In ihrem dreiteiligen Werk (das erstmal 1951 erschien und danach von ihr mehrfach aktualisiert wurde), möchte Hannah Arendt nicht mehr und nicht weniger tun, als zu erklären, wie sich die totalen Herrschaften in Nazideutschland (und der Sowjetunion unter Stalin) entwickelten, woher also die Elemente stammten, die ihren Aufstieg und ihre Verbrechen ermöglichten. In dieser Rezension werde ich kurz auf alle drei Teile eingehen.
I
Im ersten Teil beschäftigt sich Arendt mit dem Antisemitismus. Bedeutsam ist, dass sie ihn vom Judenhaß, der historisch eine lange Tradition hat, insofern trennt, als dass er sich nicht gegen die Juden als Volksgruppe, sondern die Juden als gesondertes Element in den Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts richtet. Antisemitismus war in diesem Sinne weniger ein emotionales Ventil als eine sittliche Einstellung, die nicht mehr von z.B. religiösen Motiven befeuert, sondern von gesellschaftlichen Normen geprägt war. Arendt legt dar, dass dieser neue Antisemitismus in der besonderen Verquickung von Juden und Staat, die seit einigen Jahrhunderten in Europa bestand, wurzelte. Womit nicht gemeint ist, dass die Juden irgendeine Form von Staatsmacht gehabt hätten, wie es Verschörungstheoretiker*innen leider immer noch stupent behaupten. Sondern, dass Juden sehr oft mit dem Staat identifiziert wurden, weil sie den jeweiligen Herrscher*innen (oft im Bereich der Beschaffung von Geldern) zu Diensten waren, im Tausch gegen Schutz für sich und die eigenen Gemeinden. Diese Identifikation führte in den enttäuschten Teilen der Bevölkerung, dem Mob, zu einer Antipathie gegen Juden, die sich als sehr exponierte, weil nicht in der Gesellschaft aufgehende, Gruppe, auch noch leicht herausgreifen ließen. Arendt schilderte die komplexe und absurde Lage der Juden, die zum einen geschätzt (für ihre Dienste und als Kuriosum in der feinen Gesellschaft) und zum anderen von einem auf den anderen Tag zu Sündenböcken werden konnten. Dies geschah anfangs nur vereinzelt, bis dann der Nationalsozialismus das mobilisierende Potenzial des Antisemitismus erkannte und voll umsetzte.
Arendts Darstellung changiert zwischen allgemeiner Darstellung und literarischen und biographischen Ausflügen. Es gelingt ihr, das Bild des Antisemitismus klar herauszuarbeiten. Man glaubt, man versteht, was Antisemitismus ist und lernt dann doch noch sehr viel über die fluide Geschichte, die zu diesem Begriff geführt hat.
II
Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Imperialismus, jener Epoche, in der die europäischen Staaten danach trachteten, nicht nur Kolonien für die Plünderung anderer Erdteile zu gründen, sondern dorthin auch ihr Staatsterritorium zu erweitern. Wie dies zusammenhängt mit Kapitalismus und dem Niedergang des Nationalstaats und durch beides (+ die Entwicklung einer umfassenden Bürokratie) dann mit dem Aufstieg der faschistischen und schließlich totalitären Systeme, das weiß Arendt sehr schlüssig darzulegen. Zugleich ist dieser zweite Teil aber auch der fragwürdigste, sind Arendts Vorstellungen von Zivilisation und vor allem von den Lebenswirklichkeiten der afrikanischen Ureinwohner*innen, doch ziemlich befremdlich, für heutige Maßstäbe. Man will ihr das nicht vorwerfen, aber ihre Ausführungen zu Kannibalen und europäischer Vernunft stoßen, bei aller Milde, doch sauer auf.
III
Im dritten Teil dann, geht es, finally, darum, inwiefern totalitäre Staaten besondere Gebilde sind, die nicht mit faschistischen oder tyrannischen oder diktatorischen Systemen verwechselt werden sollten, auch wenn sie Elemente davon enthalten; vielmehr treiben sie deren Züge auf eine neue Spitze, die es bis dato nicht gab und die nicht nur eine ganz neue Form von Schreckensherrschaft, sondern auch den massenhaften Genozid an den Juden ermöglichte.
Dies ist nur eine sehr kurze Zusammenfassung. Arendt brilliert manchmal in Nebensätzen und setzt Dinge in kluge Zusammenhänge, was alles hier nicht simuliert werden soll und kann. Es ist ein reiches Buch mit ein paar Längen und als solches muss es gelesen werden; überblättern sollte man nur im Notfall, da sich oft etwas Substanzielles, auch in Bezug auf unsere heutige Zeit, jederzeit ergeben kann, unverhofft geradezu. Das Buch wirft letztlich nicht nur einen Blick zurück, sondern manche Beobachtungen ihre Schatten auch voraus. Was Arendt zu Kapitalismus, zu den Vereinigten Staaten und zur Verfassung des Menschen, die Wahrheit zu akzeptieren, sagt, das könnte kaum aktueller sein und kann leider noch aktueller werden.
Kleine Kostprobe:
"Was heute auf dem Spiel steht, ist die Existenz der Geschichte selbst, sofern sie verstanden und darum erinnert werden kann; denn dies ist nicht mehr möglich, wenn Tatsachen nicht in ihrer Unabweisbarkeit respektiert werden als das, was den Bestand der Vergangenheit wie der gegenwärtigen Welt garantiert, sondern als Argumente ge- und verbraucht werden, um bald diese, bald jene Meinung zu beweisen."