Ein faszinierendes Buch, welches dem geneigten Filmfreund da 2016 anlässlich des 75. Jubiläums von "Citizen Kane" vorgelegt wurde. Der Autor Harlan Lebo hat über 4.000 Seiten an Studiounterlagen, Memos, Entwürfen, Briefen und Rechnungen sowie die privaten und geschäftlichen Unterlagen von Orson Welles in der Lilly Library an der Indiana University durchgesehen und daraus ein voluminöses "coffee-table"-Buch geschaffen, das von der Idee, der Entwicklung, dem Dreh und dem Schneiden bis hin zur Premiere mit den Nachfolgewirkungen anscheinend lückenlos die Arbeit eines Genies an einem Film, der zugleich Opus magnum und wohl auch Fallstrick war, nachzeichnet.
Orson Welles hatte mit seinen 23 Jahren für landesweites Aufsehen gesorgt, als er mit seinem "Mercury Theatre" 1938 im Radio eine Adaption des Romans "War of the Worlds" ("Krieg der Welten") von H.G. Wells präsentierte. Seine Umsetzung der Geschichte über eine Invasion vom Mars war so glaubhaft, dass es zu einer Massenpanik kam und der Name Welles mit dem Begriff "Wunderkind" versehen wurde. Es dauerte nicht lange, bis sich Hollywood bei dem jungen Talent meldete - in der Person von George Schaefer, dem Produktionschef des kleinen auf Billigfilme spezialisierten Studios "RKO". Schaefer wollte das Studio aus dem Nischendasein führen und mit prestigeträchtigen und ambitionierten Filmen zu den großen traditionellen Studios aufschließen. Orson Welles hatte nun den Ruf, ein ganzes Land allein mit seiner Regie und seiner Gabe, eine Geschichte derart fesselnd zu erzählen, und war somit ideal für Schaefer's Plan. Um sich der Qualitäten des jungen Visionärs zu vergewissern, lockte der Filmstudioleiter mit einem Zuckerl, welches die Filmbranche bis dato noch nicht gesehen hatte: BEINAHE KOMPLETTE UNEINGESCHRÄNKTE KONTROLLE über das noch zu entwickelnde Projekt. Die Branche war geschockt und empört über die Entscheidung, die aus Orson Welles mit einem Schlag zu einem erstmaligen Regisseur, zu einem Drehbuchautor, einem Produzenten und erstmaligen Hauptdarsteller eines mit großem Budget veranschlagten Filmes machte. Als Klatschkolumnistin Louella Parsons uneingeladen zu einem Rohschnitt des Filmes auftauchte und in der Figur des Charles Foster Kane ihren Arbeitgeber, den Millardär William Randolph Hearst, zu erkennen glaubte, wurde keine Gelegenheit seitens Parsons und dem Hearst-Imperium ausgelassen, den Film zu torpedieren. Es wurde seitens des Zeitungsimperiums Hearst nichts über "Kane" berichtet und Kinos unter Druck gesetzt, den Film auf keinen Fall zu spielen. Auch Versuche, den Film zu zerstören, wurden unternommen...
Von der Idee und dem Schreiben des Drehbuchs mit Herman J. Mankiewicz, dem Casting, den Streitereien mit dem Filmstudio und der Filmbranche, den neuartigen Wegen in der Art des Drehens, dem Kampf mit Parsons und der Presse, der Entwicklung des wunderbaren Scores von Bernard Herrmann und den Dreharbeiten bis hin zu dem großartigen Moment der Premiere des Filmes am 1. Mai 1941 versteht es der Autor, den Leser interessiert und gefesselt zu halten. Man erlebt die Zeugung, die Schwangerschaft und die Geburt eines visuell wundervollen Filmes, der über 50 Jahre lang als "bester Film aller Zeiten" galt und heute noch nichts von der Faszination dieses getriebenen Mannes Charles Foster Kane und dem Kinderschlitten "Rosebud" eingebüßt hat.
Ein Buch für Filmliebhaber, für Freunde des Filmschaffens von Orson Welles und Geschichten über Visionäre und Mogule, die da hoch oben fern der schnöden Welt in ihrem "Xanadu" hocken. Eine absolute Empfehlung!


