Hans Durrer schickt uns mit „Herolds Rache“ in einen Wirtschaftskrimi, der bewusst gegen die Genre-Erwartungen bürstet. Herold ist auf Jobsuche und verzweifelt daran, wie sehr ihn Personalabteilungen zur bloßen Nummer degradieren. Aus dieser tiefen Kränkung wächst kein Nervenzusammenbruch, sondern ein kalter Plan. Herold entscheidet sich dagegen, sich kleinlich an den einzelnen Verantwortlichen zu rächen, und richtet sich stattdessen gegen das ganze System, das ihn unsichtbar gemacht hat. Seine Ziele: reiche Banker in den bekannten Steueroasen. Zürich, Grand Cayman, Panama, Luxemburg. Die Presse spekuliert, die Polizei ermittelt, und niemand hat den unauffälligen Mann auf dem Schirm, der abends in seiner kleinen Wohnung weiterhin Bewerbungen verschickt.
Was mich fasziniert und gleichzeitig irritiert hat, ist der Erzählstil. Hans Durrer schreibt kühl, sachlich, fast journalistisch. Er verzichtet auf dramatische Cliffhanger und darauf, uns mit auf die eigentlichen Tathergänge zu nehmen. Wir erfahren von den Morden meistens erst nachträglich, wie in einer Nachrichtenmeldung. Man merkt seinem Ton den Essayisten und Journalisten deutlich an. Für Leser:innen mit Lust auf literarisch ambitionierte Kriminalliteratur ist das erfrischend. Wer aber einen klassischen Pageturner erwartet, wird sich an dieser Distanz reiben.
Das Ausgangsmotiv trifft dagegen mitten ins Jetzt. Wer je in Bewerbungsprozessen als reine To-do-Aufgabe behandelt wurde, versteht Herolds Frustration sofort. Hans Durrer dämonisiert seine Figur nicht, sondern legt ihre Verzweiflung so nachvollziehbar an, dass wir zwar entsetzt zusehen, wohin sie kippt, aber trotzdem den kritischen Blick auf die Bewerbungswelt mitdenken. Auch die Wahl der Opfer ist klug. Statt einer persönlichen Abrechnung wird das Buch zur leisen Systemkritik an Steueroasen und globaler Finanzelite, ohne dabei Herolds Taten je zu verherrlichen. Diese moralische Offenheit gehört für mich zu den Stärken des Buches.
Meine Kritik betrifft vor allem die Vermarktung als Thriller. Die Ermittlungsebene bleibt unterentwickelt, Spannung im Sinne von Adrenalin und Mitfiebern kommt kaum auf, und auch Herold selbst bleibt psychologisch flach. Wir bekommen wenig Zugang zu seinem Inneren, verstehen selten wirklich, wie er sich in einen Mörder verwandelt. Das ist eine bewusste Entscheidung, aber es kostet den Roman emotionale Wucht.
Wer also einen klassischen Fitzek-artigen Pageturner sucht, greift lieber woanders zu. Wer sich dagegen für intellektuelle Nischenkrimis mit Wirtschafts- und Systemkritik begeistert, kleine unabhängige Verlage schätzt und einen ruhigen, gedanklichen Zugang zum Genre mag, findet in „Herolds Rache“ eine ungewöhnliche Entdeckung. Ein Buch für Leser:innen, die zwischen den Zeilen mehr suchen als reinen Nervenkitzel.











