Hanjo Kesting Ein Blatt vom Machandelbaum

(1)

Lovelybooks Bewertung

  • 1 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 1 Rezensionen
(1)
(0)
(0)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Ein Blatt vom Machandelbaum“ von Hanjo Kesting

Wenn Hanjo Kesting auf einen Autor zurückblickt, dann spricht er nicht nur über dessen Werk, sondern stellt uns immer auch den Menschen vor, der hinter diesem Werk steht. Er vermag es, der Zeit und den Bedingungen eines Lebens und eines Werks Kontur und Atmosphäre zu geben, Anekdoten zu erzählen, so daß sich auch über die Distanz von mehr als fünfzig Jahren vertraute Nähe herstellt. Nicht selten rührt die auch von persönlichen Begegnungen und Arbeitszusammenhängen her. Mehrere Autorengenerationen nimmt Kesting in den Blick, auch diejenige, der etwa Erich Kästner, Klaus Mann, Sebastian Haffner und Carl Zuckmayer angehörten, die schon zwischen den Weltkriegen bedeutende Schriftsteller waren. Als 'verspätete Generation' bezeichnet er die Autoren, die nach 1945 schon nicht mehr ganz jung zu schreiben begann bzw. wegen der Zeitumstände erst dann literarisch sichtbar wurde: Alfred Andersch, Ernst Schnabel, Heinrich Böll. Die 'Gründerfiguren' wurden zuerst in der Gruppe 47 oder später in anderem Kontext sichtbar: Siegfried Lenz, Günter Grass, Walter Kempowski, Peter Rühmkorff, Hans Magnus Enzensberger, Rolf Hochhuth, Gisela Elsner. Bei dieser Betrachtung dürfen die Kritiker von Reich-Ranicki bis Raddatz und Klaus Harpprecht nicht fehlen, auch ihnen ist ein Kapitel gewidmet.

Stöbern in Romane

Die goldene Stadt

Es benötigt viel Aufmerksamkeit,die Infos aus dem Buch aufzunehmen und in die Handlung einzutauchen,eher an freien Tagen lesen und ausgeruht

Kallisto92

Der Sommer der Inselschwestern

Ein leichter Roman, der einen verzaubert.

Sarah_Knorr

Die Tänzerin von Paris

Streckenweise langatmige Analyse der Lucia Joyce zwischen Fiktion und Wahrheit.

SinjeB

Töte mich

Der einfache und schlichte Schreibstil steht im Kontrast zum ausgefallen Handlungsgeschehen bzw. zu den Gedankengängen der Figuren.

ameliesophie

Vom Ende an

Wow. Dieses Buch ist ungewöhnlich aber wirklich ein unglaublich gutes Buch. So wenig Worte vermögen eine solche Atmosphäre zu schaffen.Mega!

LadyIceTea

Underground Railroad

Der Wunsch nach Freiheit

Jonas1704

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Rezension zu "Ein Blatt vom Machandelbaum" von Hanjo Kesting

