Hans Joachim Schädlich

 3.6 Sterne bei 74 Bewertungen
Autor von Der Sprachabschneider, Kokoschkins Reise und weiteren Büchern.
Autorenbild von Hans Joachim Schädlich (©)

Lebenslauf von Hans Joachim Schädlich

Regimekritiker und DDR-Bürgerrechtler: Geboren am 08.10.1935 in Reichenbach (Vogtland), studiert Hans Joachim Schädlich Germanistik in Berlin und Leipzig und promoviert mit einer Arbeit über "Die Phonologie des Ostvogtländischen" (1966). Von 1959 bis 1976 ist er an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften tätig, anschließend als freier Übersetzer. In der DDR nicht veröffentlicht und als Unterzeichner der Biermann-Resolution attackiert, kann Schädlich im Dezember 1976 ausreisen. Schädlich hat bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderem 1988 den Literaturpreis für Kurzprosa, den Thomas-Dehler-Preis im Jahr 1989 und 1992 die Johannes-Bobrowski-Medaille Berlin sowie der Heinrich-Böll-Preis Köln. 2014 kommt außerdem das Bundesverdienstkreuz hinzu. 1988 hat er die Brüder-Grimm-Gastprofessur an der GHS Kassel inne. Er ist Mitglied der Dt. Akademie für Sprache und Dichtkunst. Der Band "Versuchte Nähe" versammelt 25 Geschichten aus dem «mittleren Land», die zwischen 1969 und 1977 entstanden sind. In diesen Prosaskizzen entschlüsselt Schädlich das Alltagsleben in der DDR - die Rituale der Macht wie den Stil der offiziellen Berichterstattung, den Opportunismus der Kleinbürger wie die Frustrationen der Jugendlichen. Schädlich hat die Entfremdung als Folge von Sachzwängen der modernen Industriegesellschaft in der DDR und dann auch in der Bundesrepublik schmerzlich erfahren. In "Der Sprachabschneider"' lässt er die Sprache als humansten Lebensausdruck selbst zum Gegenstand einer Geschichte für Kinder und Erwachsenen werden. "Tallhover" reflektiert die Geschichte der politischen Polizei in Deutschland von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts und endet mit einer bizarren Pointe: Der Protagonist wirft sich schließlich selbst vor, nicht intensiv genug an der Vervollkommnung polizeilicher Überwachungsmaßnahmen gearbeitet zu haben, und verurteilt sich selbst zum Tode. Für "Kokoschkins Reise" erhält er 2010 die Corinne für den Bereich "Belletristik".

Neue Bücher

Die Villa

 (4)
Neu erschienen am 10.03.2020 als Hardcover bei Rowohlt.

Alle Bücher von Hans Joachim Schädlich

Sortieren:
Buchformat:
Cover des Buches Der Sprachabschneider9783499206856

Der Sprachabschneider

 (23)
Erschienen am 03.05.1993
Cover des Buches Kokoschkins Reise9783499268779

Kokoschkins Reise

 (15)
Erschienen am 25.09.2015
Cover des Buches «Sire, ich eile ...»9783499268786

«Sire, ich eile ...»

 (12)
Erschienen am 25.09.2015
Cover des Buches Die Villa9783498065553

Die Villa

 (4)
Erschienen am 10.03.2020
Cover des Buches Tallhover9783499268731

Tallhover

 (4)
Erschienen am 27.03.2015
Cover des Buches Narrenleben9783499004841

Narrenleben

 (5)
Erscheint am 23.03.2021
Cover des Buches Vorbei9783644012912

Vorbei

 (3)
Erschienen am 01.08.2011
Cover des Buches Felix und Felka9783499271281

Felix und Felka

 (2)
Erschienen am 17.09.2019

Neue Rezensionen zu Hans Joachim Schädlich

Neu

Rezension zu "Die Villa" von Hans Joachim Schädlich

Für mich ist "Die Villa" ein ganz besonderes Buch
jaylinnvor einem Monat

Allgemeines:

Hans Joachim Schädlich siedelte 1977 von der DDR in die Bundesrepublik über. In der DDR war er ein bekannter, aber für das Regime unbequemer Schriftsteller, da er die politischen Verhältnisse in seinen Büchern kritisierte.

