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HanneloreJost

vor 3 Jahren

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Esantor und der Weihnachtsmann-Detektor

von Hannelore Jost



Ein gewaltiger, eisiger Orkan wehte so heftig, dass alles weggerissen wurde. Selbst große Eisbären wurden wie Papierschnipsel im Wind herumgewirbelt. Nur die junge, unerfahrene Eisbärenmutter Rettumtug und ihre zwei kleinen Eisbärenkinder Rhoppalk und Räbgulk waren noch unterwegs. Rettumtug rief den beiden Kleinen zu, sie sollten sich bei ihr gut festhalten, damit der immer heftiger werdende Schneesturm sie nicht wegträgt. So aneinander festgeklammert, kamen sie in der großen Eisbärenschutzhöhle an. Esantor lässt sie herein. „Kommt schnell herein, hier ist es kuschelig warm und der heftige Orkan kann uns nichts anhaben. Ruht euch etwas aus, bis das Wetter sich bessert.“
Rettumgut bedankt sich, setzt sich in eine Ecke. Müde schließt sie ihre Augen. Erschöpft murmelt sie: „Nur gut, dass wir hier Zuflucht gefunden haben. Stört die Erwachsenen nicht, ruht euch aus und seid leise!“
Aber wie alle Kinder sind, können beide nicht stillsitzen. Sie tollen herum und stellen viele Fragen. Besonders Räbgulk will alles wissen. 
Da ihre Mutter Rettumgut schläft, gehen sie zu ihrem Eisbärengroßvater Esantor und wollen mit ihm spielen. 
Esantor ist ein weiser, alter Bär, ein guter Typ, oft etwas brummig, aber immer hilfsbereit. 
„Warum hast du eine rote Nase?“, fragte der wissbegierige Räbgulk seinen Eisbärengroßvater. „Und warum haben wir alle schwarze Nasen?“.
„Nun, das ist eine lange Geschichte“, beginnt Esantor zu erzählen.  Rhoppalk und Räbgulk setzten sich zu ihm und lauschten. Sie waren so leise, das nur das Getöse des eisigen Schneesturms zuhören war. Es klang, als ob aller Schnee und Eis vom Himmel auf die Erde fallen würde und sie unter meterdicken Schnee begraben werden.
„Ich war damals ein kleiner Eisbär mit einer schwarzen Nase, genauso wie ihr. Ein Schneesturm tobte, der stärker nicht sein konnte. Unsere Mama rief uns, aber ich konnte und wollte ihr auch nicht folgen und trödelte herum. Ich übte mich in Robben erschrecken. Mit meiner Tatze verdeckte ich meine schwarze Nase. So konnte mich keiner sehen, auch keine Robbe. 
Plötzlich erfasste mich ein besonders starker Schneesturm. Ich wurde herumgewirbelt und flog bis in die Wolken hinauf. Schließlich landete ich etwas unsanft in einer großen Schneewehe. Der schreckliche Eissturm blies mir ins Gesicht und ich fror erbärmlich. Ich lief weiter, immer weiter und weiter. Der Eissturm heulte, als ob aller Schnee der Welt auf einmal vom Himmel fallen wollte. Ich konnte nichts sehen und nichts hören. So hielt ich meine Nase in den Wind, vielleicht konnte ich meine Mama wittern?  Aber da war nichts. Und so lief ich weiter. Ich wollte mich schon hinlegen und sterben, da gab auf einmal der Schnee unter meinen Tatzen nach und ich rutschte in eine große Schneehöhle und landete auf einem braunen, weichen Sack. Schnell hielt ich meine schwarze Nase zu, damit mich ja niemand sehen konnte. 
