Harry Parker

 4.6 Sterne bei 9 Bewertungen

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Anatomie eines Soldaten

Anatomie eines Soldaten

 (9)
Erschienen am 09.11.2016

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Rezension zu "Anatomie eines Soldaten" von Harry Parker

Literatur aus Schmerz und Menschlichkeit
buchwanderervor einem Jahr

„Das bin nicht ich, dieser kaputte Körper, das bin ich einfach nicht.“ (S.166)

Zum Inhalt:

Soldat BA5799 trägt Verantwortung. Verantwortung für sich und eine Gruppe ihm unterstellter Soldaten. Und er ist sich dessen bewusst, macht sich Gedanken, nimmt seinen Auftrag und seine kameradschaftliche Pflicht nicht auf die leichte Schulter. Er will aber auch verstehen, was er hier fernab von zu Hause verteidigt, wofür er einsteht – immerhin mit nichts weniger als seinem Leben.

Dieses Leben ist es, das eine Landmine beinahe einfordert. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein Wimpernschlag und er wird vom wertvollen Menschen / Soldaten zum belastenden Kriegsversehrten. Den Weg dorthin beschreiben schlaglichtartig Gegenstände. Banale,alltägliche Gegenstände wie Düngersäcke, Tuben welche der Beatmung dienen, Feldstiefel, ein Rucksack…

Das Leben, die Geschichte des Protagonisten gleicht einem Dreiklang, dessen Widerhall den Leser nicht selten atonal aus dem Konzept bringt. Zum einen das Leben als Soldat, beinahe selbstverständlich, „normal“, einer gewöhnlichen Arbeit nachgehend. Zum anderen das Leben als Rekonvaleszenter auf der Schneide der Sense von Gevatter Tod, nicht wissend ob man(n) auf die eine oder andere Seite derselben kippt, ob es noch einen Tag danach geben wird. Und als dritter im Bunde ein Lebensstrang, den es sich zu erarbeiten gilt: das Leben als Versehrter, Behinderter, Stigmatisierter, als Ausschussware der Kriegsmaschinerie… oder als anderer, aber vollwertiger Mensch.

Dabei geht es nie explizit um ein moralisierendes Anklagen wessen auch immer. Es geht um das ganz persönliche Schicksal von BA5799 geschildert von den unpersönlichsten Dingen, eine Distanz schaffend, die den Abgrund des Vorher und Nachher noch um ein vielfaches tiefer und schwärzer erscheinen lässt. Einen Abgrund der das Potential in sich trägt jeden zu verschlucken, der nicht um seinen Wert kämpft, der keinen Rückhalt in sich selbst und keinen Ankerpunkt in einem neuen, einem zweiten Leben zu finden vermag.

Fazit:

Harry Parker weiß, wovon er spricht. Und das tut er ohne Filter, ohne unnötiges Pathos, ohne Beschönigungen. Er changiert glaubwürdig zwischen dem pflichtbewussten Soldaten und dem Menschen, der zum einen die Bewohner eines fremden Landes zu verstehen sucht, zum anderen sich zurückkämpft in ein „normales“ Leben  in der ihm vertrauten Kultur. Einer Kultur, die ihm zu einem nicht unerheblichen Teil fremd geworden ist, deren Wertigkeiten er für sich neu einstuft, einstufen muss, will er nicht nur ein Versehrter an Physis und Geist bleiben.

Zum Buch:

Als gebundenes Buch liegt das Exemplar mit Schutzumschlag für diese Rezension vor. Der stabile Buchblock setzt sich aus etwas mehr als 350 Seiten zusammen deren Bedruckstoff von angenehmer Haptik ist und dessen Einarbeitung in die festen, imprägnierten und künstlerisch dezent gearbeiteten Buchdeckel keine Wünsche offen lässt. Typografisch ist der angenehm lesbare, aus der Minion Pro gesetzte Text bis auf die Kapitelziffern sehr schlicht gehalten. Die bildnerische Gestaltung des Umschlages versucht eine Visualisierung der physischen wie psychischen Zerrissenheit des Menschen hinter dem Soldaten BA5799, was aus meiner Sicht in bestechender Einfachheit des Motives gut gelingt.

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Rezension zu "Anatomie eines Soldaten" von Harry Parker

Interessante Perspektiven - nüchtern erzählt
Lisbeth76vor 2 Jahren

Ein Geschichte, die dem Leser auf besondere Art und aus ungewöhnlichen und interessanten Blickwinkeln die Grausamkeiten und Unsinnigkeiten eines Krieges vor Augen führen. Über 40 Gegenstände berichten aus ihrer Perspektive über den Kriegseinsatz, die Verletzung und die Zeit danach von Captain Tom Barnes. Gegenstände, die mal länger und mal kürzer bei dem Soldaten verweilen, und aus verschiedenen Distanzen berichten. Das sind z.B. ein Schuh, eine Landmine, ein Katheter, ein Besen, ein Blatt Papier für einen Brief, eine Beinprothese usw.. Manchmal war ich mir nicht sicher, welcher Gegenstand berichtet, einige Kapitel sind sehr kurz und der "Erzähler" wird nicht immer direkt benannt. Für mich hat es dadurch lange gedauert, bis ich wirklich Zugang zu der Geschichte bekommen habe, erst spät wurde es etwas persönlicher und ich habe Tom Barnes doch noch besser kennen gelernt. 