Er erhielt für sein Werk unter anderem den Bremer Literaturpreis und für sein politisches Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Die Villa ist im Rowohlt Verlag am 10. März 2020 in gebundener Form erschienen und umfasst 192 Seiten.

Inhalt:

„Eine Gründerzeitvilla wie aus dem Bilderbuch: schmiedeeisernes Tor, zu seiten der Auffahrt ein großer Springbrunnen, der Eingang flankiert von hohen Kandelabern, Rhododendron und Rosen im verwunschenen Park, zweigeschossige Treppenhalle, Salon, Herren- und Speisezimmer, Stuck, Bleiglasfenster, Zimmerfluchten unten wie oben, Parkett oder gefliest. Bewohnt wird die Villa, die in der vogtländischen Kleinstadt Reichenbach steht, seit 1940 von Hans und Elisabeth Kramer, ihren vier Kindern und dem Personal. Doch die sorglose Zeit währt nicht lange. Der Vater – Wollkaufmann und überzeugter Nationalsozialist – kann angesichts der Verbrechen des Naziregimes an seinem Glauben nicht festhalten. Nach seinem frühen Tod wird die Familie von den Schrecken des Krieges eingeholt.

In seinem Buch „Die Villa“ hat sich Hans Joachim Schädlich den Jahren zwischen 1931 und 1950 zugewandt, der Zeit vom Ende der Weimarer Republik bis zu den Anfängen der DDR. In virtuoser Verdichtung erschafft er ein Psychogramm des vermeintlich harmlosen Durchschnittsmenschen, wie es aktueller nicht sein kann, und er führt vor Augen, wie eine Familie im Widerstreit von Wahn und Gewissen die Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt. Getreu seiner Maxime, dass das Entscheidende einer Erzählung die Leerstellen sind, lässt er Raum für eindrucksvolle Bilder, Stimmungen und auf historischen Fakten fußende Imagination. (…)“ (Quelle: Rowohlt Verlagsseite)

Meine Meinung:

Hans Joachim Schädlich war mir bisher nur durch sein Buch Der Sprachabschneider bekannt. Ein Buch, das im Deutschunterricht sehr beliebt ist. Mir war bislang nicht bewusst, dass Schädlich ein sehr geschätzter Schriftsteller ist.

Mit Die Villa legt er ein politisches und zeitgeschichtliches Buch vor, das sich mit den 1930er bis 1950er Jahren beschäftigt. Am Beispiel der Familie Kramer entwickelt Schädlich seine Handlung. Im Prolog stellt schädlich eine alte Gründerzeitvilla vor. Diese Vorstellung zieht sich über zweieinhalb Seiten. Das Faszinierende daran ist, dass man beim Lesen eine genaue Vorstellung von dieser Villa erhält, obwohl schädlich kaum Adjektive verwendet und ganz nüchtern schreibt. Das ist für mich sehr erstaunlich, denn lernt man nicht schon in der Schule, dass Adjektive zu jeder guten Beschreibung gehören? Schädlich führt diesen Anspruch ad absurdum. Großartig gemacht! Das gilt auch für den Rest des Buches: nüchterne Sprache, die starke Emotionen hervorruft. Das schaffen nicht viele Schriftsteller.

Man muss sehr aufmerksam lesen, die weiteren Kapitel sind stark verdichtet, es gibt viele Personen und viele Namen, die man sich merken muss. Man wird durch die Familien Kramer und Ruttig geführt und erfährt eine Menge über ihre politischen Einstellungen, über ihre soziale Umgebung, ihre Berufe, ihre Wünsche und Hoffnungen. Schädlich umreißt die Zeit des aufkommenden Nationalsozialismusˋ und scheut sich nicht, den Finger in die Wunde zu legen. Er widmet sich der politischen Gesinnung der NSDAP, der Frage werten und unwerten Lebens, den Überlegungen, eine Heirat einzugehen oder eben nicht, wenn der Bruder der Braut so gar nicht dem nationalsozialistischen Ideal entspricht, nur, weil er ein wenig sonderbar ist.

