Hakan Günday Flucht

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Inhaltsangabe zu „Flucht“ von Hakan Günday

Gazâ ist neun Jahre alt, als er vom Beruf seines Vaters erfährt: Ahad ist Schleuser und Menschenhändler. Und Gazâ wird ihm ein eifriger Schüler. Gemeinsam nehmen sie die »Ware« entgegen, lagern sie im »Depot« im Garten zwischen und transportieren sie dann weiter zur Ägäisküste. Je älter Gazâ wird, umso professioneller geht er vor. Er führt Statistiken, dokumentiert akribisch das Verhalten der Flüchtlinge und stellt anthropologische Studien an. Gazâs Schicksal scheint sich erst zu wenden, als es zu einem Unfall kommt, bei dem sein Vater stirbt. Tagelang begraben unter einem Berg von Leichen überlebt Gazâ und flieht nach Istanbul. Er will Anthropologie studieren. Doch auf einmal bricht das Trauma auf. Gazâ ist außerstande, Menschen zu berühren. Nur allein oder in der Masse fühlt er sich noch sicher. Gelingt ein Leben ohne die Begegnung von Mensch zu Mensch?

Es ist kein Buch für schwache Nerven, sondern einer der Romane, die man eigentlich weglegen möchte, es aber nicht kann. Beeindruckend!

— himbeerbel

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  • Flucht - Hakan Günday

    Flucht

    halloundaufwiedersehen_

    29. December 2016 um 13:24

    Der erste Satz in Hakan Günday's Roman „Flucht“ ist verdammt eindrucksvoll und der Grund, warum ich das Buch überhaupt unbedingt lesen wollte. Er lautet: „Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte ich nie das Licht der Welt erblickt.“ Puh. Das muss man erst einmal sacken lassen. Dass „Flucht“ keine leichte Kost ist, dürfte einem mit dieser Einleitung sofort klar werden, aber dafür ist der Autor auch nicht bekannt. Hakan Günday ist ein türkischer Schriftsteller und berühmt-berüchtigt für seine provokanten Texte, die sehr oft politischer Natur sind. Sein Schaffen ist niemals normal. Alles, was er kreiert, hat eine Prise „Außergewöhnlichkeit“ und bleibt fernab der Norm. So auch „Flucht“. Gündays neuestes, frisch ins Deutsch übersetzte Werk wird aus der Perspektive von Gazâ erzählt, der als Sohn eines Schleppers aufwächst. Er lernt von klein auf Menschen als „Ware“ zu sehen. Es ist ihr Geschäft, mit Menschenleben zu handeln. Nicht mehr - und nicht weniger. Der Menschenhandel ist ihre Möglichkeit den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn auch auf sehr viel brutalere und zum Teil unmenschliche Art und Weise – das muss man ja eigentlich gar nicht erwähnen. Gazâ's Vater führt seinen „Betrieb“ mit einer dem Geschäft angemessenen Härte, die sich nach und nach auch auf Gazâ übertragt. Ist er anfangs noch unbeholfen, so wird er immer professioneller und, wie es scheint, auch unmenschlicher. Doch verliert Gazâ wirklich seine Menschlichkeit oder handelt es sich dabei um eine Art notwendigen Schutzmechanismus vor seinem Vater? Als dieser stirbt scheint sich Gazâ's Leben zu ändern. Ihm gelingt die Flucht nach Istanbul, wo er ein Studium beginnt, doch schnell muss er feststellen, dass ihn seine bisherigen Erfahrungen tief gezeichnet und traumatisiert haben. Wird Gazâ dieses Traumata überwinden können und seine Menschlichkeit wiederfinden? Günday ist ein Provokateur, der es liebt, mit Worten und neuen Ausdrucksformen zu spielen. „Flucht“ besticht nicht nur durch einen harschen und ehrlichen Ton, sondern auch durch „Performance“. Telefonate werden szenisch hervorgehoben, sowie innere Monologe Gazâ's, auch kleinere Kritzeleien lassen den Leser immer wieder innehalten und erhöhen so den Nachdenkprozess. Worum geht es also Günday? Er will nicht nur provozieren, sondern auch aufrütteln und auf Themen aufmerksam machen, die ihm wichtig sind und das politische Weltgeschehen betreffen. Er nutzt dafür keine seicht erzählte, sondern eine brutal ehrliche Geschichte, die zwar aufgrund Gündays Erzählkunst, die eine Mischung aus Drehbuch, „normalem“ Buch und einer Art Performance-Kunst ist, an manchen Stellen verwirrt, aber gerade aufgrund seiner Vielfalt doch so gut ist. Ein politisch-aufweckend-menschlicher Roman, den man zwar nicht unbedingt an einem Stück lesen kann, der aber doch unbedingt lesenswert ist.

