem PC oder auch unterwegs vom Smartphone einen  oder mehrere Artikel, bekommt sie in einem unglaublich schnellen Tempo zugeschickt, und kann sie bei Nichtgefallen sofort wieder kostenlos zurücksenden.

 

Indem Zalando selbst bei guten Kunden, also jenen, die oft mehrmals in der Woche etwas dort kaufen, eine relativ niedrige Obergrenze pro einzelner Bestellung eingeführt hat, wird das Ausfallrisiko niedrig gehalten. Dabei konzentriert man sich ganz bewusst auf die Produktbereiche Mode, Schuhe, Sportartikel und Wohnaccessoires und verzichtet nach eigenen Angaben auch in der Zukunft darauf, die Produktsegmente auszuweiten. Innerhalb dieser Sparten aber ist die Auswahl immens.

 

Einer der Gründer der Firma sagt: „ Was Zalando bis 2013 gemacht hat, war erst der Anfang. Wenn man das Potenzial sieht, das sich bei Schuhen und Mode in unseren Kernmärkten noch bietet, welche Chancen in neuen Märkten und unsere eigenen Marken noch schlummern, weiß man, wo es hingehen wird.“

 

Und der Finanzchef ist sicher, dass trotz der noch auftretenden Verluste bald nennenswerte Gewinne eingefahren werden können, auch deshalb, weil man sich entschlossen habe, die Logistik selbst zu machen.

 

Kritische Punkte, wie zum Beispiel die Löhne und die Arbeitsbedingungen bei Zalando werden in diesem Buch kaum angesprochen. Doch wen interessiert wirklich, wer am Ofen steht und welchen Stundenlohn der Pizzabäcker hat, wenn er beim Pizzaservice eine Pizza bestellt?

 

Am Ende des Buches auf den letzten Seiten werden jedoch für die Zukunft von Zalando auch kritische Dinge erwähnt, etwa die Möglichkeit, dass die Investoren, weil sie kein Geld sehen, bald aussteigen könnten. Doch Seidel sieht die Zukunft positiv.

 

Hagen Seidel rät, den weltweite Onlinehandel und die Menschen, die dahinter stehen, weiter zu beobachten.

Kommentieren0
10
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 3 Bibliotheken

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks