Die wahren Freunde wissen auf jede Frage eine Antwort. Freunde reagieren spontan, aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus, und genau das kann brutal klingen. Ehrlichkeit schließt das nicht aus. "Warum ich?" fragte Hanif Kureishi. Sein alter Schulfreund formulierte die Antwort hart und punktgenau:
"Warum denn NICHT du?"
Hanif Kureishi verunglückte bei einem Sturz schwer. Die Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule verursachten eine Lähmung der Arme und Beine. Was mit dem britischen Schriftsteller geschah, beschreibt der Buchtitel auf ungeschönte Weise.
"Vor zwei Wochen ist in meinem Leben eine Bombe eingeschlagen, die auch das Leben der Menschen um mich herum erschüttert hat."
Wenn Leserinnen und Leser erst einmal die üblichen Gedankengänge, die sie auf sich selbst beziehen, "was würde denn ICH in dieser Situation tun?", beiseite gelegt haben, können sie beginnen, sich voll und ganz auf den weiteren Verlauf der Dinge einzulassen. Es lohnt sich!
Bereits im Krankenhaus, nur wenige Tage nach dem verheerenden zweiten Weihnachtsfeiertag 2022, begann er zu schreiben. Die ersten Zeilen diktierte er seiner Frau Isabella am 6. Januar 2023 in der Gemelli-Klinik in Rom. Sie teilte sich fortan diese Arbeit mit seinen Söhnen. Nur so konnte dieses Buch entstehen.
Vielleicht ist die Situation nach dem Unfall in etwa mit der Vorstellung verwandt, wie sich der Autor den Begriff "Freies Schreiben" vor dem Unglück vorstellte und definierte:
"Man beginnt mit nichts und gelangt nach einer Weile an einen neuen Ort."
Jener führt aber erstaunlicherweise erst einmal in die andere Richtung. Es ist ja nichts mehr, wie es vorher war. An einer möglichen Zukunft beginnt Hanif Kureishi ernsthaft zu zweifeln, aber wie zum Ausgleich kehrt die Vergangenheit mit Wucht zurück. Er beginnt, sich intensiv und einfach "anders zu erinnern".
Dabei lässt er nichts, aber auch gar nichts aus. Seine Gedanken an das Vorher, seine Gegenwart und ein oft angsterfüllter Blick in eine diffuse Zukunft, werden immer wieder durch die notwendigen Arbeiten und Hilfsgriffe des Pflegepersonals unterbrochen, was er nahtlos in seine Schilderungen einfließen lässt.
Dies beinhaltet auch jene körperlichen Notwendigkeiten, die er nicht mehr selbst ausführen kann, weil sich seine Hände anfühlen, "als wären sie mit Beton ausgegossen".
Wie schafft man es, diesen Zustand der absoluten Hilflosigkeit, bei vollem Bewusstsein, zu verarbeiten und zu ertragen? Eigentlich gar nicht, und doch ist man gezwungen, mit einem schwer beschädigten Körper, der zu "Gemüse" geworden ist, irgendwie weiter zu leben. Vielleicht indem man eine Art Notausgang erfindet?
"Ich empfinde es nicht mehr als erniedrigend. Ich habe keine Würde mehr, die dadurch verletzt werden könnte."
Die jeweils datierten, kurzen Kapitel decken fast ein ganzes Jahr ab, und enden am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2023, dem Jahrestag des Unfalls! Die ebenso extreme wie völlig unerwartete Reise führte Hanif Kureishi durch fünf Kliniken und schließlich zurück in sein Haus, welches seinen Bedürfnissen entsprechend umgebaut wurde.
Doch selbst dieser vorerst letzte Schritt war für ihn mit enormen Ängsten verbunden. Warum, ist für Außenstehende kaum zu verstehen, bis er es aus seiner Sicht erklärt, denn so unangenehm ein Krankenhausaufenthalt ist, birgt er, aus einem völlig anderen Blickwinkel, einen sicheren Rahmen, denn hier fällt er nicht auf!
"Als behinderter Mensch in einer Welt Nichtbehinderter zu leben ist etwas vollkommen anderes."
Ein vernünftiges Fazit für ein Buch dieses Kalibers zu finden ist nicht einfach. Wie man es auch dreht, wird es immer irgendwo hinken. Die Frage ist deshalb, ob ein solches überhaupt notwendig ist. Das Leben ist seltsam und paradox, wenn für das Entstehen eines so großartigen Buches die Notwendigkeit eines Unfalls zu bestehen scheint.
Wie auch immer, es öffnet viele Türen zu einer ganzen Welt innerhalb der "normalen". Auf ein einziges Beispiel reduziert, könnte man auf die Idee kommen, vielleicht einmal zu überdenken, welchen unfassbaren Wert eine einzige Handbewegung hat.
Behinderte Menschen leben schon lange in dieser abgeschiedenen Welt. Und sie tun es weitgehend unbemerkt, wenn sie kein öffentliches Interesse genießen. Hanif Kureishi stellt uns diese Welt vor. Er zeigt und öffnet Perspektiven, die man gerne übersieht. Ganz erstaunlich auch seine Erkenntnis, wie wenig entfernt wir uns alle von einem solchen Leben bewegen, in welche uns ein Augenblick Unachtsamkeit schleudern kann.
Von einem, der nicht daran denkt, aufzugeben. Der Weg dorthin ist hart, und doch ist das Leben, wenn auch mit völlig anderen Vorzeichen, die Mühe wert.
Hanif Kureishi
Lebenslauf
Alle Bücher von Hanif Kureishi
Der Buddha aus der Vorstadt
Das sag ich dir
The Black Album
Intimacy
In fremder Haut
Als meine Welt zerbrach
Hanif Kureishi 'My Son the Fanatic', Study Guide
Der Buddha aus der Vorstadt
Neue Rezensionen zu Hanif Kureishi
„Literaturwerkstatt-kreativ / Blog“ stellt vor:
„Der Buddha aus der Vorstadt“ von Hanif Kureishi
1970er Jahre London
Der 17-jährige Karim Amir ist der Sohn einer Engländerin und eines indischen Emigranten, was seinen Alltag an der Schule und in dem spießigen und langweiligen Vorort im Süden Londons nicht wirklich einfacher macht.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Kurz nachdem sein Vater sich selbst zum Vorstadt-Buddha berufen hat, wird Karim ein Platz in einer Schauspieltruppe angeboten – und plötzlich nimmt sein Leben im London der späten Siebziger ungeahnte Wendungen …“
Fazit:
„Der Buddha aus der Vorstadt“ ist der gefeierte Debütroman des britischen Autors Hanif Kureishi aus dem Jahr 1990. Das Werk gilt als Klassiker der postkolonialen Literatur und wurde mit dem „Whitbread First Novel Award“ ausgezeichnet. Zudem wurde es in über 20 Sprachen übersetzt und 1993 als vierteilige BBC-Serie mit Naveen Andrews in der Hauptrolle verfilmt, zu der David Bowie den Soundtrack beisteuerte. Der „btb Verlag“ hat das Kultbuch nun als Taschenbuch neu veröffentlicht.
Aus welchem Grund auch immer ist dieses Buch in den 90er Jahren völlig an mir vorbei gegangen; da ich aber immer wieder auch gerne ältere Bücher lese und diese auch hier vorstelle, fand ich dieses vom Thema her sehr spannend. Vorab gesagt, Hanif Kureishi hat mich absolut überzeugt und mir sehr erfreuliche Lesestunden bereitet. Der Roman gehört auf jeden Fall mit zu meinen Highlights in diesem Jahr.
Der Autor hat einen sehr lebendigen und freizügigen Entwicklungsroman vorgelegt, der stark autobiografisch geprägt ist, denn Kureishi selbst stammt zwar aus Bromley – einem Stadtbezirk von London -, sein Vater aber kam aus Mumbai (damals zur Zeiten des Romans noch offiziell Bombay) und seine Mutter war Engländerin. Auch wenn der Roman in den 90er Jahren geschrieben wurde, hat er bis heute nichts an Faszination verloren. In seinem Werk beschäftigt sich der Schriftsteller mit vielerlei Fragen. So etwa die Klassenzugehörigkeit, oder die Enge und Eintönigkeit der Vorstadt, oder auch das oftmals sehr oberflächliche Leben in der Londoner Kulturszene. Auch Karims offener Umgang mit seiner Bisexualität – möglich gemacht durch die sexuelle Befreiung der 70er Jahre – wird hier thematisiert; aber auch die Normalisierung neuer Lebensentwürfe ist ein Merkmal dieses Buches. Hier steht natürlich Karim im Vordergrund, dem es gelingt, als Schauspieler nach London zu kommen und andere Wege zu gehen.
Es war mir eine Freude, diesen jungen Mann auf seinem Weg durch seine Teenagerjahre bis in seine frühen Zwanziger zu begleiten. Ich wurde auf ein Stück Zeitreise in ein sehr spezifisches Milieu mitgenommen. Hervorheben möchte ich aber auch Kureishis besondere Erzählweise, geprägt von beißendem Humor voll Ironie, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht.
Ein skurriler, humorvoller und sehr interessanter Entwicklungsroman!
Die ganze Rezi ist auch auf meinem Blog
https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2025/12/20/der-buddha-aus-der-vorstadt-von-hanif-kureishi/
Besten Dank an den „btb Verlag“ für das Rezensionsexemplar.
Dieses Buch hat mich 1990 begeistert und es begeistert mich wieder, obwohl oder gerade weil sich die Welt in den letzten 35 Jahren so sehr verändert hat.
Ich liebe das wunderbare Kaleidoskop aus leicht durchgeknallten Charakteren, das die Welt der 70er Jahre mit all ihren Hoffnungen, Irrungen und Wirrungen widerspiegelt. Kureishi hat aber auch einen sehr wachen Blick auf die eher unangenehmen Eigenschaften des bunten Völkchens aus Hippies, Künstlern und Punks, das sich im Swinging London so herumtreibt. Die Selbstverliebtheit, der Drang zur Selbstdarstellung und eine elitäre Selbstgerechtigkeit verdecken kaum die knapp unter der Oberfläche ungetrübt weiterbestehende Klassengesellschaft, den Rassismus, den Sozialdarwinismus der sich für aufgeklärt, cool und linksalternativ haltenden Protagonisten.
Hanif Kureishi hat 1990 eine sehr unterhaltsame Retrospektive und Bestandsaufnahme der Wurzeln der neuen Linken hingelegt. Heute, wo wir uns die Augen reiben und uns fragen, wie alle sicher geglaubten Errungenschaften einer sich verbessernden Welt den Fluß hinuntergeschwemmt wurden und eine Analyse des Status Quo und eine neue Perspektive dringend not tun schadet dieser durchaus humorvolle, lebendige Blick auf die Systemfehler und blinden Flecken, die wahrscheinlich ihr Scherflein zum Scheitern des Projekts beigetragen haben, sicher nicht.
Ja, es macht mich auch etwas traurig, mich an all die Hoffnungen zu erinnern, die mein damals jugendliches Selbst noch hatte, als ich dieses Buch zum ersten Mal gelesen habe, genauso wie mich das Schicksal des Autors, der seit einem plötzlichen Sturz vor einigen Jahren ab der Halswirbelsäule querschnittsgelähmt ist, traurig macht.
Ich wünsche ihm die Kraft, in dieser Situation zu einem dennoch erfüllten und selbstbestimmten Leben zu kommen und uns, dass wir die in uns liegenden Fähigkeiten zur Freude, zur Kreativität und zu einem schönen Leben jenseits von Kapitalismus und Konsumerismus wiederfinden.
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Zusätzliche Informationen
Hanif Kureishi wurde am 05. Dezember 1954 in Bromley, Kent (Großbritannien) geboren.
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