"Die Orgel war ein großes Herz bis in den First. Plötzlich begann sie leise zu prädulieren, und im selben Augenblick hing überall ein Spinnweb aus Klängen."
Maurits Akelei wirkt wie ein Toter. Von Beruf Glockenspieler und Bewohner eine kleinen Zimmers, nur mit dem nötigsten versehen, erwacht er am 20. August 1953 in seinen 46. Geburtstag. Gleichzeitig haben die Zeugen Jehovas für heute das Ende der Welt angekündigt, dass jüngste Gericht.
Während Akelei wie benommen durch den Tag streift und mal mehr, mal weniger entschlossen versucht Leute für eine Geburtstagsparty zusammenzutrommeln, scheint ihm (anscheinend wie jeden Tag) das Gespenst seiner großen Liebe zu verfolgen: Marjolein. Von seinem Unverständis aus, dass sie nicht mehr da ist, um seine Welt zusammenzuhalten, badete er alles in grau und schwarz - aber eben auch in melanscholische Schönheit:
"Plötzlich dachte er:- alles ist aus Kummer gemacht. Ein Baum ist Kummer in Gestalt eines Baumes. Ein Stern, dass ist Kummer als Stern. [...] Im Menschen, dachte er, wird der Kummer sich seiner selbst bewusst..."
Für Mulisch ist die Sprache wie ein Feld voller Möglichkeiten: Er kann sie tanzen lassen, dann schweigt sie eine Weile und lässt die Erzählung fortfließen und dringt plötzlich wieder durch jedes Wort wie ein "schwarzes Licht", wie ein Idee von Schönheit, wie eine Idee von Bildhaftigkeit:
"Es war, als ob eine Sonne in ihm unterging; auf der anderen Seite ging ein blutroter Mond auf, über einer schwarzen Erde."
"Die Straßen waren so leer wie Schränke in einem unbewohnten Haus."
"Der Schlag mit dem er sie hinter sich ins Schloss warf, stob wie ein Bison durch den gewaltigen Raum."
So ist es im Buch ein Auf und Ab. Während man manchmal wie benommen (zum Beispiel wie in Lolita von Nabokov) ist von der Sprache, kann sie bald wieder einfach nur darstellend sein, dann verzehrt und dann sehr tief und wahr, wie in dieser wunderschönen Beschreibung eines Abends mit Majorlein, der später tragisch Enden sollte:
"In einer Ecke des Saales, eine Flasche Wein zwischen sich, sahen sie einander sprachlos an. Worte konnten sie nur geringer machen. Unter ihrem Gürtel wuchsen ihre Hüften hervor - dort hatte die Natur tief aufgeseufzt und sich selbst übertroffen. Durch das Abendkleid hindurch sah er ihre nackten Hüften. Sie war immer nackt. Zu Hause zog sie die Vorhänge zu und legte alles ab, sobald es nur irgend anging und schlief oder las ein Buch. Dann kam eine Anmut in ihre Glieder, die ihn verstummen ließ, [...] Lächelnd sah sie seine Bewunderung. Ihre Lippen sagten etwas, ohne Laut. Ebenso geräuschlos sagte er dasselbe: Ich liebe dich."
Ist schwarzes Licht also ein Abgesang, ein Lobgesang... Nein, es ist nichts dergleichen. Es ist Stimmungsbild, eine Geschichte, in deren Verlauf man erfährt wozu Menschen fähig sind, wozu Sprache fähig ist, wozu die Welt fähig ist:
"Tränen drangen ihm in die Augen. Er liebte die Menschen - aber was sollte er tun? Er hatte plötzlich ein überwältigendes Glücksgefühl. Oder vielleicht war es Mitleid, ein Begreifen der endgültigen Finsternis, in der sie sich befanden. Gott - den gab es nicht. Ein Traum hing am Kreuz. Aber unter all dem Schutt lag ein glühendes Wissen, dass man lebte, ein Bewusstsein, im Weltall gewesen zu sein."
Ein großartiges Buch wartet hier auf den Leser.
Harry Mulisch
Lebenslauf
Alle Bücher von Harry Mulisch
Die Entdeckung des Himmels
Das Attentat
Siegfried
Die Prozedur
Die Elemente
Zwei Frauen
Augenstern
Selbstporträt mit Turban
Neue Rezensionen zu Harry Mulisch
Vorweg: Unten findet sich, falls jemandem die Rezension zu lang ist, eine Zusammenfassung und ein Statement zum Plot, welches sich jedoch besser aus dem Zusammenhang der ganzen Rezension ergibt.
Vor nun beinahe zwei Jahren ist Harry Mulisch, einer der großen Schriftsteller Hollands gestorben. Hinterlassen hat er ein sehr vielschichtiges, fast schon klassisches Werk, in dem er sich mit sehr vielen Themen, mit sehr vielen "Plots" beschäftigt hat. Schon sein Erstling war, perspektivisch und erzählerisch, eine gewagte Arbeit - in Archibald Strohalm erzählt er die Geschichte aus der Sicht eines Mannes, der allmählich den Sinn für Realität verliert.
