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vor 7 Monaten

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Hiermit stelle ich Euch ein Buch sehr persönlicher Erinnerungen aus DDR-Zeiten vor, vor allem die Liebe zu meiner Frau. Im zweiten Teil des Buches habe ich meine Eindrücke und Beobachtungen aus der Nachwendezeit notiert.

Autor: Harry Popow
Buch: Der Schütze von Sanssouci

Kontrahent

vor 7 Monaten

1. Textauszug (Seiten 8 - 16)

Leserunde

Der Schütze von Sanssouci

Prolog, Göttin, Albtraum (S.8 bis 16)

Prolog

Es muss in unruhigen Zeiten gewesen sein, Anfang der 60er Jahre, weltpolitisch gesehen. Da nahm ein junger Mann in grauer und schlichter Uniform täglich seinen Weg von der Wohnung zur Kaserne Ruinenberg in Potsdam und des abends, so der Dienst es wollte, zurück zu seinem Zuhause, wo SIE war, seine Ingrid, die er Cleo nennt.
So oft sie Zeit haben, spazieren Cleo und Henry, so bezeichnet sich der im Sternbild Schütze geborene, durch den herrlichen und weitläufigen Park Sanssouci. Und immer, wenn sie am Bogenschützen vorbeikommen, verharrt Cleo schweigend und versonnen vor ihrer Lieblingsskulptur. Und wenn ihr Blick auf den muskulösen Waden haften bleibt, dann kann sie nicht anders, dann stellt sie Vergleiche an, und die fallen recht schmeichelhaft aus für Henry, gesteht sie. Du bist mein Bogenschütze, du musst mich beschützen, glaubt er in ihren schalkhaften Augen und in ihrem stillen Lächeln zu lesen ...
Nie hätte sich Henry träumen lassen, als Offizier und später als Militärjournalist in den bewaffneten Organen der DDR seinen Dienst zu versehen. Eigentlich wollte er Geologe werden. In die Tiefe schauen, was den Planeten so zusammenhält und die Menschen. Doch es kam ganz anders. Und so war es dem Zufall zu verdanken, dass er nicht nur seine Cleo-Göttin kennenlernte, sondern auch – wieder durch Zufall – in der Ruinenberg-Kaserne zunächst als Zugführer den jungen Leuten lehrte, wie man „den Bogen“ zu spannen und notfalls richtig zu zielen und zu treffen hat.
So hat er zweiunddreißig Jahre mitgewirkt an einer Alternative zum Krieg, an einem Entwurf für ein großartiges Gesellschaftsgemälde. Darauf ist der einstige Oberstleutnant stolz. Nicht aber darauf, dass man im kleinen Land unter äußerem und später innerem Druck mit der Zeit vieles vermasselt hatte. Auf absehbare Zeit unwiderruflich. Verspielte Chancen! Und was dann kam ...




Rückschau auf dem Balkon...

Irgendwo hinter’m Regenbogen, ganz weit oben, da ist ein Land,
von dem hab ich mal in einem Gute-Nacht-Lied gehört.
Weil, da droben, über dem Regenbogen, da ist der Himmel blau,
und wenn du dich traust zu träumen,
dann werden diese Träume auch wahr.

Wir schreiben das Jahr 2016. Sie können noch träumen – Cleo und Henry, das bin ich. Wir lauschen diesem Text im Radio. Melodisch. Gedankenreich. Zum Träumen. Kastanienzeit. Sonne. Das Grün. Die Wärme. Sie – Tränen in den Augen. Bald kommt der ewige Abschied. Ich nehme sie in meine Arme. Wir tanzen im Wohnzimmer. Nach dem Frühstück. Ihr Kopf liegt fest an seiner Schulter. Er streicht ihr leicht mit den Fingern hinter den Ohren. Ganz fest halten sie sich. Das Schöne und Liebe ist bei beiden zu Hause. Seit über einem halben Jahrhundert.

