Sowie dem gedruckten Buch als auch der Hörbuchversion fehlen die Triggerwarnungen, was bei so einem Text heutzutage eigentlich obligatorisch sein sollte. Vor der Lektüre wusste ich recht wenig davon, was mich erwartet, kriegte dann aber schnell mit, dass explizit dieser Titel vielfach in der Diskussion um den Begriff "Traumaporn" genannt wird. Im Laufe der Rezeption erschloss sich mir dann auch, warum. Dessen sollte man sich vor der Lektüre bewusst sein, finde ich, dass es tatsächlich um ein tiefsitzendes Trauma geht (starker sexueller Missbrauch und Gewalt), welches die gesamte Geschichte durchzieht und zu neuen traumatisierenden Handlungen führt wie Selbstverletzung und Suizid(versuch).
Bewundernswert finde ich aber die Leistung, so tief in dieses Leben einzutauchen und es so differenziert aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Als Lesende habe ich mich nicht an der Darstellung des Leids ergötzt, daher finde ich den Begriff Traumaporn nicht treffend, aber es fällt schon auf, wie überdimensional schwer es die Autorin ihrer Hauptfigur und somit auch den Lesenden macht. Mir vermittelt sie dadurch ein umfassendes Bild des beschädigten und missbrauchten Kindes, sie erzeugt Mitgefühl und Verständnis für selbstregulierende Mechanismen wie z.B. Selbstverletzung, die auf den ersten Blick schwer zu verstehen sind. Ich finde es okay, den Blick darauf zu lenken, wo es weh tut. Für mich appelliert dieses Buch an alle Erwachsenen, verantwortungsvoll mit ihrer sexuellen Begierde umzugehen. Es ist ein Apell dafür, immer wieder Konsens sicher zu stellen, auch und gerade mit dem Menschen, den man liebt. Es zeigt auf, wie wenig Bisexualität und Asexualität im Verständnis der Gesellschaft existieren und wie sehr Menschen darunter leiden wenn sie meinen, Erwartungshaltungen erfüllen zu müssen. Erhellend fand ich vor allem den Part, wenn Willem erkennt, dass eine Beziehung nicht alle Bedürfnisse eines Menschen abdecken kann und es eine Entscheidung für bestimmte Aspekte ist, die in der jeweiligen Partnerschaft Erfüllung finden können (S. 753 ff).
Im letzten Drittel passiert etwas, ohne es hier vorwegnehmen zu wollen, was für mich das Fass des Ertragbaren wirklich zum Überlaufen brachte und wo ich dachte, nun reichts mir aber... An dieser Stelle hat es die Autorin aus meiner Sicht tatsächlich zu weit getrieben.
Zudem finde ich das Cover unglücklich gewählt. Es ist allgemein bekannt, dass das Foto von Peter Hujar aus dem Jahr 1969 den Titel "Orgasmic Man" trägt. Da man es schnell mit der Hauptfigur, dem vielfach misshandelten (und vermutlich infolge dessen asexuellen) Jude assoziiert, ist es geradezu zynisch. Was soll das?
Der Sprecher Torben Kessler macht seine Sache bemerkenswert gut. Er findet genau den richtigen Ton und nimmt sich gleichzeitig so zurück, dass es genau die richtige Balance trifft zwischen Interpretation der einzelnen Figuren und neutralem Bericht. Alles andere wäre vermutlich unerträglich gewesen.

