In seinen weiteren Erzählungen und Romanen ist Mulisch seinem Credo treu geblieben, ungewöhnliche Bücher schreiben und darin einfache, aber ungewöhnliche Schicksale zu bevorzugen. Ungewöhnlich jedoch nicht im Sinne von exzentrisch oder außergewöhnlich. Mehr liegt dieses -ungewöhnlich- in der Art begründet wie Mulisch seine Konzepte verfolgt, wie er nie ausweichend abschweift oder partielle Erklärungen einschiebt, wie alles in seinen Sätzen eine stete Nähe zu seinen Protagonisten und seiner Geschichte hält. Wie gesagt: ein fast schon klassischer, sehr unmoderner Zug. Dies verbunden mit den wiederum nicht unbedingt besonderen, aber ungewöhnlichen Geschichten, die er erzählt - Geschichten, wie sie wirklich nur als Fiktion zum Leben entstehen können; es hat einfach etwas ungewöhnliches, eigenes, spezielles - besonderes.
Was seine Romane immer wieder zusammenhält, ist seine wunderbar unverschneiderte Sprache, die oftmals, wenn es ums Beschreiben geht, genau die richtigen Vorstellungsmuskeln trifft: "...plötzlich überkam mich die Müdigkeit, wie ein gelandeter Fallschirmspringer, der unter seinem Schirm begraben wird."
"Zwei Frauen" ist eine Liebesgeschichte - eine klassische Liebesgeschichte - die Mulisch aber zugleich mit dem noch klassischeren griechischen Drama verknüpft. Dies beides prallt am Ende des Buches aufeinander und mag einige Leser, die das Buch bis dahin gut fanden/finden, ein wenig abstoßen oder etwas aprupt entlassen - weil es folgerichtig ist und absolut konsequent und doch plötzlich und irgendwie formalistisch - oder einfach einfach.
"Zwei Frauen" handelt zwar von einer sexuellen Beziehung zwischen zwei Frauen, aber das Sexuelle und die damit verbundenen Möglichkeiten spart Mulisch aus, soweit es keinen Bezug zur Handlung oder zu gesellschaftlichen Folgen hat. Somit ist dieser Roman kein Roman der Tabus brechen, Reize ausrollen oder Nischenerfahrungen in den Mittelpunkt stellen soll. Nun ist es für die Geschichte auch nicht unwichtig, dass es zwei Frauen sind, die sich lieben, aber es ist nur die Bühne und das Stilmittel, nicht der Plot.
Der Plot selbst ist ebenso schlicht, wie grandios erzählt (zum Plot: siehe auch ganz unten). Ich kann kaum glauben, dass noch niemandem aufgefallen ist, wie vollkommen Mulischs Roman geraten ist (wieder ein klassischer Zug), wie man sich von einzelnen Beschreibungen und Kapiteln hinreißen lassen kann und wie rund der Roman am Ende wirkt. Klar, es ist kein Roman, der bei einem am Ende noch viele Stränge und Fetzten in der Hand zurücklässt, nichts, wovon man sagen kann, man hätte es von ihm erhalten, nein, so einer ist er überhaupt nicht. Aber es ist ein Roman, der einen wirklich in seinen Bann zieht, der auf der ersten Seite beginnt und auf der letzten endet. Eine Tür in eine Geschichte, eine Liebesgeschichte.
Eine Liebesgeschichte, die wohl hauptsächlich wegen der angenehmen Sprache so gut zu lesen ist. Aber auch der Rest, die ganze, begrenzte Materie der Geschichte und der Hauptperson ist so filigran und durchkomponiert, dass es einfach großartig ist, dieser Komposition zu folgen und ihre einzelnen Töne zu erleben. Kein Stutzen, kein plötzliches, zu weites Driften in die eine oder andere Richtung. Jeder kleine Erzählabschnitt hat seinen Platz und seine Richtigkeit auf diesen 200 Seiten. Und ich nehme lieber diese zweihundert wunderbaren Seiten, als alle 400 auf denen das Thema ausgequetscht wird.
Fazit/Zusammenfassung: Mulischs Roman ist ein wirklich schönes Buch, ein Buch, dass nichts von dir erwartet, als dass du es liest - es liest und es genießt Sprache als Welt zu erfahren, durch die eine Geschichte fließt. Es ist voller kleinster Genussmomente, voller Passagen, die so einfach und authentisch und darstellend daherkommen und einen fesseln, wie es die ganze Geschichte letztendlich tut. Man könnte dieses Buch nicht lesen und wäre kein Stück ärmer. Aber man kann es lesen und ist für Augenblicke um viele kurze Wunder reicher.