Was gibt es Wichtigeres als das einzigartige Leben? Mit all diesen Hoffnungen und auch Enttäuschungen? Mit all den Mühen und auch dem Spaß?

Wir sitzen auf dem Herbstbalkon. Cleo und ich. Die ersten Blätter fallen. Wir sprechen miteinander. Wir haben Zeit. Und wir lachen. Über Versprecher und Vergesslichkeit. Besonders meinerseits. Und über Vergangenes, über die großen Kinder, über unsere zwei Filmleute – Regisseurin und Kameramann - und über die Älteste, die Visagistin sowie über die Enkel, deren wir drei haben: Flu, Melvin und Lucy. Dann lächeln wir über so manche Episode in unserem Leben. Und wie viele Male sagen wir uns: Richtig gemacht, dass wir uns gefunden haben. Und immer noch verliebt sind ineinander. Aber wie... (Foto: Cleo im Jahre 2005)



Der schöne Rand von Berlin ist für uns Schöneiche. Seit 2005. Die Wohnung hatten die Kinder für die Eltern herausgesucht und wohnlich hergerichtet. Vor allem gemalert. Hinter Cleo und ihrem Schützen liegen neun Jahre in Südschweden. Die Unvergesslich bleiben, von denen man noch lange erzählen wird, von denen man viele Male noch träumen kann. (Siehe im Buch „In die Stille gerettet“)

Cleo – die Göttin

Für beide ist Langeweile ein Fremdwort. Mein Geburtstag zum Beispiel. Auf dem Vertiko im Wohnzimmer lachen mich einige mit Sorgfalt ausgesuchte Dinge an. Auch eine „Rügenwalder“ Wurst, die ich so gerne esse. Cleo lacht mich an, holt wenig später aus irgendeiner Ecke ihres erstaunlichen Gedächtnisses Verse aus Goethes Faust Teil II hervor, tanzt nach einer CD den Bolero (Ravel). Sie sprüht vor Energie: Ich sehe ihre Augen, schön wie eh und je, ihr gestenreiches Artikulieren, das Temperament, da kommt was rüber, da geht die Post ab. Ich kann meinen Blick nicht von ihr lassen. Sie: „Was guckst du mich so an?“ Da fällt ihm ein Vergleich ein: „Du hast eine Ausstrahlung auf mich – stärker als der Sonnenwind!“ Ehrlich, ich weiß nicht, wie ein Sonnenwind auf mich wirken würde, aber Cleo lächelt. Das gefällt ihr, sagt sie. Dann spielt sie „Lucia" auf der Orgel, schimpft mich Gewalttäter, weil ich zu kräftig mit der Klappe eine Fliege töte. Auch singt sie Volkslieder, die sie schon mit vier Jahren im Luftschutzkeller sang aus Angst vor den Bomben.