    Ein Blatt vom Machandelbaum
    HeikeG

    HeikeG

    12. August 2008 um 12:47

    Gerichtstag halten über das eigene Ich Vierzehn Schriftstellerporträts und halb so viele Kurzessays über Literaturkritiker, die um die Kriegsjahre in Deutschland gelebt bzw. geschrieben haben, versammelt Hanjo Kesting in seinem Buch und verknüpft alles virtuos mit dem Leitmotiv eines Grimmschen Märchens. "Er war ein gefeierter, weltberühmter Schriftsteller, aber seine Biographie liest sich über lange Strecken wie eine Leidensgeschichte. Man machte ihn zur moralischen Instanz und Vorzeigefigur, aber das hinderte seine Gegner nicht, ihn unbarmherzig zu verfolgen. Nach seinem Tod hat man Schulen und Straßen nach ihm benannt, doch war er zu Lebzeiten ein unbequemer Schriftsteller, der wie kein anderer dazu beitrug, den trügerischen Frieden der westdeutschen Republik zu stören. So glich sein Leben einem bösen und traurigen Märchen, dem Hans Magnus Enzensberger die Überschrift gab: 'Der arme Heinrich'.", so beginnt der 1943 geborene ehemalige Leiter der Redaktion "Kulturelles Wort" beim Norddeutschen Rundfunk, der 1977 die Reihe "Autoren lesen" und 1981 das Kulturjournal "Texte und Zeichen" gründete, eines seiner Autorenporträts. Hier reflektiert er das Leben eines Außenseiters, der wieder Willen zum Repräsentanten wurde, der Geld und Reichtum verabscheute, aber dem sich der Erfolg an die Fersen heftete und ihn reich werden ließ, in frühen Jahren die Stimme der "Trümmergeneration" war und mit vierundfünfzig die höchste Auszeichnung, die die literarische Welt zu vergeben hatte, erhielt: den Literaturnobelpreis. Sein Name: Heinrich Böll. Feinfühlig nuancierte Autorenporträts Gemeinsam mit dem beinahe vergessenen Ernst Schnabel und Alfred Andersch - dem Autor der "Franz-Kien-Geschichten" - steht Böll als Vertreter der "verspäteten Generation". Vorangefügt hat Kesting Porträts von Schriftstellern, die zwischen den beiden Weltkriegen wirkten (Erich Kästner, Klaus Mann, Sebastian Haffner und Carl Zuckmayer). Vor die abschließende Gruppe der "Gründerfiguren", die solch große Namen wie Siegfried Lenz, Walter Kempowski, Peter Rühmkorf, Hans Magnus Enzensberger und Günter Grass, aber auch weniger populäre wie Rolf Hochhuth und Gisela Elsner enthält, fügt Kesting sieben kurze Porträts der Kritikerzunft, angeführt von Marcel Reich-Ranicki bis Fritz J. Raddatz. Die Stunde Null des Jahres 1945 wiederum baut er wie einen eigenen Roman mit Prolog und Epilog ein und füllt ihn mit Textcollagen unterschiedlicher Autoren: "Es wird viel einfacher sein, ihre Städte wieder aufzubauen als sie dazu zu bringen, zu erfahren, was sie erfahren haben und zu verstehen, wie es kam" (Alfred Döblin, Schicksalsreise). "Überall fällt einem auf, dass es keine Reaktion auf das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu sagen, ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt." (Hannah Ahrend, Besuch in Deutschland) "Der Gleichmut, mit dem die Deutschen gleich nach dem Krieg durch ihre zu Steinwüsten bombardierten Städte trotteten, mit dem sie hungernden und hamsterten, den Verlust ihrer Ämter, ihres Eigentums, ihrer Überzeugungen ertrugen, wie willig und demütig die mit den Besatzungsbehörden koordinierten - das alles hat ausländische Beobachter schon damals bis zur schieren Fassungslosigkeit erstaunt, weniger die Deutschen selbst." (Reinhard Baumgart, Damals. Ein Leben in Deutschland) Kesting gelingt durch die Kombination von feinfühlig nuancierten Biografien, die nicht nur das "Who is Who" verschiedener Autorengenerationen ausleuchten, sondern auch den weniger populären, mitunter gar in Vergessenheit geratenen Literat betrachten, unter Einbeziehung der entsprechenden literarischen Werke und vor dem konkreten historischen Hintergrund eine wunderbar lebendige, eindringliche und atmosphärisch dichte "Geschichtsstunde". Intellektuelle aber leicht lesbare Texte Der Titel des Buches fungiert zugleich als Leitmotiv. Pate stand dabei eines der grausamsten Märchen aus der Grimmschen Sammlung ("Von dem Machandelbaum"). In ihm ermordet und schlachtet die Stiefmutter den Sohn aus erster Ehe, bereitet ihn zu und setzt ihn dem Vater zum Abendessen vor. Die Schwester, Tochter aus zweiter Ehe, war beim Mord zugegen, traut sich aber nichts zu berichten. Sie vergräbt die Knöchelchen des Bruders unter dem Machandel-(Lorbeer-)baum im Garten, aus denen ein Vogel entsteht, der die böse Tat besingt, Rache übt und sich wieder in den Knaben verwandelt. Er richtet somit über Böse und Gute und hat letztendlich die Wahrheit auf seiner Seite. Von verdrängter Schuld handelt dieses Märchen. Für Kesting ist dies der rote Faden, bezogen auf das geschehene Verbrechen, und "wie es möglich wurde, dass die Deutschen, nach einer zwar nicht immer nur glanzvollen, aber überaus reichen und kulturell einzigartig profunden Geschichte in den entsetzlichsten Abgrund geraten konnten, in den jemals ein Volk gestürzt ist." Viele Autoren von Brecht über Heinrich Heine, Marie-Luise Kaschnitz bis zu Hans Magnus Enzensberger haben es aufgegriffen und thematisch weitergeführt. Ihre Texte sind den einzelnen Kapiteln in Auszügen vorangesetzt. Ibsens Satz: "Leben heißt: dunkler Gewalten Spuk bekämpfen in sich; Dichten: Gerichtstag halten über das eigene Ich.", gewinnt bei der Lektüre der einzelnen Porträts nahezu eminente Aktualität. Günter Grass' "Beim Häuten der Zwiebel" ist jüngstes Beispiel dafür. Trotz seines intellektuellen und von großer Belesenheit kündenden Schreibstils zeichnen sich Hanjo Kestings Texte durch leichte Lesbarkeit aus. Dieser absolut gelungene Spagat öffnet dieses großartige Werk einer breiten literaturinteressierten Leserschaft. Eine Fülle von Anregungen verführt zur Lektüre der vorgestellten Autoren und erlaubt vielfach einen äußerst sensiblen und vor allem wachen Blick hinter manch oberflächlich strukturiertes Bild. Fazit: Kestings ungewöhnlich kluge Essays sind neben kompakten, aber hoch informativen Autorenporträts, gleichzeitig geschichtliches Dokument, historische Analyse und ein Werk der Literatur. "Kunst ist eine der wenigen Möglichkeiten, Leben zu haben und Leben zu halten, für den, der sie macht, und für den, der sie empfängt.", diese Worte Heinrich Bölls können stellvertretend für dieses stille, aber rhetorisch und sprachlich eindringliche Werk Hanjo Kestings stehen oder um Nietzsches Zarathustra-Vers abzuwandeln: "Und jedes Blatt will Ewigkeit".

    Mehr