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  • Verstörend und eindrucksvoll: Die Ware "Flüchtling"

    Flucht

    himbeerbel

    22. December 2016 um 14:02

    Gazâ ist erst neun Jahre alt, als er erfährt, dass sein Vater Schleuser und Menschenhändler ist. Von da an muss er ihm helfen und hasst die Flüchtlinge dafür, dass er keine normale Kindheit haben kann. Für den Jungen sind sie nur eine verabscheuungswürdige Ware, die im Garten in einem „Depot“ zwischengelagert und irgendwann zur Ägäisküste weitertransportiert wird. Schon früh begreift er, welche Macht er über die Flüchtlinge hat und beginnt sie auszubeuten. Er installiert eine Kamera und spielt intrigante Spielchen mit ihnen, um sie zu beobachten und wissenschaftlich auszuwerten. Im Alter von 10 Jahren verschuldet Gazâ zum ersten Mal den Tod eines Flüchtlings und schreckt später auch nicht davor zurück, Frauen zu vergewaltigen. Sein Schicksal scheint sich erst zu wenden, als es zu einem Unfall kommt, bei dem sein Vater stirbt und er tagelang unter einem Berg von toten Flüchtlingen gefangen ist.Das Cover finde ich interessant und passend gewählt. Der stilisierte Weg spiegelt das Thema Flucht wieder und mit etwas Phantasie erkennt man auf dem dreigeteilten Bild einen der Schauplätze aus dem Buch wieder.Unterteilt ist das Buch ist in vier Abschnitte, die jeweils mit einer kleinen Erläuterung einer der vier Hauptmaltechniken der Renaissance eingeleitet werden. Sie lassen leise erahnen, wie der Autor seinen Protagonisten nachfolgend „zeichnen“ wird.„Wäre mein Vater kein Mörder gewesen,…“ So beginnt der Roman und lässt einen fortan nicht mehr los. Gradlinig und sehr eindringlich erweckt Hakan Günday einen Protagonisten zum Leben, dessen Denken und Handeln der Leser in der Ich-Perspektive miterlebt. Das ist nicht immer angenehm, da der Autor so intensiv und bildhaft schreibt, dabei vom Ausdruck aber auch so unmissverständlich und brutal ist, dass ich beim lesen immer wieder schockiert innehalten musste. Auch kam es vor, dass mich das Beschriebene oder der Protagonist dermaßen angewidert hat, dass ich erstmal nicht weiterlesen mochte (Stichwort: Nekrophilie).Immer dann, wenn die zwiespältigen Gefühle beim Lesen etwas abkühlen und man zum Teil nachvollziehen kann, warum Gazâ so geworden ist und in welche Schwierigkeiten ihn das gebracht hat, bekommt man im nächsten Moment die Bestätigung dafür, warum man es mit einem wirklich hassenswerten Charakter zu tun hat, für den man auf keinen Fall in irgendeiner Form Verständnis aufbringen kann.Trotz alledem konnte der Roman mich immer wieder packen. Wohl wissend, dass es sich hierbei um eine fiktive Geschichte handelt, die man als düstere Phantasie werten könnte, waren dennoch Bezüge zur grausamen, längst in den Medien verbreiteten Realität erkennbar. Dass der Flüchtlings-Mensch als Ware gehandelt wird, dem teilweise übel mitgespielt wird, verdeutlicht das Buch schmerzhaft. Und doch hofft man beim Lesen immer wieder, dass das, was man da liest, pure Phantasie ist und keinen Funken Wirklichkeit enthält. Dabei ahnt man, dass die Realität oft an Grausamkeiten nicht zu überbieten ist. Aber so erschreckend und abstoßend Gazâs Denken und sein Verhalten ist, so interessant ist es auch, seinen Gedanken in die Welt der Politik und die Verhaltensforschung von Mensch und Tier zu folgen. Zur Abwechslung erlebt man hierbei Gazâs ebenso kluge, wie bedrückende und schockierende Gedanken. Hier erhält man viel Stoff zum nachdenken.So erzählt Hakan Günday auf verstörend eindrucksvolle Weise in „Flucht“ davon, dass die Verzweiflung der einen, den Hass der anderen zur Folge haben kann. Es ist kein Buch für schwache Nerven, sondern einer der Romane, die man eigentlich weglegen möchte, es aber nicht kann – ein beeindruckendes Buch, das mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.

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