Hajo Eickhoff

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Lebenslauf

Dr. Hajo Eickhoff ist Kulturhistoriker, Ausstellungsmacher und renommierter Autor zahlreicher Publikationen zu Unternehmenskultur, Ethik und Design.

Quelle: Verlag / vlb

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Cover des Buches Himmelsthron und Schaukelstuhl: Die Geschichte des Sitzens (ISBN: 9783446173767)

Rezension zu "Himmelsthron und Schaukelstuhl: Die Geschichte des Sitzens" von Hajo Eickhoff

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Das Mensch wird stapelbar oder die Humanisierung des Baums

In sieben Kapiteln hat Hajo Eickhoff (1946) sein Buch „Himmelsthron und Schaukelstuhl - Die Geschichte des Sitzens“ geteilt. Eine Andeutung, wie es zu dieser Zahl gekommen sein könnte, findet sich im letzten Kapitel.


„Gott und Christus, als Bilder der Ordnung sind nicht mehr anthropomorph, sondern als Träger abstrakter Vorstellungen gedacht, die um die Zahl Sieben kreisen und ein Spektakel aus Rache, Macht und Opfer inszenieren.“


Eickhoff spricht hier von der Apokalypse und erklärt gleichzeitig, was er vor allem unter dem „Himmelsthron“ im Buchtitel versteht.


Auch der „Schaukelstuhl“ erscheint erst im siebenten Kapitel. Es ist jener Baum (der Erkenntnis), der durch Michael Thonet (1796 - 1871) mit der Bugholztechnik zum Stuhl humanisiert wurde. 

Es ist der Schaukelstuhl, auf dem Samuel Becketts (1906 - 1989) „Murphy“ nackt mit sieben Schals gebunden ist.


„Zwar sitzt er festgeschnürt auf seinem Schaukelstuhl, aber es macht ihm Spaß. Zunächst bereitet es seinem Körper, den es beruhigt, Freude, ‚dann befreite es ihn auch in seinem Geiste.‘“ „Die kleine Welt, ein geistiger Raum, bildet das Ziel der Prozedur des Fesselns, Schaukelns und Sitzens.“


Ein Zitat aus einem anderen Werk Becketts, „Endspiel“, setzt der Autor an den Anfang seines Buches und wiederholt es am Ende mit einer Erweiterung: „Eines Tages… Du wirst irgendwo sitzen, ganz winzig, verloren im Leeren, für immer im Finstern. Wie ich. Eines Tages wirst du dir sagen: Ich bin müde, ich setze mich, und du wirst dich setzen. Dann wirst du dir sagen: Ich habe Hunger, ich steh jetzt auf und mach mir was zu essen. Aber du wirst nicht aufstehen. Du wirst dir sagen: Ich hätte mich nicht setzen sollen, aber da ich mich gesetzt habe, bleibe ich noch ein wenig sitzen, dann steh ich auf und mach mir was zu essen. Aber du wirst nicht aufstehen und du wirst dir nichts zu essen machen.“


Dass die Nomaden alles andere als Sitzenbleiber waren und sind, erläutert Eickhoff in seinem ersten Kapitel. Im zweiten thronen zuerst weibliche Gottheiten. „Viele Figuren sind als Gebärende oder als schwangere Gottheiten der Fruchtbarkeit dargestellt, Bilder der Neuschöpfung des Kosmos.“


„Wenn sich der König auf den Thron, das Ensemble aus Löwen und Göttin, setzt, nimmt er auf der zum Thron gewordenen Göttin Platz. Einerseits bleibt die weiblich-kosmische Schöpferkraft im sakralen Objekt des Throns erhalten, andererseits verschiebt sich die Ebene, auf der man sich das kosmische Schöpfertum vorgestellt hat. Im rabiaten Zwang des Königs zur leiblichen Anspruchslosigkeit erwies sich der Thron, das realisierte Thronbild, als die anschauliche Gestalt für die Entwertung des Leiblichen zugunsten einer übersinnlichen Geistigkeit und veranschaulichte ein vom Leib abstrahiertes Schöpfertum.“


„Neben den thronenden König, sitzend mit göttlichen Attributen ausgestattet, tritt als zweites Fundament des Sitzens der gekreuzigte Jesus Christus, und im Rahmen der klösterlichen Askese werden Sitzen, Besetzen und Gekreuzigtsein als Nachfolge Jesu Christi zur inneren Pflicht.“


„Es ist die prometheische Tat des Benedikt, daß er einen Weg fand, die heilige Haltung des Sitzens ins Kloster einzuführen, die später die bürgerliche Gesellschaft übernimmt.“


Im fünften Kapitel erläutert Eickhoff die Auswirkungen des Sitzens auf das Skelett, wobei er das Kreuzbein hervorhebt. Er spricht von orthopädischen Eingriffen ins Heilige oder vom „Sitzen zwischen Orthopädie und Industrie.“ 

Er nennt Zirkulations-, Verdauungs- und Atemstörungen. Letztere  sperren ebenso den Ausdruck von Affekten, „wie es den an die Affekte gebundenen Ausdruck der Gefühle hemmt.“

Im Sitzen werde sowohl die Physis als auch die Psyche geformt, so der Autor.


