Hari Kunzru

 4.1 Sterne bei 31 Bewertungen
Autor von White Tears, Grayday und weiteren Büchern.
Hari Kunzru

Lebenslauf von Hari Kunzru

Hari Kunzru wurde im Dezember 1969 in London als Sohn einer Engländerin und eines Inders geboren. Nach seiner Kindheit in Essex studierte er Englisch an der University of Oxford. Er machte einen Abschluss in Philosophie und Literatur an der University of Warwick. Kunzru arbeitet als Journalist für verschiedene Zeitungen, darunter The Guardian, Daily Telegraph und Wired. Sein Debütroman "The Impressionist" erschien 2003; im gleichen Jahr wurde er unter die zwanzig besten jungen britischen Romanautoren gewählt. Hari Kunzru lebt in New York City.

Alle Bücher von Hari Kunzru

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White Tears

White Tears

 (13)
Erschienen am 26.06.2017
Grayday

Grayday

 (8)
Erschienen am 11.09.2006
Revolution

Revolution

 (1)
Erschienen am 31.07.2008
Gods Without Men

Gods Without Men

 (1)
Erschienen am 26.06.2012
The Impressionist

The Impressionist

 (1)
Erschienen am 06.09.2007

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Rezension zu "White Tears" von Hari Kunzru

I may dream things cause your heart to weep | "White Tears" von Hari Kunzru
wortkulissevor 6 Monaten

Hari Kunzrus Roman „White Tears“ ist für mich ein ganz besonderes Buch. Es hat mich nicht nur aus meiner Leseflaute hinauskatapultiert, sondern sich durch seine Vielschichtigkeit, Tiefgründigkeit und Komplexität einen Weg in mein Herz gebahnt, aus dem es so schnell nicht wieder herauskommt.


An der Oberfläche handelt „White Tears“ von der Freundschaft zwischen Seth und Carter, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Carter mit seinen blonden Dreadlocks, aufwändigen Tattoos und einem enormen Treuhandvermögen einfach nur cool ist, ist Seth, der Ich-Erzähler des Romans, wohl eher das, was wir einen Loser nennen, der Schwierigkeiten hat, seinen Lebensunterhalt zu begleichen und am liebsten allein mit seinem Aufnahmegerät in der Gegend herumstreift. Doch sie beide sind Einzelgänger, leben in ihrer eigenen Welt und das schafft eine einzigartige Verbindung zwischen ihnen. Ihre Liebe zu authentischer Musik im Gegensatz zur digitalen Gegenwart macht sie zu erfolgreichen Musikproduzenten in New York, bis sich diese Liebe zur Obsession wandelt und ungeahnte Folgen hat. Das Tonstudio, das der Familie Carters gehört, ist das Spiegelbild dieser Leidenschaft und mit einer erstklassigen Musikanlage, Schallplattenspielern mit Röhrenverstärkern und ausschließlich Vinyl ausgestattet.

CARTER SUCHT IN SEINEM LEBEN NACH BEDEUTUNG UND EINEM GEFÜHL DER TIEFE. WIE WIR ALLE LEBT ER IN EINER WELT DER LEICHT VERFÜGBAREN KULTURELLEN ZEICHEN UND SYMBOLE. ES IST SEHR EINFACH VON EINER SACHE ZUR NÄCHSTEN UND VON DORT ZUR NÄCHSTEN UND ÜBERNÄCHSTEN ZU SPRINGEN. ER HAT GELD, ER VERFÜGT ÜBER DIE NÖTIGEN ZUGÄNGE, MEHR ALS ANDERE. ER KANN ALLES HABEN, ABER NICHTS FÜHLT SICH ECHT AN, DESHALB SEHNT ER SICH NACH ETWAS WAHRHAFTIGEM.

