Hanns-Josef Ortheil Der Stift und das Papier

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Inhaltsangabe zu „Der Stift und das Papier“ von Hanns-Josef Ortheil

Seit dem achten Lebensjahr erhielt Hanns-Josef Ortheil von seinen Eltern Schreib- und Sprachunterricht. Sie hatten Angst, dass er Sprechen und Schreiben – nach Jahren des Stummseins – nicht mehr richtig lernen würde. Die »Schreibschule« der Eltern folgte keinen Lehrbüchern oder sonstigen Vorlagen. Sie entstand Tag für Tag spontan aus dem Bild- und Sprachmaterial, das die nahen Umgebungen anboten. Mit den Jahren übernahm der Junge selbst die Regie. Schon bald erschienen seine ersten Kindertexte dann auch in Zeitungen und Zeitschriften. Ein sehr ungewöhnlicher Autor war geboren: »Das Kind, das schreibt.«

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  • Das Leben durcheinander gewirbelt

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    serendipity3012

    serendipity3012

    Das Leben durcheinander gewirbelt Mia, Xenia und Lisa leben in Köln in einer WG. Sie sind eigentlich keine engen Freundinnen, verstehen sich aber gut. Mia hat im Rahmen ihres Studiums vor kurzem ein Austauschjahr in Venedig verbracht und vor ihrer Abreise Zettel mit ihrer Adresse verteilt, im Innern davon überzeugt, dass ihren Einladungen doch niemand folgen würde. Dennoch steht eines Tages Matteo vor ihrer Tür, ein junger Venezianer, den sie nur so flüchtig kennen gelernt hat, dass sie sich zunächst gar nicht an ihn erinnert. Matteo wird Gast in der Frauen-WG, und obwohl sie am Anfang nicht alle gleichermaßen begeistert davon sind (eigentlich hatten sie vereinbart, dass keine Männer in ihrer Wohnung übernachten sollen), geben sie ihren Widerstand bald auf, da der Fremde sie schnell in seinen Bann zieht.Xenia ist Geschäftsführerin eines Cafés gleich gegenüber der Wohnung, und Matteo hilft ihr zunächst bereitwillig bei den alltäglichen Arbeiten und überrascht sie bald mit neuen Ideen zum Angebot des Cafés. Lisa ist Buchhändlerin und lebt mehr in ihren Romanen als in der Wirklichkeit. Matteo ist ihr zunächst ein Dorn im Auge, sie misstraut ihm, doch auch sie ändert bald ihre Meinung, als sie ihn näher kennen lernt.Hanns-Josef Ortheil erzählt in seinem neuen Roman „Der Typ ist da“ von der Begegnung des jungen Matteo und der drei Frauen, deren Leben der Italien in kürzester Zeit durcheinander wirbelt und die er dazu bringt, ihre jeweilige Situation zu überdenken und zu hinterfragen. Er hat ein ruhiges Gemüt, kommt aus einer einfachen venezianischen Handwerksfamilie, hat die Stadt vor der Reise nach Köln nie verlassen. Vor kurzem hat er einen großen Verlust erlitten, der zu seiner Reise nach Köln beigetragen hat, wo er immer wieder den Dom besucht und in Auszügen zeichnet. Auf eine geheimnisvolle Weise scheinen Venedig und Köln für ihn in Verbindung zu stehen. Die Ruhe, die Matteo ausstrahlt, auch das In-sich-Ruhen, hat auf alle drei Frauen eine starke Wirkung. Er hat klare Ansichten, er weiß, was er will und woher er kommt und letztlich hingehört.Der Erzähler wechselt mit jedem Kapitel die Perspektiven und hält vor dem Leser wenig geheim: Man weiß stets mehr als die Protagonisten. Der Roman lebt weniger von den Geheimnissen seiner Figuren, als von der Person des Matteo und vom Gefühl, stets mit im Zimmer zu stehen oder sich draußen gemeinsam vor dem Kölner Dom zu befinden. Wie immer schreibt Ortheil sehr unaufgeregt und ruhig, gibt seiner Geschichte die Zeit, die sie braucht, um sich zu entfalten. Wenn seine Figuren dann aber etwas erkannt, etwas beschlossen haben, sind sie plötzlich sehr direkt zueinander, manchmal so unvermittelt, dass es überrascht.Von den drei Frauen wird Matteo oft in seiner Abwesenheit „der Typ“ genannt, eine etwas beliebig wirkende Bezeichnung, die man vielleicht sogar ein wenig abwertend verstehen könnte, was aber wohl nicht so gemeint ist. Dennoch irritiert das ständig sich wiederholende „Typ“ im Roman etwas, es scheint die Geschichte auf eine heiterere Ebene bringen zu wollen, was aber gar nicht nötig ist. Generell wirkt auch der Titel des Romans „Der Typ ist da“ auf mich etwas zu gewollt umgangssprachlich und flapsig, ja, eher hätte er mich von der Lektüre abgehalten, wenn nicht der Autor für mich ein Qualitätsgarant wäre.„Der Typ ist da“ erzählt davon, wie ein einzelner Mensch, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, im Leben von anderen etwas bewegen kann, wie er neue Denkanstöße geben und zu Veränderungen beitragen kann. Der Roman konzentriert sich sehr stark seine Hauptfiguren und die Geschehnisse zwischen ihnen, schaut wenig nach links und rechts, hat immer das Kleine im Fokus. Ortheils neuer Roman ist eine bewusst reduzierte Geschichte, die zwar unaufgeregt daherkommt, letztlich aber doch überzeugen kann.