Cleo – mit ihr ist jeder Tag ein Gewinn. Eine Frau mit Format: Schönheit, innere und äußere, gepaart mit Klugheit, ja, Scharfsinn, einem Urteilsvermögen in allen Lebenslagen, das Hellseherei vermuten lässt, also etwas sehen können, ohne suchen zu müssen. Dazu ein Rechtsgefühl und viel einfühlsame Menschlichkeit. Auch eine Selbstlosigkeit, die an Selbstaufopferung grenzt. Für die anderen da sein, ohne jemals nach Gegenleistungen zu fragen, das ist schon wie ein Wunder. Cleo, Cleopatra – so wurde sie in ihrer Jugend von Gleichaltrigen genannt. Dabei waren und sind ihr Machtgier, Egoismus, übertriebener Ehrgeiz, Neid oder gar das „Statusdenken“ ein Leben lang Fremdwörter geblieben. Und – sie lässt sich niemals gängeln, was sie zu denken und zu tun hat. Von wegen im Politischen Gleichschritt mit ihrem Mann marschieren? Ja, im Wesentlichen, nicht in allen Details. So manche Versuche von durchaus klugen Leuten scheiterten, sie parteilich zu binden. Fehlanzeige. Sie wollte sich von keinem Statut etwas vorschreiben lassen. Sie ist halt ein oft rätselhaftes Phänomen. Sie hätte einen Prominenten an ihrer Seite verdient ... Nun aber hat sie mich, den Henry, dazu noch einen unverbesserlichen Schützen im besten Sinne des Wortes. Ein lebenslanges Rätsel: Warum ich? Habe ich sie verdient? Diese Frage geht mir oft durch den Kopf. Wie wurde ich ihr gerecht in unserem nunmehr fünfundfünfzigjährigem Zusammensein? Hat sie mich nur geduldet, etwa der Kinder wegen? Nein, auch die wären für sie kein Bindungsgrund geblieben, wäre da nicht mehr, viel mehr! Es ist mir, als hätte sich mein Lebensweg schon in jungen Jahren nur auf einen Punkt hin bewegt: Nämlich SIE zu finden und mit IHR zu gehen, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Aber, aber – sie ist im Sternbild Widder geboren, ich im Sternbild Schütze! Auch deshalb geht das gut, obwohl keiner von beiden abergläubisch ist. Das Leben hat es bewiesen.
Am späten Nachmittag zieht es mich wieder an den Computer im kleinen rosafarbenen dritten Zimmer. Wühle in alten Notizen, sehr alten sogar: Zerfaserte einzelne Blätter, mit Bleistift beschriebene, kleine Hefte, Tagebücher und Briefe. Aufheben oder wegwerfen? Habe Spaß daran, die alten Papiere aufzuheben, so wie andere Briefmarken sammeln. Aber es waren sporadische Eintragungen, je nach Lust und Laune. Heute sind es wider erwarten private Zeitdokumente geworden, von einem sinnerfüllten Streben, wie es so vorläufig nicht mehr geben wird. Zu DDR-Zeiten wäre ich wohl nicht darauf gekommen, daraus einmal ein Büchlein zu machen. Warum auch? Die Mühen der Vergangenheit wären nicht verteufelt worden. Ganz im Gegenteil. Aber, so glaube ich, es lohnt sich, die ebenen Strecken und auch die Bodenwellen des bisherigen Weges – des gesellschaftlichen und des privaten - schreibend festzuzurren. Dazu sehen sich viele veranlasst. Warum ich nicht? Und so tippe ich manche Erinnerung, kleine und interessante Episoden in den elektronischen Speicher. Schließe ich die Augen, so sehe ich zum Beispiel die Friedrichstraße, auf der Cleo und ich so gerne und oft spazieren gingen, auch im Nikolaiviertel. Wie oft suchten wir Cafès auf, als alles noch bezahlbar war. Jetzt sitzen dort andere. Da reitet mich der Teufel, denn ich tippe folgenden Satz in die still schluckende Maschine: „Den goldbehängten Gutbetuchten auf der Friedrichstraße begegnen müssen? Nicht mit uns.“ Muss ich so blöd sein, frisch gelegte Eier vorzuzeigen? So war das auch früher mitunter in der Redaktion. Die Folge? Mir flogen die Kritikfetzen um die Ohren, umgehend. Aber das half. Ich besann mich. Und nun? Er ist schon wieder naiv, will seiner Frau den oben genannten Satz zeigen. Hatte sie doch letztendlich manche Textstelle, den er ihr vorgelesen hatte, mit Lob bedacht. „Gut, brauchst du nichts ändern.“ Aber auf der Hut sein muss er schon, muss jederzeit auf Widerrede gefasst sein. Anfangs wollte sie nichts hören von seiner Schreiberei: „Was soll der Mist. Spinnst du, an die Öffentlichkeit zu gehen. Es schreiben so viele. Wer soll denn das lesen?“ Nein, ermutigt hat sie ihn durchaus nicht, aber sie ließ ihn gewähren, das war ja schon ganz gut. Wenn sie allerdings Dummheiten hört, geistige Ausrutscher, intolerante „Geistesblitze“, Primitives, Unausgegorenes – dann kannst du dich frisch machen. Dann ist sie nicht fein. Dann schießen aus ihren schönen Augen Feuerblitze und aus ihrem Mund scharfsinnige, niederschmetternde Urteile. Sie ist geradeheraus, sie denkt nicht um die Ecke, ihr Temperament gebietet ihr absolute, undiplomatische Offenheit. Sie sei mitunter ein „Bierkutscher“, derb und unverblümt, warnte lächelnd einst ihr Vater. Er sollte recht behalten. Ich hatte mich darauf eingestellt, ja, ihre Bodenständigkeit holte mich, den mitunter leicht Schwebenden, oft genug auf den Boden der Tatsachen zurück. Was soll’s, sie ist halt eine Lehrerstochter. So auch diesmal. Kaum hatte sie den Text gelesen, da schoss ein Blitzkommentar aus dem „Widder“ heraus: „Was haste da für‘n Mist geschrieben, willste dich blamieren, willste als Neider dastehen? Das einzig bemerkenswerte an denen sind doch höchstens ihre perfekten falschen Zähne ...“