Der Körper des Menschen kann nun ins kartesianische Koordinatensystem eingeordnet werden. „Dem mathematischen Modell eingefügt, erlauben Stuhl und Sitzform ihre Zerlegung in Koordinaten, und die analytische Auflösung in geometrische Dimensionen macht es möglich, den menschlichen Leib als bloße Ausdehnung (res extensa) zu deuten… Im Stuhl hat sich der Mensch ein Medium zur visuellen Verräumlichung seines sedierten Leibs geschaffen.“


Eingeläutet durch die Ich-Besessenheit René Descartes (1596 - 1650) und vollendet durch Johann Gottlieb Fichtes (1762 - 1814) „das Ich setzt sich“ treten zunehmend Visionen an die Stelle der sinnlichen Wahrnehmung. „So wird die Sitzhaltung zum Bild für die Zweisubstanzlehre und für die Unterordnung des sinnlichen Stoffes unter die Form neuzeitlicher Vernunft.“


„Die Verbreitung und Anwendung sowohl der Sitzhaltung (Herrschaftsgeste) als auch des lumen naturale (Licht, Vernunft) finden in der Aufklärung und im elektrischen Stuhl ihren Höhepunkt und destruktiven Abschluß. Nicht hingeworfen wie das abzuschlachtende Tier, sondern aufrecht in ziviler Haltung sitzend, an die Maschine des Stuhls gebunden und in deren Nervensystem integriert, erwartet der Verurteilte seinen Tod.“


In seinem Willen gebeugt wird der Mensch stapelbar, Kinder zu „Setzlingen im Kindergarten.“ Im einheitlichen Stuhlkleid unterwirft der Bürger den Willen zum Leben dem gesellschaftlichen. „Der Stuhl schneidet nicht nur in die Physiologie, sondern zähmt und formt auch den Willen der einzelnen, um ihn der Gemeinschaft zu unterwerfen. Mit dem 19. Jahrhundert nimmt der Stuhl seine massenhafte Umarbeitung des Menschen zum Homo sedativus auf.“


Eickhoff erweist sich hier und an anderen Stellen in seinem Buch als Kenner Arthur Schopenhauers (1788 -1860) und in dessen Gefolge Friedrich Nietzsches (1844 - 1900). „Nietzsche nennt das, was Schopenhauer die Verneinung des Willens zum Leben nennt, den Weg zur Wahrheit und inneren Ruhe oder den Willen zum Nichts. Für ihn stärkt dieser Nihilismus die reaktiven Kräfte, die das Ressentiment, den Geist der Rache hervortreiben.“ „Willenslähmung: Wo findet man nicht heute diesen Krüppel sitzen“, zitiert Eickhoff den Philologen.


Willenlos auf den Stuhl gefesselt befindet sich der Mensch in einer Warteposition. „Warten auf Godot“, ist das dritte Werk von Beckett, dem sich der Autor in seinem Werk zuwendet. Doch anders als bei Becketts berühmten Theaterstück stellt Eickhoff heraus: „Der Homo sedativus zeigt sich als Wesen in der Schwebe, immer wartend und immer bereit, im geeigneten Moment seinen Haß auszuagieren.


Am Ende seines Buches kehrt Eickhoff zum Nomadischen zurück. Doch dieses Mal sind es die Techno-Nomaden, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt. „So gibt es, eigentlich gesprochen, keine neuen Nomaden, sondern eine neue Form des Nomadischen, in dem die Beine des Stuhls zu laufen beginnen oder den Stühlen Flügel wachsen und den Sitzenden unermeßlich beweglich machen.“ „Während die Unbewegtheit nur die Flucht ins Innen möglich macht, wo sich die gesteigerten Geisteskräfte gegenseitig zu lähmen beginnen, ist die hohe Geschwindigkeit eine Flucht im Außen, bei der sich die Integration der Sinne auflöst und räumliche Desorientierungen verursacht.“ „Die Rede vom Mobilitätswahn macht deutlich, daß Mobilität und Beschleunigung Scheinphänomene darstellen und doch ganz real sind, eingebildete und zugleich wirksame Weisen der Beweglichkeit.“


Pessimistisch endet er nach der Beschreibung der Apokalypse mit den Worten: „Indem der Stuhl zum Thron der Masse wird und die Neigung des Sitzens zum Sitzenbleiben den Homo sedens zum Homo sedativus umgestaltet, kommt der Mensch aus der Sitzhaltung nicht mehr heraus, weder im Stehen und Hocken noch im Liegen.“


Hajo Eickhoff sägt in seinem Buch „Himmelsthron und Schaukelstuhl“ ordentlich und geschickt an den Stuhlbeinen. Ob der darauffolgende Fall den Sitzenbleiber dazu bringt, wie Schopenhauer, Nietzsche und Beckett in der Kunst neue Freiheit zu finden, bleibt fraglich.



V.S.

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