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  • Schreiben als Passion, Sucht und zur Selbsthilfe

    Der Stift und das Papier
    RonjaEva

    RonjaEva

    04. March 2017 um 16:48

    Manchmal wird das Schreiben und damit auch das Autordasein aus der Not geboren. So ist es bei Hanns-Josef Ortheil im Extremen gewesen und so ist es bei den meisten in wenngleich abgeschwächter Form. Auch für mich ist Schreiben stets ein sicherer Rahmen, ein Rückzugsort gewesen, wo ich aus der großen, weiten Welt Sinn für mich im kleinen Stil machen konnte. Hanns-Josef Ortheil ist „das Kind, das schreibt“. Während er die ersten Jahre seines Lebens stumm gewesen ist. Genau wie seine Mutter, der es nach dem Verlust dreier Kinder die Sprache für lange Jahre verschlagen hatte, spricht Hanns-Josef als junges Kind nicht. Kurz bevor er eingeschult werden soll, beginnt zunächst sein Vater ein Projekt, das später auch die Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits wieder spricht, wenn auch nur wenig, auf ihre Weise unterstützen wird: Eine Schreibschule der besonderen Art: Ohne universitäre Anleitung oder Vorbildung nach gewissen Normen oder sonstwas lehrt der Vater dem Jungen die Welt der Worte. Wohlgemerkt der Worte und nicht der Buchstaben! Denn das Erlernen einzelner Buchstaben macht für den Jungen einfach keinen Sinn, aber Worte, die haben Sinn und Bedeutung. Tja und genau darum geht es in „Der Stift und das Papier“. Um die Geschichte, wie der Junge, der einst nicht gesprochen hat, nun über das geschriebene Wort auch das gesprochene entdeckt. „Roman einer Passion“ lautet der Untertitel, doch ist das hier ein Roman? Und wenn ja, was für einer? Ist es nicht eine Autobiografie bis zum jungen Erwachsenenalter? Ein autobiografischer Roman? Ein Künstlerroman über den späteren Autor? Ein Entwicklungs- oder Bildungsroman, der uns die Entwicklung vom „Kind, das schreibt“ zum Autor nachvollziehen lässt? Irgendwie alles ein bisschen. Anleitung zum Schreiben Daneben ist das Buch aber noch mehr und geht über die Geschichte von einem Jungen, Hanns-Josef Ortheil (den man wirklich mit Doppel-N schreibt), hinaus und lässt auch uns Leser an der zunächst nur väterlichen Schreibschule, später elterlichen Schreibschule, teilhaben. Somit ist „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ auch ein Handbuch, ein Leitfaden und ein Wegweiser für Schreibinteressierte und Schreibwütige. Wer das Buch überall mit hinnimmt, weil es eins der Lieblingsbücher geworden ist (ja!), mag es auch als Vademecum bezeichnen. Der Vater im Buch (großer Hemingway-Fan, Geodät, Logiker mit genauen Vorstellungen von allem und der Welt, mit striktem moralischen Kompass sowie einer gehörigen Prise Begeisterungsfähigkeit) erinnert mich gleich zu Beginn, als ich all das in Klammern Geschrieben (bis auf Geodät) noch nicht weiß, ein bisschen an meinen eigenen Vater. Der ist Ingenieur gewesen (jetzt im wohl verdienten Ruhestand), wollte aber eigentlich mal Karikaturist oder Pilot werden. Ein kreativer Logiker vielleicht? Oder ein logisch veranlagter Kreativer? Wie auch immer. Entzündet wurde die Erinnerung oder der Vergleich mit dieser fabelhaften Textstelle: Papa streicht mit der Hand über das milchige, dünne Papier. Er prüft, ob es auch wirklich fest und straff sitzt. Ich sitze neben ihm und streiche jetzt auch über das merkwürdige, fremde Papier. Es bedeckt den Tisch wie