Bummel in Moskau 1981 mit Natalja Bersarina, der Witwe des ersten sowjetischen Militärkommandanten in Berlin und Gewinnern des Preisausschreibens der Illustrierten Frauenzeitschrift „Für Dich“, (rechts neben ihr Ingrid Popow)










Kleines Souvenir – und gute Gespräche mit Dean Reed zwischen den Auftritten auf der Bühne Ruinenberg anlässlich des Pressefestes 1975 in Potsdam.
Dean Reed schrieb diese Widmung:
Liebe Ingrid
Ich danke Dir für die Freundschaft und Solidarität. Ich wünsche Dir alles Gute!
Dean Reed

Albträume
Den alt gewordenen Schützen von Sanssouci schütteln mitunter auch noch Träume, die aus den Tiefen der Erinnerung ganz plötzlich auftauchen. So wie dieser: Wache aus einem Albtraum auf: Feuersbrünste. Wassermassen. Weltuntergang? Nein, Krieg. Alles spielt sich nur vor dem Fenster ab. Unser Haus bleibt verschont. Wie es heißt, hat ein Offizier an der Grenze nach einem scharfen Wortwechsel den ersten Schuß befohlen. Eskalation der Gewalt. Nun war’s passiert, was jahrelang verhindert werden sollte. Strom fällt aus. Kein Fernsehen mehr. Keiner weiß mehr, was passiert. Dann Redaktionssitzung. Der Leitartikel, geschrieben von einem Minister, soll die Situation verschärft haben. Er schrieb vom unerschütterlichen Klassenstandpunkt, von der vereinten Kraft mit den Waffenbrüdern und das „wir“ es dem Gegner schon geben werden. Der hohe Staatsfunktionär wird hart kritisiert. Man fragt mich nach meiner Meinung. Doch ich hatte den Artikel noch nicht gelesen. Der Abteilungsleiter beschimpft mich. So hatte mich die Vergangenheit wieder einmal eingeholt, wenn auch nur im Traum...

Vampir989

vor 5 Monaten

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Das klingt nach einer sehr interessanten Biographie.Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen.Bei uns in der Stadt gabe es eine Armee Kaserne.Außerdem lese ich gern Bücher die über geschichtliches erzählen.Besonders wenn es um Deutschland und der ehemaligen DDR gibt.Auch die Wendezeit interessiert mich sehr.Sehr gern würde ich dieses Buch lesen und bewerbe mich für ein Printexemplar

mehrpfot

vor 5 Monaten

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Der Textauszug hat mich teilweise verwirrt, gerade die "Szenenwechsel", aber vermutlich liegt es auch an der mangelnden optischen Formatierung.

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