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Hansruedi RamsauerBist du noch Opfer oder vergibst du schon?
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Bist du noch Opfer oder vergibst du schon?
Bist du noch Opfer oder vergibst du schon?
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Erschienen am 17.11.2011
Hansruedi RamsauerBist du noch Opfer oder vergibst du schon?: Verstehen heißt Verzeihen
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Bist du noch Opfer oder vergibst du schon?: Verstehen heißt Verzeihen

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Rezension zu "Bist du noch Opfer oder vergibst du schon?" von Hansruedi Ramsauer

Selbstbefreiung durch Loslassen
R_Mantheyvor 3 Jahren

Wenn man dieses gut geschriebene Buch liest, wird man zunächst vom Inhalt der ersten einhundert Seiten überrascht sein, denn er passt scheinbar nicht zum Titel des Textes. Da geht es nämlich beispielsweise um den Placeboeffekt und die entsprechende Forschung.

Man weiß aus solchen Untersuchungen, dass merkwürdigerweise die Einbildung, man hätte ein Heilmittel bekommen, oft den gleichen oder einen höheren Heilungseffekt bewirkt wie dieses Mittel selbst. Vorstellung von Heilung führt also bereits zur Heilung oder Linderung von Beschwerden. Und das ohne Nebenwirkungen.

Auf der anderen Seite bringt Stress den Körper aus dem Takt, was dann früher oder später in Krankheiten münden wird. Anstatt jedoch die Ursachen von Stress oder dessen Wahrnehmung zu vermeiden, greifen viele Menschen zu Drogen, wie Nikotin, Alkohol oder härteren Chemikalien. Inzwischen haben harte Drogen (Ritalin) bereits die Kinderzimmer erobert und gelten als gesellschaftsfähig. Schließlich bekämpft man damit angeblich eine Krankheit.

Der Autor beleuchtet die verschiedenen Drogen, ihre Geschichte sowie ihre Verbreitung und Rechtfertigung. Dabei vertritt er auch die Ansicht, dass eine gewisse Legalisierung bestimmter Rauschmittel sowohl deren Verbreitung als auch die damit verbundene Beschaffungskriminalität eindämmen würde. Er führt entsprechende Erfahrungen aus der Schweiz an.

Damit sind zwei Drittel des Textes abgearbeitet. Dann tritt das eigentliche Thema in den Vordergrund. Gewalt, meist in Form von Misshandlungen in der Kindheit, macht Menschen oft zu Außenseitern oder gar zu Verbrechern. Die Gesellschaft reagiert dann mit Strafen, die je nach Kultur zwischen vorgeblicher Erziehung und Rache schwanken. Nachdem Ramsauer dies an Beispielen beleuchtet hat, fragt er sich, wie Opfer von Gewalttaten mit diesen Erlebnissen fertig werden.

Schon die alten Weisheitslehrer wussten, dass Gegengewalt, in welcher Form auch immer, nicht hilft, sondern das eigene Leiden nur noch verstärkt. Deshalb empfiehlt der Autor zu verzeihen, um sich aus der Opferrolle zu befreien. Wieder bringt er eindrucksvolle Beispiele, etwa das Verzeihen einer Frau, an der als Kind medizinische Experimente in der berüchtigten "Zwillingsforschung" des NS-Regimes durchgeführt wurden. Eine sehr seltene Reaktion eines Opfers, die aber zu einer gewaltigen inneren Befreiung führte.

Ramsauer erläutert auch, dass bereits Schuldzuweisungen, Urteile, Bewertungen oder Selbsterhöhung enorme Folgen für die eigene Gesundheit haben können, womit sich der Kreis zur Placeboforschung schließt. Er zitiert Buddha sinngemäß: "Ereignisse geschehen, Handlungen werden ausgeführt, doch es gibt keinen individuellen Tuenden oder Handelnden, der sie ausführt." Das klingt zunächst schwer verständlich, weil es auf die Nichtexistenz eines Ichs abzielt. Da dies nicht das eigentliche Thema des Buches ist, möchte ich darauf nicht weiter eingehen.

Doch wenn es kein Ich gibt, muss ich auch keinem Ich verzeihen. Es geht nämlich nicht um ein Befreien von irgendwem oder irgendwas durch Verzeihen, sondern ums Loslassen. Das Anhaften an Taten oder Ereignissen aus der Vergangenheit lässt die Opfer nicht ruhen. Erst wenn sie sich davon befreien, sind sie nicht mehr Opfer. Weil Verzeihen an ein Ich gebunden ist, fällt es darüber hinaus viel schwerer als Loslassen.

Der Text ist sehr angenehm geschrieben und deshalb auch leicht lesbar. Da der Autor den Journalisten Norbert Fuchs als handelnde Person einführt, kann er zwischen dessen Erlebnissen und Reflexionen und Artikeln, die Fuchs geschrieben hat und die die Sachthemen des Buches widerspiegeln, wechseln, was zur Auflockerung beiträgt.

Gelegentlich kommt Ramsauer zu etwas absoluten Urteilen. Beispielsweise fasst er auf Seite 111 seine bisherigen Erkenntnisse so zusammen:

Es gibt keine Medikamente, die auf eine bestimmte Diagnose Heilung garantieren. Eine Unterscheidung zwischen Genussmitteln, Drogen und Medikamenten ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Heilung kann stattfinden, wenn Arzt und Patient daran glauben. Körper und Geist lassen sich nicht trennen. Gewalt zerstört Gesundheit. Jede Krankheit hat einen psychosomatischen Hintergrund.

Die letzte Aussage ist in ihrer Absolutheit zweifelhaft, denn Krankheiten können beispielsweise auch durch Vergiftungen entstehen. Lässt man solche Differenzierungen einmal bei Seite, dann muss man den Aussagen des Autors wohl zustimmen. Selbstverständlich auch seiner Schlussfolgerung, wenn man sie wie oben erwähnt etwas weiter fasst.

Leider kann man sich nicht immer Bewertungen entziehen. So muss ich beispielsweise mit der Rezension auch das Buch beurteilen, obwohl ich diese Bewertungen nicht mag. Ich fand den Text hilfreich, weil er zurückhaltend und klug einfache, aber nicht immer leicht umzusetzende Ratschläge zur Selbstbefreiung formuliert. Einige wenige Schwächen ignoriere ich deshalb im Sinne dieses Textes in meiner Bewertung.

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