eine Haut. […] Jedenfalls fühlt sich dieses Papier sehr gut an, und es sieht auch nicht so abweisend und streng aus wie normales weißes Papier. Gemeint ist Pauspapier, das der Vater für die Arbeit benötigt. Ich habe seit jeher eine besondere Vorliebe für kariertes Papier zum Schreiben und Millimeterpapier, weil das bei uns immer vorhanden war. Daneben hat mein Vater manchmal großflächiges Papier, das als Schreibtischunterlage diente, mit nach Hause gebracht. Da konnte man sich ganz anders entfalten als auf liniertem Papier (das hasse ich) oder „normalem weißen Papier“. Es dauert eine Weile, bis ich alle Stifte gut gespitzt habe. Sie liegen jetzt dicht nebeneinander, wie eine Mannschaft, die zu einem Spiel antreten soll. Papa nimmt einen Stift nach dem andern in die rechte Hand und zieht mit jedem eine gerade Linie. Die Linien verlaufen genau untereinander und sind etwa gleich lang. Dann legt er die Stifte wieder hin und lässt mich ebenfalls lauter Linien untereinanderziehen. Plötzlich bemerke ich, dass die Stifte nicht gleich, sondern sehr verschieden sind. Einige sind hart und kratzen über das Papier, andere sind aber zu weich und dick, so dass keine dünnen, feinen, sondern breite und verschmierte Linien entstehen. Papa zeigt mir, dass auf jedem Stift einige Buchstaben und Zahlen stehen: HB, 2B, 3B … Dann zieht er noch einmal mit jedem Stift eine Linie und schreibt die Buchstaben und Zahlen, die zu dem Stift gehören, neben die Linie. Er sagt, ich solle so wie er noch einmal alle Stifte benutzen und Linien ziehen, aber ganz vorsichtig, „hauchdünn“. Als er „hauchdünn“ sagt, zieht er die Schultern etwas hoch. Und ja, Ihr habt es erraten. Ich liebe es mit Bleistift zu schreiben. Bis vor der Lektüre hätte ich auch nicht den Finger darauf legen können, warum. Aber es ist genau die besondere Haptik vom Bleistift auf Papier. Das Geräusch, das leichte Absplittern von Graphit, wenn man etwas stärker aufdrückt, das Durchdrücken/die Spuren, die dabei auf der Rückseite des Papiers entstehen und der ganz eigentümliche Geruch von Bleistift. Und ja, zugegeben, auch der Geschmack … Ich bin ein Bleistiftkauer, wenn ich nachdenke. So sieht man mich nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Korrigieren (hier Bachelorarbeit) stets mit Bleistift. Daneben mag ich Füllfederhalter. Die altmodischen. Die ohne Patronen. Also die, welche aus dem Fass direkt mit Tinte befüllt werden. Die auf Englisch so liebevoll „fountain pen“ genannt werden – wörtlich: Springbrunnenstift. Hat doch was? (Die einem beim Schreiben so schön die Hände einsauen.) Meine Mutter ging das Schreiben, Zeichnen und andere verwandte Gestaltungsformen stets etwas chaotischer an als mein Vater. Sie hat mich, daran erinnere ich mich gut, noch vor dem Einschulalter regelmäßig mit Schreib- und Malmaterial aller Art versorgt. Der riesige Wohnzimmertisch, der eigentlich Esstisch war, wurde zum kreativen Refugium. Hier hat sie buntes Tonpapier, Kleber, Wachsmalkreiden und was nicht alles verteilt und dann hieß es: „Nun mach mal“. Ich hatte völlig freie Hand und konnte kritzeln, malen, kleben, zusammenfügen, was ich wollte. Dabei konnte ich die unterschiedlichen Eigenschaften von Papier und Stiften genau erkunden und erproben, so dass ich eigene Lieblinge entwickeln konnte. Filzstifte finde ich zum Beispiel doof, aber Tuschefarben und Buntstifte sind was Feines. Der feste Tonkarton