Man merkt schnell, wer eine eigene Haltung bewahren kann, wer zum Mitläufer wird und wer aktiver Nationalsozialist sein möchte. Die Rolle der Frau wird mehr oder weniger direkt angesprochen: Mädchen müssen nicht studieren, sie sollen lieber brav zu Hause sitzen und den Haushalt führen. Auch das ein nationalsozialistisches ideal, das – neben dem möglichst zahlreichen Kindersegen – eine wichtige Rolle spielte.

Dieses Buch ist wirklich nicht dick, aber es enthält dennoch eine Fülle an Informationen. Vieles wird nur angerissen, bleibt aber gerade deshalb eindrücklich hängen. Man lernt bei Schädlich, zwischen den Zeilen zu lesen.

Dieses Buch hat nicht „den einen Protagonisten“, sondern eigentlich ganz viele. Jedes Familienmitglied hat seine ganz eigene Rolle, jeder ist wichtig. Alle Familienmitglieder, alle Orte und alle Ereignisse sind unbedingt notwendig, um die erzählte Geschichte wirklich zu verstehen.

Schädlich führt den Leser durch den Zweiten Weltkrieg, die Besatzungszeit, aber auch durch das Nachkriegsdeutschland, so dass man einen eindrucksvollen Überblick bekommt. Dabei steht immer das Alltagsleben im Mittelpunkt, das so ganz nebenbei die politische Situation einbezieht.

Fazit:

Wenn man dieses Buch wirklich genießen will, sollte man über die Zeit des Nationalsozialismusˋ Bescheid wissen.

Denn das Buch fordert genaues Lesen und ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, sonst verliert man ganz schnell den Überblick.

Für mich ist Die Villa ein ganz besonderes Buch.

Kommentare: 1
1
Teilen

Rezension zu "Die Villa" von Hans Joachim Schädlich

Das Vogtland ist und bleibt ein großes Dorf
FreydisNeheleniaRainersdottirvor 2 Monaten

Neulich wurde in der Gruppe "Bücherkabinett" auf Facebook das neue Buch von Hans Joachim Schädlich vorgestellt, "Die Villa". In der Buchbeschreibung stand, dass es sich um eine Villa im vogtländischen Reichenbach handelt, eine Stadt, die ca. eine halbe Stunde von meinem Heimatort Plauen entfernt liegt. Der Autor ist sogar ein gebürtiger Reichenbacher, somit Vogtländer wie meine Wenigkeit und so stand ja wohl außer Frage, dass ich das Buch unbedingt lesen musste.

Hierbei handelt es sich um die Geschichte einer Familie, teils aus Unterheinsdorf bei Reichenbach stammend, teils aus Schöneck im Oberen Vogtland, ein Psychogramm vermeintlich harmloser Durchschnittsmenschen in den Jahren 1931 bis 1950. Der Familienvater NSDAP - Mitglied, der zu seinem Lebensende das realistische Resümee zieht, Verbrechern gedient zu haben, die Mutter, von Anfang an ein ein skeptisch gegenüber den braunen Machthabern.  Die Kinder können und wollen sich nicht so richtig in die Strukturen des Regimes einbringen und nachdem der jüngste Sohn mit ansehen muss, wie sein Lehrer einen geistig behinderten Mitschüler quält, wünscht er dem Pädagogen gar, von einer Bombe der Alliierten getroffen zu werden. Zu Ende des Krieges geht es darum, den Kindern in der schweren, entbehrungsreichen Zeit genügend Essen und den Fortlauf der Bildung zu ermöglichen. Es könnte genauso gut die Geschichte unserer (Ur-)Großeltern under netten Omi/Opi von nebenan sein, eine Geschichte, die außer Mitte der Gesellschaft gegriffen ist.

