Auf Hans Kelsens „Was ist Gerechtigkeit?“ bin ich durch das Gespräch von Matze Hielscher mit Ferdinand von Schirach im Podcast Hotel Matze gestoßen - ein ebenfalls empfehlenswertes Gespräch. Schirach sprach dort über Macht, Verantwortung, Menschenwürde, gerechte Gesetze und sein erstes Kinderbuch, in dem er solche Fragen einem jungen Leser zugänglich machen will. In diesem Zusammenhang fiel auch Kelsens kleine Abhandlung, und meine Neugier war sofort geweckt.
Das Büchlein ist schmal und in etwa einer Stunde zu lesen, doch seine Wirkung reicht weit über diesen Umfang hinaus. Kelsen, einer der bedeutendsten Rechtswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, fragt nach Gerechtigkeit mit einer beeindruckenden Eindringlichkeit. Der Text ist kein klassischer Fließtext, eher eine Folge geordneter Gedanken, nummeriert, verdichtet, in thematische Kapitel gefasst. Darin begegnet man unter anderem Platon, Jesus, Aristoteles und Kant, ebenso der Frage nach Rangordnungen von Werten und nach der Möglichkeit absoluter Gerechtigkeit.
Ich habe dieses Buch als Laie gelesen. Gerechtigkeit ist mir im Leben wichtig, doch philosophisch und rechtstheoretisch hatte ich mich mit ihr bisher kaum in dieser Tiefe beschäftigt. Gerade deshalb empfand ich die Lektüre als außerordentlich bereichernd. Kelsen nimmt vertraute Modelle, etwa den kategorischen Imperativ, und beleuchtet sie auf eine Weise, die mir neue Denkräume geöffnet hat. Vieles, was im Alltag schnell als gerecht oder ungerecht empfunden wird, erscheint nach dieser Lektüre fragiler, voraussetzungsreicher und weniger eindeutig.
Besonders eindrucksvoll ist Kelsens Konsequenz. Er zeigt, wie schwer es ist, absolute Gerechtigkeit verbindlich zu begründen, sobald unterschiedliche Werte, Interessen und Lebensordnungen aufeinandertreffen. Seine Antwort wirkt zunächst ernüchternd, gewinnt aber gerade dadurch ethisches Gewicht. Absolute Gerechtigkeit lässt sich für ihn nicht endgültig sichern. Relative Gerechtigkeit führt immerhin zu Toleranz. Dieser Gedanke hat mich lange beschäftigt, weil er Gerechtigkeit aus dem Bereich der großen Behauptungen herausführt und an die Grenzen menschlicher Erkenntnis bindet.
Ich kann nicht beurteilen, wie vollständig Kelsens Argumentation im Verhältnis zu anderen Gerechtigkeitstheorien ist. Dafür fehlt mir die fachliche Grundlage. Gerade John Rawls, der mit dem Schleier des Nichtwissens ein sehr einflussreiches Gedankenexperiment entwickelt hat, scheint die Frage später noch einmal in eine andere Richtung vertieft zu haben. Diesem Denken möchte ich mich als Nächstes widmen. Als Einstieg war Kelsen für mich jedoch ideal, weil er präzise Fragen freilegt.
Für mich ist „Was ist Gerechtigkeit?“ ein kleines, starkes Buch. Es eignet sich besonders für Menschen, denen Gerechtigkeit wichtig ist und die spüren, dass moralische Intuition allein oft nicht ausreicht. Man legt es nach kurzer Zeit aus der Hand und denkt anders weiter.