erlaubt auch das Schreiben und Malen mit harten Stiften, ohne dass er reißt. Kombiniert man Komplementärfarben oder mischt Farben, entstehen tolle Kontraste oder interessante Farbspiele. In Zeiten wie diesen, in denen immer mehr ABC-Schützen das Handschreiben schon gar nicht mehr beigebracht wird oder eine lapidare handgeschriebene Druckschrift anerzogen wird, sind gutes Schreibwerkzeug und ein Freiraum (meist zuhause) für kreatives Gestalten und vor allem Erkunden sowie Entdecken nach individuellen Vorstellungen besonders wichtig. Also danke, Mutti. Jeder sollte ab und an mal Stifte in die Hand nehmen, nur um festzustellen, wie der Kopf dabei ganz anders „synapsiert“. Genau dieses Tempo der Schrift mit Hilfe der Maschine irritiert mich. Ich nehme mir deshalb vor, niemals mit zehn Fingern, sondern immer nur mit den beiden Zeigefingern zu schreiben. Dann eilt das Tippen meinem Denken nicht davon, sondern begleitet es. (Bis heute habe ich mich an diese Art des Tippens gehalten, selbst an einem Laptop tippe ich mit zwei Fingern, was unter lauter gut erzogenen Zehnfinger-Tippern, zum Beispiel in ICE-Zügen, einen skurrilen, altmodischen Eindruck macht.) Egal! Denn: Versuche ich nämlich, einen eigenen, gerade entstehenden Text zu tippen, so lenkt mich das Tippen jedes Mal ab. […] Ist der Text auf diese Weise getippt, scheinen die Hämmerchen mir zuzurufen: „Na und? Wie geht es weiter? Auf, los, mach doch!“ Tatsächlich haben Schreibmaschinen im Besonderen sowie auch Laptops in abgeschwächter Weise einen eigenen Schreibkopf, wie mir scheint. Das gilt aber auch für andere Medien: Eine Postkarte ist viel besser als ein Telefongespräch. Ein solches Gespräch dauert höchstens ein paar Minuten und geht rasch vorüber. Da man sich während des Gesprächs beeilen muss, gerät man in Panik und redet lauter Unsortiertes. Man stammelt, wiederholt sich und spricht, wenn man steckenbleibt, über das Wetter. Für mich ist das Schreiben (im Gegensatz zum Texten – ich unterscheide da strikt, wie zwischen Schriftsteller und Autor oder Texter und Autor) keine Pflicht, sondern Genuss, meist sogar Sucht. Nein, das Schreiben ist keine „Arbeit“, sondern eine Abwechslung, schließlich kann ich ja nicht laufend gehen, stehen, essen, trinken, weitergehen, stehen, sehen, essen, trinken, laufen, schnaufen … Das wäre furchtbar langweilig und eintönig. Erst das Schreiben bringt in das Leben die nötige Abwechslung, viele Gedanken und auch reichlich Freude. Kein Wunder also, dass für Hanns-Josef Ortheil sowie für mich das Schreiben ein Muss ist und mehr noch: ein Wollen. Jetzt, am Ende dieses langen Textes, weiß ich, warum das Schreiben zu meinem einzigen, wie für mich geschaffenen Metier geworden ist: Es versetzt mich in meine stumme Kindheit zurück, und es macht aus mir „das Kind, das schreibt“. Schreiben ist für mich ein durch und durch kindlicher Akt, der aus dem stummen Dunkel in eine lebendige, helle Gegenwart führt. Höre ich damit auf, erlischt diese Empfindung sofort. So dass ich – möglichst bald und möglichst ohne längere Unterbrechung – wieder mit dem Schreiben beginnen muss. Zusammenfassung „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion“ von Hanns-Josef Ortheil, Buch über das Schreiben und vom Autorsein und -werden, gebundenes Buch mit Schutzumschlag, empf. VK-Preis: € 21,99 [D], € 22,70 [A], CHF 29,90, erschienen am 9.11.2015 , ISBN: 978-3-630-87478-4