Ich muss gestehen, dass ich dieses Buch auf gewisse Weise großartig finde, es mich jedoch nicht wirklich packen konnte. Ich habe einige Wochen gebraucht um es auszulesen, für mich ist es keine Geschichte, die ich in einem Rutsch lesen kann, dafür war es z.T. zu abgehackt und unpersönlich. 

Die Unsinnigkeiten eines Krieges werden hier jedoch sehr deutlich. Recht brutal und nüchtern erzählt die Geschichte, dass es eigentlich nur Verlierer geben kann. Familien verlieren ihre Kinder und massenweise Soldaten sterben oder landen verstümmelt in Krankenhäusern. Es wird nichts beschönigt und keine der Kriegsparteien wird in ein besseres Licht gerückt. 

Ein Buch, mal ganz anders als das, was ich normalerweise lese. Im Ganzen hat es mich beeindruckt und auch der Stil ist interessant. Dennoch fällt mein Fazit er durchschnittlich aus, einfach, weil es teilweise für mich sehr schleppend weiterging und ich keinen richtigen Bezug zu den Figuren bekommen habe. 

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Rezension zu "Anatomie eines Soldaten" von Harry Parker

Ein falscher Schritt, ein Hochsprung und 45 Gegenstände, die davon Berichten.
Buecherspiegelvor 2 Jahren

Ein im Schreibstil außergewöhnlicher Roman ist das Buch von Harry Parker „Anatomie eines Soldaten“, übersetzt von Johannes Sabinski. Wenn Rezensionen über dieses Buch geschrieben werden, werden wir häufig die Worte „verstörend“, „intensiv“, „aufrüttelnd“ lesen. Ich selbst kann dies nur bestätigen.

45 Gegenstände erzählen aus ihrer Sicht die Geschichte des Soldaten Tom Barnes sowie der beiden jungen Freunde Faridun und Latif. 45 Gegenstände sind 45 Kapitel, bei der nicht klar wird, wo genau der Krieg stattfindet, bei dem Tom Barnes mitwirkt, das Camp des Captains steht, die beiden Freunde sich plötzlich auf verschiedenen Seiten stehend wiederfinden. Es kann in Afghanistan sein oder im Irak stattfinden, im Grunde ist das gleichgültig.

Da gibt es zum Beispiel ein Munitionsgeschoss, das davon berichtet, wie es von Tom zusammen mit anderen sortiert, geprüft und schließlich alle ins Magazin eingelegt werden, nur um dann zu warten, dass es irgendwann abgeschossen wird. In der Zeit, in der es mit dem Captain zusammen ist, kann es davon berichten, welche Gedanken Tom hegt, welche Schritte er geht, mit wem er sich unterhält. Irgendwann wird auch dieses Munitionsgeschoss letztendlich abgeschossen, und es lässt uns teilhaben, wie es ist, hinaus katapultiert zu werden, mit welcher Geschwindigkeit, welche Geräusche entstehen, die Luftverdrängung und vieles mehr.

So ergeht es uns mit allen Gegenständen. Ob es die Schilderungen der Handtasche der Mutter ist, die ihren Sohn im Krankenhaus besucht, der Teppich im Haus von Faridun, auf dem der Captain und Fariduns Vater Platz nehmen, um zu reden und Tee zu trinken oder die Bombe, die durch Latif zur Explosion gebracht wird.

Die Intensität der sprechenden, denkenden, erzählenden Gegenstände, treibt einem auf vielen Seiten die Tränen in die Augen und ich wollte an einigen Stellen am liebsten, dass das Buch ganz schnell endet, um es im nächsten Moment wieder in die Hand zu nehmen. Es ist ein Antikriegsbuch, das, so ist die Menschheit, so verstörend es sein mag, seine Wirkung nicht erreichen wird. Mitzuerleben, wie Tom seine Beine verliert, wie er Monate braucht, um wieder halbwegs selbstständig agieren zu können, das tut weh. Und wenn ein Spiegel erzählt, wie Tom sich nur ein einziges Mal seiner Funktion annimmt, ist die Einsamkeit und Verzweiflung greifbar.

Harry Parker lässt seine Gegenstände die Geschichte aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählen, teilweise zeitgleich am selben Ort, von unterschiedlichen Standorten, und deren Gebrauchsarten. Auch spielt der Roman in unterschiedlich Zeitsprüngen, die aber gut zu folgen sind. Er beginnt mit dem absoluten Trauma, als Captain Tom Barnes in die Luft geschleudert wird. Ein falscher Schritt und das Leben ist nicht mehr wie es war. Und der Autor kann das was kommt nur deshalb so gut beschreiben, weil er all das selbst erlebt hat. Es ist ein autobiografischer Roman, ein Debüt, das überaus überrascht. Das findet sich zum Beispiel bei der Beschreibung einer Schönheit, nämlich einer Schneeflocke, wie sie als Tropfen dem Himmel entgegenstrebt, durch Wetterschichten dann einzigartig vom Himmel fällt und Tom beobachtet und uns von ihm berichtet. Er hat den Blick durch grausame Werkzeuge nicht für das Gute verloren.

Harry Parker lebt heute als Schriftsteller und Künstler in London. Der Roman ist bei Benevento erschienen und kostet 24 Euro bei 352 Seiten.


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