Auf einem seiner Streifzüge durch die vollen Straßen New Yorks nimmt Seth unbemerkt einen Mann auf, der einen alten Blues-Song singt. Begeistert von dieser Aufnahme und der Tiefgründigkeit des Textes, stürzt sich Carter in die Welt des Blues. Seine Sammelleidenschaft für alte Platten aus den 20er und 30er Jahren – Platten, deren Sänger*innen niemandem mehr bekannt sind, mit verschrammten Melodien, kaum mehr hörbar – wird zur Besessenheit. Er ist auf der Suche nach dem Wahrhaftigen. Nach der Quelle jener Musik, deren Intensität in der digitalen Gegenwart nicht zu finden ist. Schließlich nimmt Seth auf den Straßen New Yorks eine Gitarrenmelodie auf, die perfekt zu dem Text zu passen scheint. Seth hat kein weiteres Interesse an diesen Aufnahmen, doch Carter kreiert aus diesen einen Song, der verbunden mit hinzugemischtem Kratzen wie eine Aufnahme aus längst vergangenen Zeiten klingt. Er erfindet den Künstler Charlie Shaw und stellt das Lied ins Internet – nichtsahnend dass Charlie Shaw und dieses Lied tatsächlich existiert haben.

MEINE GEGENWART WAR MIR IRGENDWIE VORAUS UND GLEICHZEITIG UNWIEDERBRINGLICH IN DER VERGANGENHEIT. ALLES, WAS ICH HÖRTE, KLANG VERSTÄRKT UND DADURCH KLARER DEFINIERT, GLEICHZEITIG WAR ES ABER NUR EIN ECHO, NICHT WIRKLICH VORHANDEN, SO FERN UND FREMD WIE EIN FUNKSIGNAL AUS EINEM LÄNGST VERGANGENEN KRIEG. JEDER EINZELNE MOMENT WAR SCHON DURCHLEBT. ICH KONNTE NICHTS MEHR IN EINEN ZUSAMMENHANG BRINGEN. ETWAS PASSIERTE UND WAR GLEICHZEITIG SCHON PASSIERT. DIE SPIRALE, DIE SICH VON DER GEBURT BIS ZUM TOD ERSTRECKT, DER WAHRNEHMUNGSSTRANG AUS GEWOHNHEIT UND FORTSCHRITT, DER AUS EINEM MENSCHEN ERST EINEN MENSCHEN MACHT, EIN EIGENSTÄNDIGES GANZES, WAR DURCHBROCHEN UND OHNE SUBSTANZ WIE EINE KETTE VON RAUCHRINGEN.

An diesem Punkt beginnt die Geschichte aus dem Ruder zu laufen. Carter wird zusammengeschlagen und liegt im Koma, Seth macht sich auf die Suche nach Charlie Shaw und wird dabei von der Vergangenheit eingeholt. Das, was zu Beginn des Textes angedeutet wird, wenn Seth davon spricht, den Bezug zur Zukunft zu verlieren, verstärkt sich zunehmend. Vergangenheit und Gegenwart beginnen zu mäandrieren und verflechten sich unentwirrbar miteinander. Nur durch kleine Hinweise des Autors erkennt der*die Leser*in in welchem Jahrzehnt sich die Geschichte befindet. Das noch stehende World Trade Center, die Black Spades in der Bronx, die U-Bahn auf dem Hochgleis oder die getrennten Sitzplätze für Weiße und Schwarze sind Anhaltspunkte für den jeweiligen Zeitpunkt in der Geschichte der USA. Bis Seth nicht nur die Jahrzehnte, sondern auch seine Identität und Hautfarbe wechselt. Anfangs fiel es mir schwer, mich in der Geschichte zurecht zu finden, so stark waren die einzelnen Ebenen miteinander verwoben. Doch umso mehr ich mich darauf eingelassen hatte, desto mehr wurden die eigentlichen Themen des Romans für mich ersichtlich: Zwar scheint es oberflächlich um die Freundschaft zwischen Seth und Carter und um Musik zu gehen, eigentlich aber verarbeitet Hari Kunzru in diesem Roman auf meisterhafte Weise die Sklaverei und den Rassismus in der Geschichte der USA und die Unterdrückung, die mit kultureller Aneignung einhergeht.

„White Tears“ von Hari Kunzru ist eines der beeindruckendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Der Roman entwickelt durch seine Vielschichtigkeit, durch das Spiel mit der Zeit und der Identität des Protagonisten eine unglaubliche Sogwirkung, die es mir fast unmöglich gemacht hat, das Buch aus den Händen zu legen. Durch ein einziges Lied verbindet der Autor die Sklaverei der Vergangenheit mit der kulturellen Aneignung der Gegenwart und wirft seine Leser*innen in eine Zeitreise voller Gesellschaftskritik:

BELIEVE I BUY A GRAVEYARD OF MY OWN
BELIEVE I BUY ME A GRAVEYARD OF MY OWN
PUT MY ENEMIES ALL DOWN IN THE GROUND

PUT ME UNDER A MAN THEY CALL CAPTAIN JACK
PUT ME UNDER A MAN THEY CALL CAPTAIN JACK
WROTE HIS NAME ALL DOWN MY BACK

WENT TO THE CAPTAIN WITH MY HAT IN MY HAND
WENT TO THE CAPTAIN WITH MY HAT IN MY HAND
SAID CAPTAIN HAVE MERCY ON A LONG TIME MAN

WELL HE LOOK AT ME AND HE SPIT ON THE GROUND
HE LOOK AT ME AND HE SPIT ON THE GROUND
SAYS I’LL HAVE MERCY WHEN I DRIVE YOU DOWN

DON’T GET MAD AT ME WOMAN IF I KICKS IN MY SLEEP
DON’T GET MAD AT ME WOMAN IF I KICKS IN MY SLEEP
I MAY DREAM THINGS CAUSE YOUR HEART TO WEEP

Weitere Rezensionen und Buchtipps von mir findest du auf wortkulisse.net.

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Rezension zu "White Tears" von Hari Kunzru

Töne, Zwischentöne, Misstöne
Wicki72vor einem Jahr

Seth und Carter lernsen sich auf dem Collage kennen. Zwei junge Männer, die unterschiedlicher nicht sein können: der extrovertierte Carter, der aus reichem Elternhaus stammt und für den Geld nie ein Problem zu sein scheint und der introvertierte Seth aus ärmeren Verhältnissen. Es eint sie die Liebe zur Musik. Nach dem Collage ziehen beide gemeinsam nach New York und eröffnen ein Tonstudio. Vor allem Carter interessiert sich immer mehr für den Blues, entwickelt eine Sammlerleidenschaft und ist auf der Suche nach dem perfekten Sound. Währendessen schlendert Seth durch die Straßen von New York und nimmt dabei die Geräusche seiner Umgebung auf. Eines Tages entdecket er beim Filtern der einzelnen Geräusche einen alten Bluessong. Er kann sich aber nicht erinnern, an einem Sänger vorbeigekommen zu sein. Bei einem weiteren Streifzug durch die Straßen taucht dazu noch eine Gitarrenmelodie auf, die wie für den Text gemacht ist. Weder Seth noch Carter lässt dieser Song wieder los. Eines Nachts mixt Carter Musik und Text zusammen, gibt dem ganzen einen alten Anschein durch das Hinzufügen von Kratzern und lädt das Kunstwerk im Internet hoch. Als fiktiven Künstlers des Songs verwendet er den Namen Charlie Shaw. Und damit geht die Geschichte erst richtig los: Ein Anrufer behauptet, dass Charlie Shaw wirklich gelebt hat. Und plötzlich ist nichts mehr wie es war...

Ich bin auf dieses Buch durch eine Rezension auf www.kaffeehaussitzer.de aufmerksam geworden. Besonders fasziniert hat mich beim Lesen dieser Rezension die Idee, dass Schallwellen nie aufhören zu schwingen und Seth bei seinen Streifzügen Töne vergangener Zeiten eingefangen haben könnte. Für die erste Hälfte des Buches ein ebenso schöner wie faszinierender Gedanke. Doch wo schöne Töne durchdringen können, können auch Misstöne durch kommen, wie im zweiten Teil des Buches deutschlich wird.

Mit dem Hochladen des Samplings ist nichts mehr wie es war. Carter wird auf offener Straße zusammengeschlagen. Seth wird auf der Suche nach Erklärungen immer tiefer in die Vergangenheit hineingezogen: Die Grenzen zwischen gestern und heute und zwischen Traum und Realität verwischen. Weiß oder schwarz, frei oder unfrei, Herr oder Diener - Hari Kunzru verwebt in seinem Buch die Musik der Schwarzen mit den Rassenproblemen in den USA und schlägt schließlich einen Bogen zurück zu Carters Familie und der "schwarzen" Herkunft ihres Reichtums.

Ist die erste Hälfte des Buchees von einer schönen Sprach mit intensiven Bildern und Tönen geprägt, wired es im zweiten Teil dunkel, beängstigend und wirr. Ein beklemmendes Gefühl, welches ich bis zum Schluss nicht los geworden bin, hat sich nach und nach über meine Lektüre gelegt. Dazu kam das Gefühl, längst nicht alles verstanden zu haben, was der Autor mit diesem Buch zum Ausdruck bringen wollte.

Ein interessantes Leseerlebnis und ein bemerkenswerter Auftakt ins Lesejahr 2018.

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Rezension zu "White Tears" von Hari Kunzru

Hari Kunzru | WHITE TEARS
Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr

INHALT: Seth und Carter sind New Yorker Soundtüftler, sie nehmen mit versteckten Mikros Geräusche und Dialogfetzen aus ihrem Alltag auf und mixen sie mit alten Jazz- und Blues-Samples. Während Seth aus einfachen Verhältnissen stammt, ist Carter der Spross einer milliardenschweren Unternehmerfamilie. Zusammen bauen sie ein kleines Tonstudio auf – Carter gibt das Geld, Seth besorgt die Aufnahmen – und ziehen erste Aufträge an Land. Irgendwann belauscht Seth jemanden beim Murmeln eines uralten Blues-Songs, der ihn sofort in Bann schlägt. Im Studio legt Carter ein Gitarrenstück drunter, lädt den Mix ins Netz und behauptet, es sei eine Aufnahme aus den Zwanzigern, der extrem rare Graveyard-Blues von Charlie Shaw – ein fiktiver Name, den Carter spontan aus der Luft greift.

Die Sammlergemeinde im Netz ist völlig aus dem Häuschen und die Angebote für die Platte überschlagen sich, doch ein User scheint mehr zu wissen – JumpJim, der den Jungs nach einem Treffen unmissverständlich klar macht: Lasst die Finger davon, Ihr habt keine Ahnung, worauf Ihr Euch da einlasst. Kurze Zeit später wird Carter brutal überfallen und ins Koma geprügelt, worauf sich Seth mit Carters Schwester Leonie auf den Weg nach Mississippi macht, auf der Suche nach den Ursprüngen des Graveyard-Blues, direkt in das Herz der schwarzen Musik. Was er dort findet, ist ein Sumpf aus Hass und Verbrechen, ein Jahrhunderte alter Rassenkrieg – und Carters Familie steckt mittendrin.

FORM: Es sind zwei Philosophien, die Hari Kunzru (*1969) mit seiner Southern Gothic Novel verfolgt. Zum einen, dass Schallwellen nie verklingen, nur immer leiser werden, und wir nur die richtige Technik bräuchten, um längst vergangen Dialogen zu lauschen. Und zum anderen – der große Aufhänger der ganzen Geschichte –, dass ernst gemeinte Musik, Songs, in denen Herzblut und Aufrichtigkeit stecken, wie kleine Zeitmaschinen funktionieren, in die man steigen und sich in die Zeit zurückbringen lassen kann, in der sie entstanden sind.

Der Roman beginnt verhältnismäßig ruhig und plätschert die ersten hundert Seiten so vor sich hin. Erst ab dem Überfall auf Carter schaltet Kunzru ein paar Gänge rauf, bis er auf Seths Reise in den Süden Höchstgeschwindigkeit erreicht. Ab hier nutzt er die genannten Philosophien, springt wild durch die Zeiten, verbindet längst Vergangenes mit gerade Passiertem und verknüpft die Erinnerungen aller Beteiligten quer durch die letzten hundert Jahre – eine wilde Fahrt durch eines der vielen dunklen Kapitel amerikanischer Geschichte.

FAZIT: Kaum zu fassen, was für eine Sogwirkung WHITE TEARS auf den letzten Seiten erreicht, nicht umsonst steht der Titel gleich auf mehreren Listen für das beste Buch des Jahres (z.B. Time Magazine und New York Times). Aber es nicht nur Geschichtsbuch und Ghost-Story, sondern auch eine Eloge auf die echte, unverfälschte Musik jenseits aller Technik und Spielerei, ein Thema, das mich auch seit meiner Jugend stark umtreibt. Fünf Sterne für ein außergewöhnliches Buch, packend und innovativ geschrieben und tief berührend.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

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Zusätzliche Informationen

Hari Kunzru wurde am 01. Dezember 1969 in London (Großbritannien) geboren.

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