Reflexion über das, was Kirche war, ist und demnächst (wieder) sein sollte
Aufmerksamkeit haben sie schon, die christlichen Kirchen. Und durchaus gefragt wären, sind sie, gerade in der aktuellen Diskussion, in der politische Kräfte auf die „Werte des christlichen Abendlandes“ rekurrieren.
Daneben aber ist ein stetiger Mitgliederschwund zu verzeichnen, Anfragen in Bezug auf Moral und Ethik (bei denen Joas ansetzt und hier kritisch und überaus berechtigte Fragen nach dem „Wesen der Kirche stellt“, die sich eben nicht in äußeren, moralischen Diskussionen erschöpfen sollte und sich eben nicht von außen auf diese eher „gesellschaftlich stützende“ Rolle festlegen lassen sollte. Und zudem ist zu beobachten, dass gerade die sozialen Einlassungen der großen Denominationen oft als schwammig, wenig konkret und damit wenig „handfest“ bewertet werden.
Was aber wäre ein „angemessenes Verständnis von Kirche in unserer Zeit“?
Dies setzt Joas als Kernfrage und schreitet den Horizont dieser Frage in ruhigem und sachlichem Tonfall knapp, aber durchaus differenziert ab.
Und das gerade auf dem Hintergrund der beschriebenen Spannung zwischen „keinen Sinn darin sehen, einer (Kirche) anzugehören)“ und der dennoch gewichtigen Rolle der Kirchen in den moralischen und politischen des öffentlichen Diskurses.
Im Kern baut Joas im Verlauf seiner Darlegungen auf eine „Synthese zwischen Theologie und Sozialwissenschaften“, die von Theologen wie Ernst Troeltsch bereits vor Jahrzehnten angedacht und zu je ihrer Zeit formuliert wurden.
„Ein unversalistisches Ideal auf Dauer“ stellen zu können, das ist, was nicht nur seit alters her konziliar festgesetzt und im apostolischen Glaubensbekenntnis sprachlich in Form gegossen wurde, sondern was es, immer wieder neu für die konkrete Zeit, wiederzuentdecken und auszuformulieren gilt. Ohne dabei in eine „jenseitige Innerlichkeit“ zu verfallen, sondern jenes Ideal konkret in die Lebenswirklichkeit je hinein zu „übersetzen“.
„…kann die Botschaft des christlichen Glaubens nur durch eine neue Sprache und eine mutige Elementarisierung seiner Botschaft neu artikuliert werden“. Um sich eben nicht in die (unlebendige und gut formbare) Rolle einer situierten „Moral-Agentur“ freiwillig und bequem einzurichten oder sich passiv in dieses Drängen zu lassen und damit Instrument gesellschaftlicher Strömungen und politischer Absichten zu werden oder zu bleiben.
Weg somit gilt es aus „ewigen Nachhutgefechten“ und hin zu einem offenen, mutigen, neuen Erkennen, Erzählen und Umsetzen des „universalistischen Ideals“ von der diesseitigen und jenseitigen Erlösung und Freiheit des Menschen, die von den „Mächten der Welt“ sich nicht den Lebensrahmen bestimmen lässt, sondern in Kooperation mit dieser immer wieder neue Wege in Gemeinschaft zu suchen hat.
Hans Joas
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Neue Bücher
Antisemitismus. Eine Rebellion gegen Transzendenz
Alle Bücher von Hans Joas
Die Entstehung der Werte
Säkularisierung und die Weltreligionen
Sind die Menschenrechte westlich?
Sozialtheorie
Kirche als Moralagentur?
Begriffene Geschichte
Der Zusammenbruch der DDR
Lehrbuch der Soziologie
Neue Rezensionen zu Hans Joas
Warum ist Wahrhaftigkeit eigentlich gut und Lüge böse? Befragt nach der Begründung für offensichtlich vertretene Werte, reagieren Befragte oft hilflos, mitunter auch leidenschaftlich empört. Es ist einfach so. Punkt. Aus.
Wie kommt das?
Hans Joas untersucht die Entstehung solcher Wertbindungen. Sein Buch "Die Entstehung der Werte" ist ein Spaziergang von einem Philosophen zum nächsten. Er beginnt bei Nietzsches "Genealogie der Moral", geht weiter zu William James, Émile Durkheim, zu Georg Simmel, Max Scheler, John Dewey und Charles Taylor. Er setzt sich auch mit Jürgen Habermas und der Postmoderne auseinander, Ende der 90er-Jahre endet sein Spaziergang.
Joas' zentrale These: "Werte und Wertbindungen entstehen in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz." Emotionen spielen eine wichtige Rolle - und Vorbilder, die uns anziehen. Sie motivieren uns zur Nachahmung, zum Handeln an den von ihnen verkörperten Werten.
Joas unterscheidet Werte von Wünschen (entstehen auf der Grundlage von Werten), von Normen (äußerlich, bedürfen der Saktionierung), von Präferenzen (im Gegensatz zu Werten eher labil als dauerhaft). All das gut verständlich, wenn auch nicht immer leicht zu lesen. Vor allem deshalb, weil ich außer Nietzsche keine der behandelten Denker gut kenne.
Für mich war das Buch spannende Strandlektüre, und es hat die Fragen beantwortet, die ich zu dem Thema hatte. Bei der Beantwortung sind allerdings viele neue Fragen entstanden. So ist das wohl bei einem guten Buch. Punkt. Aus.
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