Der Plot: Der Plot selbst ist schwierig zusammenzufassen. Es ist ja so, dass man eine Geschichte zusammenfassen kann und das eigentliche Buch immer der Ursprung, dann aber eine Variante zu diesen "Umstandbeschreibungen" ist. Aber hier, bei diesem Buch, ist die Kluft zwischen dem, was man über die Geschichte zusammenfassend sagen könnte und der Form, in dem dieses Buch diese Geschichte erzählt, einfach zu groß, um auf diese Weise dem Leser das Buch nahezubringen. Es geht um zwei Frauen, es geht um Liebe, es geht um Kinder und es geht um die Idee der gleichgeschlechtlichen Liebe. Soweit kann man es sagen. Der Rest ist die Geschichte und die Sprache selbst.
s gibt einen Grund, warum man manche Bücher Romane nennt, welcher nicht allein daher rührt, dass es ein längeres erzählerisches Werk ist. Nein, Roman nennt man solche Bücher, die zwischen zwei Buchdeckeln können, was sonst das Leben nur kann, wenn man es lebt. Zusammenhänge, Verwirrungen, Nuancen, Beziehungen, Wiederkehrendes und Erinnertes, Verlorenes - ein Roman kann all das Erfinden und doch ist es auf eine seltsame Weise Wirklichkeit.
Harry Mulisch (ich bin auf ihn und seine Romankunst bereits in meiner Rezension zu Zwei Frauen näher eingegangen) hat mit "Das Attentat" ein Werk abgeliefert, dass nicht nur die Bezeichnung, sondern wahrhaftig den Titel "Roman" mehr als verdient hat; als wäre dieses Wort ein Zauberwort, etwas Mystisches, beinah Unerklärliches, wäre es nicht so ein realer Gegenstand. Es ist ein Buch voller Einfachheiten und doch ist es sprachlich so gut komponiert und genial konzipiert, dass das Einfache sich hier weit über die Summe seiner Teile hinaushebt zu einer spannenden, anrührenden und unvergleichlichen Geschichte.
Tatsächlich beginnt diese Geschichte zwar an einem Abend im Jahr 1945, aber irgendwie ist es eher so, als würde Mulisch dort einsetzten und nicht dort beginnen. Vielleicht gerade deswegen, wegen dieses Stilgriffes, ist man sofort, ohne große Vorarbeit gefesselt - was natürlich auch an seiner wunderbar filigranen und erlebnisnahen Sprache liegt, die einen hineinzieht in ihre Wirklichkeiten.
Von dort, von dieser einen Nacht aus, die alles verändert, spinnt sich die Geschichte über einige Jahrzehnte fort, mit einigen Schüsselereignissen, welche alle im Bezug zu der einen Nacht im Jahr 1945 stehen. Aus der Abfolge ergibt sich, zusammen mit den kleinen Nebenhandlungen, eine Lebensgeschichte und die Geschichte jener Nacht; aber auch die Geschichte einiger weniger Gefühle: Liebe, Rache, Verdrängung und natürlich die Analyse eines bestimmtes Prozesses: des Erinnerns. Alles zusammen macht diesen Roman unvergleichlich vielschichtig.
Es gibt erstaunlich viele gute Bücher, die mit dem, was sich in den Jahren 1939-1945 in Europa an verschiedensten Stelle zutrug, auseinandersetzten und beschäftigen: Das Brandopfer z.B. oder auch Lenz Deutschstunde , Damals war es Friedrich und viele andere. Doch trotzdem, auch weil es nicht das einzige, zentrale Thema von Mulischs Roman ist (weil seine Romane selten zentrale Themen haben: sie erzählen Geschichten, die am Ende oft Parabeln auf etwas sind - wie so viele Geschichten), ist "Das Attentat" eines der besten Bücher über die Fragen, die sich zu diesem Zeitalter aufdrängen. Nicht, weil es sie erklärt, diskutiert oder aufwirft. Sondern weil es erst einmal versucht sie zu erkennen, zu finden und zu verstehen.
Ich empfehle diesen Roman, weil es ein wunderbarer Roman ist; weil er eine Geschichte erzählt und diese Geschichte sehr gut erzählt. Und letztlich auch, weil ich hoffe, dassjeder vielleicht, wie ich, am Ende, mit Tränen in den Augen (oder einem entsprechenden Gefühl), das Buch zuklappt und zu sich sagt - das war gut, verdammt gut. Auch wenn einem vielleicht die Worte fehlen, um zu sagen, wie gut - man hält ja immer noch die richtigen Worte in Händen, zwischen zwei Buchdeckeln.
Gespräche aus der Community
Und da der August der klassische Ferien- und Urlaubsmonat ist und viele mehr Zeit zum Lesen haben, die Tage sich hoffentlich dehnen und die Sommerabende lang und lau sind, soll es dieses mal um die Länge gehen. Damit die Arme bei der Hitze aber nicht wegen langer und dicker Bücher einschlafen und müde werden und der Urlaubskoffer oder die Freidbadtasche nicht allzu schwer werden, geht es nicht um die Buchlänge, sondern um die Länge des Titels.
Die Aufgabe lautet: Lies mindestens ein Buch, gerne mehr, dessen Titel aus mindestens vier Wörtern besteht. Untertitel sollten nicht dazugezählt werden (außer natürlich, ihr findet sonst kein passendes Buch).
Ich bin sehr gespannt, welches der längste hier genannte Titel sein wird!
Beispiele aus meiner Bibliothek hänge ich an, nur so zur Inspiration ;-) Meine längsten Titel sind mit jeweils acht Wörtern übrigens "Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz" und "Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich".
Zusätzliche Informationen
Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1926 in Haarlem (Niederlande) geboren.
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