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  • Unbedingt lesen!

    Der Stift und das Papier
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    16. September 2016 um 21:04

    Das Buchfordert geradezu auf, selbst Stift und Papier in die Hand zu nehmen und auf Entdeckungsreise zu gehen. Eine Reise bei der man die Begeisterung für das Schreiben (wieder) entdecken kann. Das Buch ist kein Schreibratgeber, der Tipps an die Hand gibt, wie man sein Schreiben verbessert. Mich hat das Buch viel mehr dazu angeregt, meine Umwelt wieder bewusster wahrzunehmen, die Menschen, Orte, Gerüche und Gefühle. Es ist in Ordnung auch einfach nur mal zu schreiben, weil einem gerade danach ist und nicht jedes Wort zu hinterfragen oder am Ende einen perfekten Text zu haben. Eine Geschichte muss nicht immer mit viel "Action" und Konflikten beladen sein, um ein gutes Buch zu werden. Hanns-Josef Ortheil hat es mit seinen Worten geschafft mich so sehr in den Bann zu ziehen, dass ich mehr als einmal meine Umwelt vergessen habe und völlig in seine Erzählungen eingetaucht bin.  Jeder der schreiben will, sollte das Buch lesen! "Wenn man sich im Schreiben übt, ist das Schreiben nicht anstrengend, sondern eine Freude."

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  • Der Weg eines 'stummen' Kindes aus der Sprach- und Wortlosigkeit

    Der Stift und das Papier
    Federfee

    Federfee

    31. August 2016 um 13:08

    Ein faszinierendes Buch über die sprachliche Entwicklung eines 'stummen' Kindes, zugleich eine Anregung, wie man sich die Welt mit Hilfe eines Tagebuchs erschließtMan muss wissen, dass der kleine Junge in diesem Buch Hanns-Josef Ortheil selber ist, ein Kind, das jahrelang stumm war, weil die Mutter nicht mit ihm sprach, so dass er den Zusammenhang zwischen Laut und Ding nicht begriffen hatte. Was im ersten Moment ungeheuerlich erscheint, wird verständlich, wenn man weiß, dass der Mutter vier Söhne gestorben waren!!!Als das Kind in die Schule kam, wurden die Schwierigkeiten so groß, dass der Vater etwas unternehmen musste. Er dachte sich eine ganz eigene Methode aus: ließ den Jungen zuerst das Papier sinnlich erfassen, Linien zeichnen, Bildchen aus dem Duden abmalen, Wörter dazu schreiben. Sie machten Ausflüge, um die Bedeutung der Dinge mit dem Lautbild zu verknüpfen. Das alles wurde zu Hause aufgeschrieben, erst nur Wörter, später ganze Sätze. Das Schreiben wurde zur Methode, die Welt und die Sprache in ihrem Zusammenhang zu begreifen.Alle Aufzeichnungen wurden sorgfältig verwahrt und in regelmäßigen Abständen wieder angesehen. Der Vater dachte sich immer wieder Neues aus, z.B. einige Sätze der Woche untereinander schreiben als eine Art Gedicht.Diese intensive Sicht auf die Welt erinnert mich an die Wirkungen, die das Bloggen oder Fotografieren hat."Ich schrieb mein Leben auf, ich wurde aufmerksam auf jede Kleinigkeit, ja, ich hatte manchmal sogar das Gefühl, doppelt zu leben (im 'richtigen' Leben und im 'aufgeschriebenen' Leben)."Es sind Miniaturen, Alltagsdinge, wie Datum und Wetter, welche Farbe der Himmel hat, Ausschnitte aus der Tageszeitung, Ortheils Kommentare dazu. Als die Mutter kocht, schreibt er z.B.:"Die glitschigen Pfifferlinge abwaschen. Ihre dürren Leiber trocknen und wie Wäsche zum Trocknen auf ein Küchentuch legen. Sie mit dem Tuch betupfen, bis sie um Hilfe schreien. Sie erlösen, indem man sie in heiße Butter wirft."Im Alter von acht hat Ortheil mit diesen Tagesseiten begonnen. Er schreibt sie immer noch und hat inzwischen über tausend Notizbücher archiviert, eine Chronik seines Lebens."Jede Seite sammelte unverwechselbare und einzigartige Momente, und dadurch wurde auch jeder Tag zu einem unverwechselbaren und einzigartigen Erlebnis. Mochte ich auch häufig nur banale und oder auf den ersten Blick nicht weiter erwähnenswerte Dinge notiert haben, so erscheinen diese Notizen aus dem Rückblick doch wie interessante und seltene Besonderheiten mit einem starken Zeitkolorit."Die hier beschriebene Methode des Vaters hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass aus dem einstmals stummen Kind ein Professor für Literatur und kreatives Schreiben und ein Autor vieler Romane und Sachbücher wurde.

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  • Ein Muss für jeden, der sich für Schreiben und den Umgang mit Sprache interessiert!

