Hans Magnus Enzensberger Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas

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Inhaltsangabe zu „Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas“ von Hans Magnus Enzensberger

Europa ist derzeit in aller Munde. Mißtrauen herrscht gegen die fernen Institutionen in Brüssel. Was, fragen sich immer mehr Europäer, treiben unsere weithin unbekannten Vormünder hinter verspiegelten Fassaden, meist verschlossenen Türen und mit einer höchst fragwürdigen Legitimation? In einem Essay hat sich Hans Magnus Enzensberger der Aufgabe gestellt, zur Aufklärung über die Gebräuche und Spielregeln beizutragen, mit denen das Europa von ‚Brüssel’ uns zu regieren beansprucht: lakonisch und treffsicher, wohlinformiert und bissig, dabei um Gerechtigkeit bemüht, denn das Monster, dem er ins Auge blickt, ist nicht immer nur furchterregend, sondern auch sanft. Dennoch muß der Leser Nebenwirkungen in Kauf nehmen.
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  • "Die EU schadet der Europa-Idee" (Roman Herzog, FAZ, 15.1. 2010)

    Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas
    R_Manthey

    R_Manthey

    01. July 2015 um 12:09

    Ob dem deutschen Normalbürger die EU noch als sanftes Monster erscheinen würde, wenn er sich einmal vorrechnen ließe, was sie ihn wirklich kostet, ist mehr als fraglich. Doch eine solche Bilanz lässt sich leider nicht aufmachen, weil dieses behördliche Monster Transparenz mehr scheut als der Teufel das Weihwasser. Das ist bereits einer der grundsätzlichen Mängel der EU, die Enzensberger in seinem Text anprangert. Mir ist beim Lesen nicht klar geworden, für wen der Autor sein dünnes Büchlein eigentlich verfasst hat. Jemand, der sich mit dem EU-Monster auch nur etwas beschäftigt hat, erfährt hier allenfalls partielle Neuigkeiten. Vielleicht erweist sich für den einen oder anderen die von Enzensberger relativ ausführlich beschriebene Tatsache als nützlich, dass diese Behörde von Anfang an bewusst in Widerspruch zu den demokratischen Prinzipien Europas konstruiert wurde. Die meisten deutschen Gesetze werden inzwischen von der Brüsseler Eurokratie entworfen und anschließend im Bundestag nur noch durchgewunken. Doch die EU-Kommission besitzt keine demokratische Legitimation, weil sie faktisch von den EU-Staaten eingesetzt wird. Sie kann nicht abgewählt werden und ist niemandem Rechenschaft pflichtig. Doch sie kann beschließen, welche Glühlampen wir benutzen dürfen und welches Benzin wir zu tanken haben. Außerdem ist sie gleichzeitig Legislative und Exekutive, was jedem demokratischen Grundverständnis diametral zuwider läuft. Dies alles macht der Autor in seinem in acht Kapitel und einen Anhang unterteilten Werk mit klaren Worten deutlich. Obwohl Enzensberger mit seinem gut lesbaren Text das Wesen dieser undemokratischen und Wohlstand fressenden Behörde beschreibt, scheut er am Ende die auf der Hand liegende Schlussfolgerung: Ein solches Monster zerstört die europäische Idee nicht nur grundlegend, sie erzeugt durch ihre dirigistischen Zwangsmaßnahmen und Umverteilungsprozesse zunehmend Spannungen zwischen den Völkern. Fazit. Ein ironischer Text, der das undemokratische und planwirtschaftliche Wesen der EU aufdeckt, jedoch keinerlei Neuigkeiten verbreitet und am Ende lieber nicht über die wahrscheinlichen Folgen einer solchen undemokratischen und von den Völkern nicht gewollten Entwicklung nachdenkt.

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  • Rezension zu "Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas" von Hans Magnus Enzensberger

    Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas
    sarahkolumbus

    sarahkolumbus

    12. April 2011 um 10:28

    In "Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas" charakterisiert Enzensberger die Europäische Union auf 67 Seiten als das, was sie ist: ein sanftes Monster, das als riesiger Verwaltungsapparat formal und geographisch von der europäischen Lebenswelt distanziert agiert und langsam aber sicher mehr und mehr Macht an sich reisst - ohne, dass es so richtig Jemand bemerkt. Die Zusammensetzung der Regierungsorgane und deren Zuständigkeiten sind schwer zu durchschauen und vor allem nicht legitim. Niemand scheint die zahlreichen Präsidenten, Vizepräsidenten, Kommissare und Ausschußvorsitzenden zu kennen, denn die Besetzung der Ämter wird strategisch aus den jeweiligen Hauptstädten geregelt. Kompetenzen sind irrelevant; wer in Berlin einen Fehler macht, wird nach Brüssel geschickt - wie zuletzt Oettinger, der gerade mal zwei Worte Englisch spricht. Auch Enzensberger gerät bei den ganzen Institutionen, Ausschüssen, Kommissionen - und vor allem den unübersichtlichen Abkürzungen- ins Straucheln und wer bei EXC, EAC, FAC, JHA, TTE, CAP, JAI, EJC, RAA, RAB, CRE, ENTR, TAXUID, DGT, HOME, ENER, ELARG, INFSO, MOVE, BUDG, CLIMA, ECHO, WBF, GAC, PAC, ENVI, JI, AGRI und SCIC noch den Überblick behalten kann, der muss wohl zum corps gehören. Auch die Zahl der Angestellten in Brüssel weiß niemand so genau. Die Zahlen schwanken zwischen 15.000 und 40.000. Da fragt man sich: Wofür braucht man die alle? Besonders betont Enzensberger den Regelungswahn, der schon an Wahnsinn grenzende Zwang der Normierung des europäischen Alltags - die wohl jedem in Bezug auf die Gurkenverordnung im Gedächtnis geblieben ist, - der ganze 85.000 Normen beinhaltet und den typischen Europäischen Bürgern jegliche Transparenz entbehrt. In neun Kapiteln geht Enzensberger auf die Vorgeschichte der Europäischen Wirtschaftsunion ein, hinterfragt die schleichende Entmündigung der Nationalstaaten und schaut genau hin, wenn es um die Vergabe von Substitutionen geht. Was nach dem Lesen bleibt, ist der Schock. Für die Meisten ist die EU eben weit weg vom Normaltypischen Deutschen Alltag. Dass sie dabei mittlerweile für 80 % aller Gesetzesbeschlüsse (auch wenn nicht ganz klar wird, inwieweit diese eigentlich relevant sind) verantwortlich ist und nicht mehr das Parlament in Berlin, lässt sich kaum glauben und sollte alamieren die Augen häufiger ins ferne Brüssel zu werfen und deren Beschlüsse kritischer zu hinterfragen. Bissig und knapp - aber treffsicher füttert Enzensberger den Leser mit Wissen, mit schmuckloser Sprache verdeutlicht er die inhaltliche Thematik und mit gut recherchierten Zahlen untermauert er die Fakten - die bei dem Leser mit Sicherheit einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Unbedingt Lesen!

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