Vor mir stand ein komischer, großer Eisbär mit einem rotem Umhang und einer weißen Nase. Sein Fell im Gesicht war weiß und besonders lang. Seine Ohren waren unter einer roten Zipfelmütze verborgen und zwei seiner Tatzen versteckte er in einer Art ledernen Sack. So einen Eisbären hatte ich noch nie gesehen. Wie nur wie wollte er sich an die Robben heranschleichen. So große Tatzen, um sich dahinter zu verstecken gab es doch nicht. 
Nun sah mich der komische Eisbär mit dem rotem Umhang an. Und brummte: »He kleiner Eisbär, wo kommst du denn her? Du hast dich wohl verlaufen?«  Ich schaute mich um, ob er mich meinte. Ich hielt mir doch die Nase zu, wie konnte er mich nur sehen. Aber hinter mir stand niemand. 
Nun sprach er weiter. »Du brauchst keine Angst zuhaben, ich bin der Weihnachtsmann.« Bückte sich und griff in den großen Sack, auf dem ich gelandet war. Er suchte lange und kroch fast ganz hinein. Schließlich zog er ein großes Stück Fleisch heraus und sagte: »Kleiner Eisbär, du hast sicher großen  Hunger, stärke dich erst einmal. Danach reden wir und ich werde sehen, was ich für dich tun kann.«
Ich schaute dem Weihnachtsmann an. Er konnte mich tatsächlich sehen, obwohl ich doch meine Nase verdeckte. Diese war zwischen meinen Tatzen so fest eingeklemmt, dass sie weh tat. 
Aber das Fleisch roch gut und ich hatte einen furchtbaren Hunger. Also nahm ich meine Tatzen von der Nase und fraß das Fleisch. Es schmeckte lecker. 
Danach sagte ich nur: »Danke!« Nun betrachtete ich den Weihnachtmann-Eisbär genauer. Ein komischer Eisbär. Nach einer Weile fragte ich ihn: »He Eisbär Weihnachtsmann, was machst du hier. Weißt du wo meine Mama ist? Der Schneesturm hat mich weit fortgetragen. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Ich möchte wieder zu meiner Mama!«
Der Weihnachtsmann schaute mich streng an. Mir war, als könne er durch mich hindurchschauen. »Esantor, du kennst mich nicht? Nun, man nennt mich  Weihnachtsmann, Nikolaus, Santa Claus, Sinterklaas, Väterchen Frost, Knecht Ruprecht oder Father Christmas. 
Zu Weihnachten bringe ich allen artigen Kindern und auch artigen Tieren Geschenke ins Haus. 
Mmmmm …. mmmm ... mmmm
Aber wie ich sehe, hast du deiner Mama nicht gefolgt, als sie dich rief. Deshalb bist du jetzt in dieser misslichen Lage.«
Etwas ärgerlicher fügte er hinzu. »Außerdem bist du auf meinem Weihnachtsmannsack gelandet. Das ist nicht gut, denn wer meinen Weihnachtsmannsack berührt, ist auf magische Art mit mir verbunden. Jeder, der meinen Weihnachtsmannsack berührt, bekommt einen Weihnachtsmann-Detektor. Da du besonders gut riechen kannst, ist er bei dir in der Nase.
Nun Esantor, schlafe ein wenig. Wenn der Sturm sich gelegt hat, bringe ich dich wieder nach Hause.«
Und so geschah es dann auch. Der Weihnachtsmann spannte seine Rentiere vor den Schlitten und wir fuhren mit dem Wind bis zu meiner Mama. Endlich war ich wieder zu Hause. Ich versprach dem Weihnachtsmann, immer auf meine Mama zuhören und verabschiedete mich vom ihm. 
Seit dieser Zeit habe ich eine rote Nase.“

Rhoppalk und Räbgulk lauschten gespannt. Sie bemerkten nicht, dass der Eissturm nachgelassen hatte und Sonnenstrahlen durch die dicke Schneedecke glitzerte. Auf einmal sah die Welt wieder viel, viel freundlicher aus.

Autor: Hannelore Jost
Buch: Wunderschönhausen und seine wahre Geschichte
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