    Der Stift und das Papier
    Popsicle

    Popsicle

    01. April 2016 um 14:49

    Hanns-Josef Ortheil erzählt in einer Reihe von mehreren Büchern von seinem außergewöhnlichen Leben. "Der Stift und das Papier" ist eines dieser Bücher, die man - nebenbei gesagt - alle unabhängig voneinander lesen kann, denn sie sind eigentlich keine echte Reihe. In "Der Stift und das Papier" erzählt Ortheil von seinem Weg zum Schreiben und wie er die Sprache für sich entdeckt hat. Damit man das nun für außergewöhnlich und lesenswert hält, muss man wissen, dass er in als Kind lange Jahre kein Wort gesprochen hat. Damit tat er es seiner Mutter gleich, die ebenfalls lange in völliger Stille lebte. Er erzählt von dem Haus der Familie im Westerwald, wo sein Vater mit ihm gemeinsam eine Schreibwerkstatt aufbaute. Anfangs begannen sie nur damit einzelne Worte aufzuschreiben, denn dem jungen Hanns-Josef Ortheil erschlossen sich schon die einfachsten Bezeichnungen für alltägliche Gegenstände, die wir völlig selbstverständlich benutzen, überhaupt nicht. Er lernte also die Bedeutung von Worten und lernte auch diese Worte Gegenständen, Menschen, Tieren, usw. zuzuordnen. Dafür pauste er die entsprechenden Bilder aus einem Buch ab. Später schrieben die beiden dann Tagesberichte und irgendwann begannen sie Dialoge zu sammeln. Wann immer Hanns-Josef Ortheil mit seiner Mutter in das Dorf zum einkaufen fuhr, versuchte er sich alle Dialoge zu merkten, die er so hörte. Erst später unterschied er zwischen wichtigen und unwichtigen Dialogen und typisierte Dialoge auch. So sammeln er und sein Vater eine beachtliche Menge von Papierstapeln, fein säuberlich sortiert und archiviert in dem kleinen Haus im Garten ihres Hauses im Westerwald. Seine Mutter kann alldem zu diesem Zeitpunkt nichts abgewinnen und versucht ihn immer wieder zum Spielen im Wald zu bewegen. Doch der Junge will schreiben. Er hat schnell festgestellt, dass verschiedene Stifte für verschiedene Arten von Aufzeichnungen taugen und sich je nach Papier anders verhalten. Irgendwann hat er einen Lieblingsbleistift. Als die Familie nach den Ferien zurück in ihrer Stadtwohnung in Köln ist, ist es für Hanns-Josef Ortheil erst einmal eine schwierige Zeit, denn dort eine Schreibwerkstatt einzurichten, ist gar nicht so einfach wie sein Vater und er sich das vorgestellt hatten. Zu schreiben wo er auch seine Hausaufgaben machte (in der Küche) oder gar an dem chaotischen Schreibtisch seiner Eltern (im Büro), war für ihn undenkbar und bereitete ihm Kopfschmerzen. Es fühlte sich für mich beinahe so an, als müssten die Worte unbedingt heraus aus seinem Kopf. Als wäre er erst vollständig, wenn er sie vor sich auf Papier sah. Irgendwann meistern sie auch dieses Problem und Hanns-Josef Ortheil hat auch in Köln ein Archiv mit immer neuen Themengebieten. Sogar seine Mutter begeistert sich für die Schreibschule und bald ist es eine volle Familienangenheit. Und man selbst ist mitten drin, ganz nah dabei. Dass Hanns-Josef Ortheil eine Koryphäe seines Fachs ist, steht außer Frage und muss hier nicht weiter erwähnt werden. Wie er allerdings seinen Bezug zur Sprache, zum Schreiben und zur Literatur fand ist wirklich eindrucksvoll und es ist eine Bereicherung, dass er das zu Papier gebracht hat. Schreiben und Sprechen bekommen dank Ortheil eine ganz neue Bedeutung. Und nachdem man mit ihm so viel über Sprache und den Umgang mit ihr gelernt hat, fragt man sich auf einmal Dinge, die man nie glaubte wisse zu wollen. Hat er diesen Roman ganz neuzeitlich am Computer geschrieben? Angenommen er hätte (zumindest das Manuskript) per Hand verfasst: Welches Papier hätte er gewählt, welchen Stift? Hat er heute noch einen Lieblingsstift? (Habe ich so etwas?) Besitzt er sein Archiv noch? Vielleicht bekomme ich irgendwann mal die Möglichkeit diesem faszinierenden Mann solche Fragen zu stellen. Ich würde es mir wünschen.

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