Kommentieren0
0
Teilen

Rezension zu "Felix und Felka" von Hans Joachim Schädlich

Wie eine Graphic Novel – ohne Bilder
junipervor einem Jahr

Viel zu schnell durchgelesen ist dieses sowieso schon schmale Buch aus dem Rowohlt-Verlag: „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich. Auf gerade einmal 200, teils nur halb bedruckten Seiten spürt der Autor den letzten Lebensjahren des aus Osnabrück stammenden jüdischen Malers Felix Nussbaum und seiner Freundin, später Frau, Felka Platek, nach. Beide Maler verlassen Deutschland schon früh, zunächst für ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom, das Felix Nussbaum 1932 erhielt, anschließend reisen sie weiter durch Italien, dann nach Frankreich und Belgien. Nach Deutschland, wissen beide, können sie nicht wieder zurück und sie leben in ständiger Angst um die Familien, die aus der Heimat nicht fliehen wollen oder können: Felix‘ Eltern in Deutschland, Felkas Eltern in Polen. Ihre Reise durch Europa ist begleitet von einem steten Gefühl der Heimatlosigkeit, der zunehmenden Mittellosigkeit und der fehlenden Perspektive, sowohl für das eigene Leben, als auch für das künstlerische Schaffen. Mit Auftragsarbeiten für Porzellanmalerei halten sie sich über Wasser, unterstützt von Freunden, die ihnen Obdach gewähren und ihre Kunst fördern, fühlen sich aber stets wie Getriebene, ruhelos und oft gereizt.

Schädlich erzählt die Geschichte von Felka Platek und Felix Nussbaum rigoros verknappt, reiht Hauptsatz an Hauptsatz, als handele es sich um ein Drehbuch mit Handlungsanweisungen, knappen Szenenbeschreibungen und kurzen Dialogen. Anfangs gewöhnungsbedürftig, ist diese verknappte Sprache eine große Stärke dieses Buchs: Die Beklemmung eines Lebens auf der Flucht vor dem Nazi-Regime bekommt gerade durch die Schnörkellosigkeit der Sprache eine erschreckende Unmittelbarkeit. Alles wird sehr komprimiert erzählt und auch künstlicher Spannungsaufbau wird vermieden, was dem beklommenen Gebanntsein beim Lesen allerdings keinen Abbruch tut. Es bedarf oft auch nicht vieler Worte, um die klaffenden Löcher zu beschreiben, die der Zweite Weltkrieg in die deutsche und die europäische Kultur und Gesellschaft gerissen hat.

Eine zusätzliche Stärke des Textes sind die in die Rahmenhandlung eingestreuten Originalzitate, unter anderem von Zeitzeugen und aus Briefen von Felix Nussbaum an Freunde und Förderer. Diese machen die Verzweiflung der Lage deutlich:

Gewiss, ich verstehe wohl, was Sie meinen, aber glauben Sie ja nicht, dass Fremde Heimat ist. Ob hier oder dort – ohne Echo zu schaffen ist bedrückend. Man steht zwischen unendlich vielen Bergwänden und ruft und schreit, und kein Echo klingt zurück. Bedrückend auch sind die vielen Bilder, die man gemalt hat und malt und stumm auf Mansarden und sonstigen Dachkammern herumstehen und sich langweilen.

(Felix Nussbaum in einem Brief aus dem Jahr 1937)

Daneben Schädlichs knapper Schreibstil:

Felix sagt:
«Die Kleins haben mich übrigens nach Buffalo eingeladen.
Ich will ihnen schreiben, daß mir das ein bißchen zu weit ist. Aber wenn hier in Belgien mal irgend so ein Nazi ans Ruder kommt, dann vielleicht.»
Felka sagt:
«Das sagst du so, aber dann ist es schon zu spät. Ich kann mir Amerika auch nicht vorstellen.»

Die Tragweite, die solche einfach wirkenden Dialoge haben, schwingt im Hintergrund immer mit. Oftmals erinnert der Schreibstil auch an jenen von Graphic Novels, in denen kurze Sätze die Szenerie beschreiben und in deren Bildern dann die Dialoge stattfinden – mit dem Unterschied, dass die Bilder hier gänzlich fehlen, was in Anbetracht der Geschichte und in dem Wissen um die in Auschwitz getöteten Maler eine zusätzliche Tragik erhält.

Kommentieren0
0
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Zusätzliche Informationen

Hans Joachim Schädlich wurde am 07. Oktober 1935 in Reichenbach (Vogtland) (Deutschland) geboren.

Community-Statistik

in 113 Bibliotheken

auf 21 Wunschlisten

von 3 Lesern aktuell gelesen

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks